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Streit um Hähnchenmast vor Gericht

Broderstorf Streit um Hähnchenmast vor Gericht

Bürgerinitiative und BUND wollen gerichtlich gegen Genehmigung der Anlage in Fienstorf vorgehen

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Arne Mengel, Eva Maria Leonhardt und Holmer Hagenbart (v.r.) von der Bürgerinitiative Pro Vita stehen vor den schon ausgehobenen Baugruben für die geplante Hähnchenmastanlage in Fienstorf.

Quelle: Fotos: Doris Kesselring

Broderstorf. Für die Anwohner ist das Maß voll. Der Streit um die Hähnchenmastanlage in Fienstorf könnte nun vor Gericht ausgetragen werden. Die Bürgerinititative Pro Vita will zusammen mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gegen die Genehmigung klagen.

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Bürgerinitiative und BUND wollen gerichtlich gegen Genehmigung der Anlage in Fienstorf vorgehen

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In vier Hallen sollen am Ortsrand von Fienstorf Mastplätze für 180000 Hähnchen pro Durchgang geschaffen werden. Im Jahr würden hier 1,6 Millionen Masthähnchen produziert. „Und wir werden gezwungen, in der Umgebung einer solchen Anlage zu existieren“, sagt Eva Maria Leonhardt, Vorsitzende der Bürgerinitiative, die seit Jahren auf allen politischen Ebenen gegen die Tierfabrik protestiert. Die Anwohner fürchten um ihre Lebensqualität durch extreme Lärm- und Umweltbelastung.

„Das ist kein Bauernhof, sondern Agrarindustrie“, stellt Corinna Cwielag vom BUND-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern klar. Es handle sich nicht um Wertschöpfung im ländlichen Raum, sondern um einen Wertverlust für Immobilien und Region. „So eine Anlage ist so schädlich wie ein Bergbauunternehmen“, sagt Cwielag, die es für sinnvoll hält, rechtliche Schritte dagegen einzulegen.

„Wir brauchen keine weiteren Hähnchenmastanlagen. Der Zubau ist nicht mehr zeitgemäß“, betont Cwielag. Der BUND hat gerade Klage beim Verwaltungsgericht Schwerin gegen eine geplante Anlage bei Wardow (Recknitztal) eingereicht. In Wardow sollen 79800 Tierplätze geschaffen, 600000 Broiler im Jahr produziert werden.

„Wir haben schon mehrere Anlagen gerichtlich stilllegen oder verhindern können“, sagt Cwielag. Sie erinnert an einen Fall in Kuppentin bei Plau am See, der Massentierhalter stark verunsichert hat.

Ein Landwirt dort hatte 2011 eine staatliche Genehmigung bekommen, seine Anlage von 29500 Mastplätzen auf 131500 zu erweitern. Der BUND klagte dagegen und bekam recht. 1,5 Millionen Euro hatte der Bauer bereits investiert, die Anlage lief und wurde 2012 dann per Gerichtsbeschluss stillgelegt. „Der Rechtsstreit läuft aktuell noch, aber es ist sehr unsicher, ob die Mast weiterbetrieben werden kann“, erklärt Cwielag. Investoren gingen also ein großes Risiko ein. Und was die Umweltwirkung angehe, habe der BUND auch in Fienstorf gute Argumente.

„Diese Dimension ist gewaltig“, sagt Arne Mengel von der Bürgerinitiative vor den Baugruben, die der Landwirt vor einem Jahr ausheben ließ nach Erteiligung der Baugenehmigung durch das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt Mittleres Mecklenburg (Stalumm). Die Gemeinde Broderstorf hatte sofort einen Baustopp erwirkt. Gestritten wird derzeit um die Erschließung der Anlage. In einem Mediationsverfahren zwischen Gemeinde und Stalumm soll Einigung über die Zuwegung erreicht werden.

Ende März gab es ein „sehr angenehmes Gespräch“, wie Bürgermeister Hanns Lange sagt. Gemeindevertreter und Investor mit ihren Anwälten, der Schweriner Amtsrichter und Stalumm-Vertreter hätten gemeinsam das Terrain bereist und „akribisch“ alle Kritikpunkte abgearbeitet. Die Gemeinde habe fünf weitere Ausweichtaschen auf den Zufahrtsstraßen vorgeschlagen. „Nun müsen wir abwarten, ob die Gegenseite, der Investor, darauf eingeht“, erklärt Lange.

Enttäuscht reagiert die Bürgerinitiative. „Ausweichtaschen waren schon als Bedingung zur Genehmigung der Biogasanlage festgeschrieben, die seit fünf Jahren dort betrieben wird“, betont Eva Leonhardt.

Auch BUND-Landesgeschäftsführerin Cwielag ist erschrocken: „Wenn sich die Gemeinde mit Ausweichtaschen abspeisen lässt, wird sie über den Tisch gezogen.“ Es seien ländliche Wege, die durch ständige Gülle- und Tiertransporte beschädigt würden.

„Die Straße ist zu schmal, der nötige Unterbau fehlt, die Bankette werden zerfahren, die Straßenränder bröckeln“, zählen die Pro-Vita-Vertreter auf. Sie fürchten, dass Gemeinde und Anlieger für die Behebung der Schäden künftig tief ins Portemonnaie greifen müssten. Die Nachbargemeinde Kussewitz hatte das Wegerecht verweigert, so musste nach einer neuen Zuwegung zur Mastanlage gesucht werden.

Die führt nun vor allem durch Fienstorf und Neubroderstorf, wo viele neue Eigenheime entstanden sind. „Das alltägliche Leben der ansässigen Bürger bleibt unberücksichtigt“, kritisiert Arne Mengel.

Mit Unverständnis verweist er auf den Spielplatz, der mit Steuergeldern gegenüber der Biogasanlage entstand, die auch erweitert werden soll. „Direkt an der Erschließungsstraße, die keinen Gehweg hat.“ Von Kommunal- und Landespolitikern fühlen sich die Anwohner hintergangen. Große Hoffnung setzen sie nun in eine Klage.

25 Anträge auf neue große Geflügelmastanlagen in MV

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Geflügelstallanlagen mit einer Kapazität von 6,5 Millionen Tierplätzen pro Durchgang gibt es nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in Mecklenburg-Vorpommern. Legehennenanlagen sind dabei nicht berücksichtigt. Doch auch weiterhin wird ein starker Ausbau industrieller Geflügelmastanlagen in MV betrieben.

25 Antragsverfahren für neue anlagen sind dem BUND bekannt. Dort werden den Informationen zufolge bis zu 400000 Masthähnchen produziert, 35000 Legehennen und 86000 Masthähnchenelterntiere gehalten.

Zu den Anträgen mit Öffentlichkeitsbeteiligung kommen Anträge auf industrielle Haltungsanlagen mit Platzzahlen unter 40000 Masthähnchen oder Legehennen, die nicht der Beteiligungspflicht unterliegen.

Doris Kesselring

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