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„Strandoma“ im Rollstuhl kommt nicht ans Wasser

Warnemünde „Strandoma“ im Rollstuhl kommt nicht ans Wasser

Petra Behrendt vermisst barrierefreie Wege an die Ostsee / Rolli-Fahrer scheitern an Treppenstufen und Ladenaufstellern / Tourismusdirektor kündigt neue Strandaufgänge an

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Uwe Ahrens (l.) und Rocco Westphal verlegen am Strandaufgang 4 neue Platten für einen barrierefreien Weg zum Wasser. Rolli-Fahrerin Petra Behrendt testet im Beisein von Strand-Oase-Chefin Franziska Treichel schon mal die ersten Meter des Pfades.

Quelle: Fotos: Doris Kesselring

Warnemünde. „Strandoma“ nennt sie ihr dreijähriger Enkel. Jakob liebt es, mit Petra Behrendt an den Strand zu fahren. Doch die 55-Jährige sitzt im Rollstuhl, und so endet die Tour mit dem Enkel auf dem Schoß zumeist an den Dünen. „Mir bleibt dann nur der Blick aus der Ferne aufs Wasser“, sagt Petra Behrendt enttäuscht.

OZ-Bild

Petra Behrendt vermisst barrierefreie Wege an die Ostsee / Rolli-Fahrer scheitern an Treppenstufen und Ladenaufstellern / Tourismusdirektor kündigt neue Strandaufgänge an

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Sie vermisst behindertengerechte Aufgänge am Strand — vor allem in der Nebensaison. „Rollstuhlfahrer halten doch keinen Winterschlaf“, betont die couragierte Frau, die an Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) erkrankt ist, eine nicht heilbare Erkrankung des motorischen Nervensystems. Seit neun Monaten sitzt sie im Rollstuhl und sieht seitdem die „Welt mit anderen Augen“.

Petra Behrendt wohnt in Lütten Klein. Vor zwei Jahren ist die gebürtige Berlinerin, die 25 Jahre lang einen Reiterhof im Brandenburgischen betrieb, an die Ostsee gezogen. Hier hat sie nach jahrelangem Ärztemarathon — „weil die Beine zusehends versagten“ — die Diagnose ALS erfahren. „Deshalb stecke ich nicht den Kopf in den Sand. Mir geht es gut, und ich will leben“, sagt sie trotzig.

Mit ihrem Elektro-Rolli erkundet sie die Stadt. Dabei stößt sie immer wieder an Grenzen: „Es heißt zwar, wir sind behindert. Doch meine Erfahrung zeigt: Man behindert uns.“

Ein kleiner Ausflug ins Ostseebad zeigt, wo die Barrieren liegen. Nur wenige Geschäfte in der Mühlenstraße haben Rampen für Kunden mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen. „Dabei ist das die einfachste Sache der Welt“, sagt Volker Schnabel, der seit drei Jahren Tag für Tag eine kleine Rampe vor seiner „Trödelecke“ platziert. „Die wird eifrig genutzt“, berichtet der Ladenbesitzer.

Am Alten Strom stoppt die Rolli-Fahrerin vor etlichen Treppenstufen. Gibt es doch schräge Auffahrten zu Geschäften und Gaststätten, versperren offene Türen, Werbeaufsteller, Blumentöpfe die Durchfahrt. „Das ist ärgerlich“, konstatiert Petra Behrendt, die auf die Situation von Menschen mit Handicap aufmerksam machen will.

In der Tourismusinformation fragt sie nach Strandrollstühlen. Verwiesen an die Ausleihstation in der Mühlenstraße winkt sie ab: „Die Rollis da sind zum Schieben, das nutzt mir allein nichts“, sagt die dreifache Mutter und vierfache Oma. Erfreut beobachtet Petra Behrendt, dass am Strandaufgang 4 gerade der Plattenweg zum Wasser verlegt wird. Eine Privatinitiative der Familie Treichel, die hier eine Strandoase betreibt. Seit dem Jahr 2000 vermieten Treichels Strandkörbe, seit 2004 auch für Gehandicapte. „Wir haben die Rollifahrer einsam an den Dünen stehen sehen und beschlossen, wir müssen was tun“, erinnert sich Franziska Treichel. Der Plattenweg bis fast ans Wasser wurde gelegt — eine 10000 Euro-Investition, dazu ein Baderollstuhl zur kostenlosen Nutzung. „Wir wollen sie alle am Strand haben“, begründet die Oase-Chefin ihr Engagement. „Ob mit Rollstuhl, Rollator, Kinderwagen oder Beinbruch — der Aufgang ist für alle da.“ Petra Behrendt testet schon mal den Weg, der sie als einziger am Strand von Warnemünde auch an die Ostsee führt.

„Wir wollen noch weitere barrierefreie Strandzugänge schaffen“, kündigt Rostocks Tourismusdirektor Matthias Fromm an: „Aber nicht mehr in diesem Jahr.“ Grundsätzlich sei die Stadt gut gerüstet für Touristen mit Einschränkungen. „Doch das Angebot kann noch wachsen. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wird die Zielgruppe größer. Da ist sowohl die Kommune als auch die Eigeninitiative von Unternehmen künftig stärker gefragt“, sagt Fromm.

Eine unbefriedigende Antwort für die „Strandoma“. Aus ihrer Sicht ließe sich vieles mit wenig Aufwand und etwas Weitsicht schnell ändern. Sie lobt Bus und Bahn, die sich auf Rolli-Fahrer eingestellt hätten, Gaststätten, die behindertengerechte Toiletten nachgerüstet haben. „Der Blickwinkel macht es“, glaubt Franziska Treichel. Sie lädt Petra Behrendt in die Strandoase ein. „Dann setze ich mich mal in den Rolli, um ein Gefühl dafür zu bekommen“, sagt sie.

Schwerbehindert in HRO

9,4 Prozent der Rostocker sind laut Statistik schwerbehindert (2013). 19 200 Schwerbehinderte sind es konkret, die in der Hansestadt leben. Hinzu kommen jährlich viele Touristen, die barrierefreien Urlaub machen wollen. Als schwerbehindert gelten Menschen mit einem Behindertengrad über 50 Prozent. Die Stadt bekommt jährliche Zuschüsse in Millionenhöhe für die Integration von Einwohnern mit Handicap.

Von Doris Kesselring

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