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Sportforum zeigt: Insolvenz ist Chance

Bentwisch Sportforum zeigt: Insolvenz ist Chance

Verwalter setzt auf Sanierung der Unternehmen / Pleitefälle derzeit rückläufig

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Bentwisch. „Pleitegehen ist nicht so schlimm. Wichtig ist, dass man wieder aufsteht“, sagt Prof. Tobias Schulze, Insolvenzverwalter und Sanierungsberater bei Ecovis Grieger Mallison. „Sanieren statt zerschlagen“, darum gehe es zunehmend im deutschen Insolvenzrecht. Voraussetzung: Unternehmer zögern nicht allzu lang, bevor sie Insolvenz anmelden. „Vor der Intensivstation rechtzeitig zum Arzt gehen“, beschreibt es Schulze.

 

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Mathias Freiheit, Chef der „Ohne Barrieren“ Wohnen und Sozialdienste gGmbH, vor dem Sportforum, beantragte 2016 Insolvenz.

Quelle: Foto: D. Kesselring
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„„Vor der Intensivstation rechtzeitig zum Arzt gehen. Nicht zu lange mit dem Antrag warten, dann kann Insolvenz auch eine Chance sein.“Prof. Dr. Tobias Schulze Insolvenzverwalter bei ecovis

Das hat Mathias Freiheit, Geschäftsführer der „Ohne Barrieren“ Wohnen und Sozialdienste gGmbH, Ende 2016 getan. Die gemeinnützige Gesellschaft mit dem Integrationshotel Sportforum in Rostock, der Küstenmühle und anderen gastronomischen Einrichtungen stand auf solidem Grund, doch Altlasten aus der Insolvenz des Hauptgesellschafters, des Vereins „Ohne Barrieren“, im Jahr 2015 drückten schwer.

Gläubiger hielten sich mit ihren Forderungen an die abgespaltene, gesunde gGmbH. Aus Angst, die alten Zahllasten aus dem operativen Geschäft nicht weiter bedienen zu können, zog Freiheit die Reißleine und stellte einen Insolvenzantrag.

93 unternehmerische Insolvenzverfahren wurden 2016 in Rostock eröffnet. Landesweit waren es 300. „Mit einer Quote von 54 insolventen auf insgesamt 10 000 Unternehmen liegt Mecklenburg-Vorpommern bundesweit auf Platz sechs“, erklärt Pascal Hunkel von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Die wenigsten Firmenpleiten gibt es in Baden-Württemberg, die meisten im Saarland und in Nordrhein-Westfalen. „Wir profitieren von der Konjunktur“, sagt Hunkel. Die Zahl der Insolvenzen sei in den letzten Jahren rückläufig. Nur die Schadenssumme im Land wäre 2016 hochgeschnellt. „Das hängt jedoch mit Großinsolvenzen wie German Pellets in Wismar zusammen“, erklärt Hunkel.

Im Fall des Rostocker Sportforums und der dazugehörigen Einrichtungen konnte Insolvenzberater Schulze den Betrieb in Eigenverantwortung der gGmbH weiter erhalten. „Dies ist einer der seltenen Fälle, wo in größeren Unternehmen durch das Instrument des Insolvenzrechts 70 Arbeitsplätze, davon 35 für Menschen mit Handicap, aufrechterhalten werden konnten“, erläutert Schulze. Er habe ein Betriebsgutachten erstellt, mit Lieferanten und Gläubigern verhandelt. „Vertrauen aufbauen“, sagt Schulze, „Verbindlichkeiten einhalten, das ist das A und O.“ In MV sei sonst der Ruf schnell ruiniert.

Beim Sportforum stand die Frage, das geleaste Inventar rausreißen und verkaufen oder den gesunden Betrieb weiterführen, erläutert der Experte. „Für die Gläubiger ist Letzteres die bessere Variante“, betont Schulze. Am 26. April sei Gläubigerversammlung, Ende Mai könne das Verfahren mit Annahme des Insolvenzplans zur Sanierung des Unternehmens abgeschlossen werden. Vom Gewinn würde ein bestimmter Teil an die Gläubiger abgeführt. „Ein gutes Beispiel einer gelungenen Insolvenz“, resümiert der Verwalter.

Schulze kennt andere Beispiele, „wo man in tiefe Abgründe blickt“. Er erinnert an einen Fall aus 2016, wo ein Geschäftsführer aus dem Landkreis Rostock über Jahre hinweg Diesel gepanscht und weiterverkauft und in „Größenordnungen“ bewusst Steuern hinterzogen habe. „Die Leute haben ihren Job verloren, der Chef ist im Ausland“, erzählt Schulze. Diese kriminelle Insolvenz sei inzwischen ein Fall für den Staatsanwalt.

Ganz automatisch wandert die Akte zur Staatsanwaltschaft, wenn das Insolvenzverfahren mangels Masse nicht eröffnet wird. Das sei bei etwa 30 Prozent der Unternehmensinsolvenzen der Fall. Dann suche die Justiz Anhaltspunkte für strafrechtliche Verfahren. „Wenn 2500 bis 3000 Euro Masse da sind, eröffnen wir in der Regel in MV Insolvenzverfahren“, erklärt der Verwalter, der dafür wirbt, „Insolvenz auch als Chance“ zu verstehen.

Schulze wird auch bei Verbraucherinsolvenzen aktiv. „Hier finden wir ein Abbild der Gesellschaft vor“, sagt er, „alle Altersgruppen, Menschen, die Pech hatten, schlecht beraten wurden, nicht mit Geld umgehen können, bis hin zu Straftätern.“ Auch die Zahl der Privatinsolvenzen sei laut Creditreform rückläufig. 2016 waren es in Rostock 314 Fälle, davon 72 in Groß Klein und Lichtenhagen und 53 in Toitenwinkel und Gehlsdorf.

Eröffnete Insolvenzen 2017

141 unternehmerische Insolvenzen wurden 2017 bislang in MV eröffnet,

davon 27 im Landkreis Rostock, 15 in der Hansestadt. Zu den Branchen gibt es keine Auskunft. Bundesweit liegen vor allem Umzugstransporte, Bars, Post-, Kurier- und Expressdienste vorn. In den ersten Monaten des Jahres gab es bereits 371 eröffnete Verbraucherinsolvenzen. Hier liegt Rostock mit 81 Fällen auf Platz zwei hinter dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte (86). Im Landkreis Rostock gab es 39 Privatinsolvenzverfahren.

Doris Kesselring

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