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Sucht: Brauereien tragen Mitschuld

Stadthafen/ Lütten Klein Sucht: Brauereien tragen Mitschuld

Experten kritisieren, Werbung für Alkohol fördere Abhängigkeit und erschwert das Aufhören / Kritik auch an Hanseatischer Brauerei wegen Banner am Stadthafen – die beruft sich auf den Werbekodex

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Laut Medizinern macht Werbung zwar nicht automatisch abhängig, dass sie aber einen Einfluss hat, ist unbestritten. In Rostock gibt es viele große und kleinere Werbeflächen, auf denen auch immer wieder für Alkohol geworben wird.

Quelle: Fotos: Philip Schülermann/ove Arscholl (2)/jessica Domzowa

Stadthafen/ Lütten Klein. Eine Sucht zu überwinden ist schwer, vor allem, wenn die Versuchung überall lauert. Psychologen und Suchteinrichtungen üben deshalb Kritik – auch an der Rostocker Brauerei, die für ihr Bier offensiv in der Stadt wirbt. Die Experten sind sich einig: Werbung beeinflusst das Trinkverhalten und birgt die Gefahr der Abhängigkeit oder sie schwerer bekämpfen zu können.

 

OZ-Bild

Wir sollten diskutieren, ob das Banner gesellschaft- liche Drogen- probleme verkörpert.“Jan-Tjark-Schimanski, Diplom-Psychologe

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Für Menschen, die sich zum Ziel gesetzt hätten, mit dem Trinken aufzuhören, sei Werbung ein Problem, denn „sie werden an die Wirkung erinnert“, sagt Uwe Buttler, Sozialarbeiter im Nachsorgeverein „Trockendock“ in Lütten Klein. „Das kann zum Problem werden.“ Werbung sollte seiner Meinung nach auf ein Minimum reduziert werden – zum Beispiel auf Gaststätten. Aber Werbung im Fernsehen oder auf Bannern hinter Flugzeugen? „Man sollte es nicht übertreiben“, findet der Sozialarbeiter.

Vielerorts in Rostock lockt die Werbung für Alkohol: in Cafés, Bars, auf Sonnenschirmen und an Hauswänden. „Auf unserer Suchtstation klagen Patienten durchaus über die allgegenwärtige Werbung im Alltag“, bestätigt Roland Wandschneider, Oberarzt in der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni-Medizin Rostock. „Alkohol trifft uns überall“, bestätigt auch Uwe Buttler, der selbst eine Alkoholabhängigkeit überwunden hat und aus Erfahrung berichten kann.

Jan-Tjark Schimanski, Fachdienstleiter Suchthilfe bei der Rostocker Caritas, wird konkreter und kritisiert ein 20 mal zwei Meter großes Banner am Stadthafen während der Hanse Sail. Ob das nicht unsere „gesellschaftlichen Drogenprobleme verkörpert“, sollte diskutiert werden. Gemeint ist damit die Werbung der Rostocker Brauerei, die unübersehbar am Kran prangte. „Die Werbung für Rostocker Bier ist fast aggressiv“, findet Antje Wrociszewski, Suchtkoordinatorin der Stadt Rostock. Neben dem mittlerweile entfernten Banner am Stadthafen kritisiert sie die Kampagne des Unternehmens in den „City Lights“, den beleuchteten Werbetafeln, die bis zuletzt noch vielerorts zu sehen war. Die Werbung des Brauers sei „sehr massiv“, sagt sie. Die Hanseatische Brauerei weist die Kritik zurück.

Dass ihnen in ihrer Branche und bei ihren Aktivitäten eine besondere Verantwortung zukomme, dessen seien sie sich bewusst, sagt Alexander Köthe, Sprecher der Hanseatischen Brauerei. „Diese nehmen wir wahr, unter anderem, indem wir uns bei allen werblichen Aktionen dem strengen Kodex des Deutschen Werberates unterworfen haben, der ganz klar regelt, welche Botschaften wir in welchen Umfeldern senden dürfen und welche ausgeschlossen sind“, sagt Köthe. Außerdem stehe es „jedem Verbraucher frei, sich beim Deutschen Werberat zu beschweren, wenn er der Meinung ist, eine Werbemaßnahme verstoße gegen diesen Kodex“, so der Brauerei-Sprecher.

„Natürlich macht Werbung nicht direkt abhängig, aber sie beeinflusst das Trinkverhalten“, sagt Roland Wandschneider. Und sie könne einen Impuls geben, ob jemand etwas trinke und wenn ja, ob mehr oder weniger. Sie lege einem den Geschmack in den Mund, beschreibt Sozialarbeiter Buttler. Letztlich ist das ja auch der Grund, warum Brauereien wie die Hanseatische werben – das Marketing soll den Umsatz steigern, wie in jeder anderen Branche auch.

Das Unternehmen sieht sich als Teil der Stadt und trage den „Namen voller Stolz“, sagt Köthe. Sie verstehe sich als regionaler Brauer vor allem für die Menschen hier in der Region. Darin, dass die Rostocker den Schriftzug auch tragen, um zu zeigen, dass sie aus der Hansestadt kommen, sind sich alle einig.

„Ein Verbot bringt nichts“, sagt Antje Wrociszewski. Sie setze auf Aufklärung und Vorbildfunktion. Dass ihr Chef, Oberbürgermeister Roland Methling, selbst schon für die Hanseatische Brauerei geworben habe, „finde ich nicht gut“, setzt sie ihre Kritik fort, „und das habe ich ihm auch gesagt.“

Wird in Rostock zu viel für Alkohol geworben? „Ich empfinde es nicht als zu viel“, sagt Uwe Buttler. „Ich wohne im Nordwesten. Dort ist es nicht übermäßig.“ Seit kurzem sind die Plakate aus den City Lights verschwunden, auch ein Banner ist am Stadthafen nicht mehr zu sehen – bis zum nächsten großen Event.

Gerade erst trockene Alkoholiker lernten Strategien, mit der ständig lauernden Versuchung umzugehen. Dass hochprozentiger Alkohol nicht mehr beworben werde, sei ein Fortschritt, findet Uwe Buttler.

Aber die ständige Verfügbarkeit von Alkohol mache das Aufhören nicht leichter – vor allem nicht für die „Frischlinge“, wie er diejenigen nennt, die gerade erst mit dem Aufhören angefangen haben.

Die Werbung für alkoholische Getränke unterliegt einem Kodex

2009 hat der Deutsche Werberat Verhaltensregeln für die Vermarktung alkoholischer Getränke aufgestellt. Dabei ist unerheblich, wie hoch der Alkoholgehalt in dem Getränk ist. Die Werbung darf zum Beispiel keine Menschen zeigen, die scheinbar zu viel Alkohol getrunken haben.

24 Regeln umfasst der Kodex des Werberats, an den sich die Unternehmen halten müssen.

Trinkende Kinder dürfen nicht zu sehen zu sehen sein oder ein Hinweis auf eine Leistung steigernde Wirkung enthalten sein. Unter Alkoholeinfluss Auto fahren können oder gewalttätige Handlungen nach dem Trinken dürfen nicht thematisiert werden.

Philip Schülermann

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