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Stadtmitte Trinken für mehr Gerechtigkeit

Rostocker Rechtsmedizin bildet regelmäßig Fachpersonal weiter – dabei fließt viel Alkohol

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Auf eine erkenntnisreiche Weiterbildung mit Hochprozentigem: Marvin Ziegert (l.) und Paul Wilhelms stoßen mit Rum-Cola an.

Quelle: Fotos: Unimedizin Rostock

Stadtmitte. Nüsse in Schälchen, Mixgetränke, gutgelaunte Menschen – doch es ist keine Party, die hier ansteht. In der Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Rostock lässt Dr. Ricarda Kegler, Leiterin der Forensischen Toxikologie, alle noch mal ins Alkoholtestgerät pusten, bevor es an die „Trinkversuche“ geht.

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Rostocker Rechtsmedizin bildet regelmäßig Fachpersonal weiter – dabei fließt viel Alkohol

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Riskanter Konsum

9,5 Millionen Menschen in Deutschland konsumieren laut Bundesgesundheitsministerium Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Frauen sollten nicht mehr als 12 Gramm reinen Alkohol pro Tag konsumieren – das entspricht einem Standardglas. Bei Männern liegt die Grenze bei 24 Gramm. Generell sollte an zwei Tagen pro Woche auf Alkohol verzichtet werden.

Was skurril klingt, hat einen ernsten Hintergrund. 13 junge Referendare, angehende Volljuristen, erhalten eine „hochprozentige“ Lektion, um später in ihrem Job Behauptungen von Angeklagten besser auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen zu können. Eine Weiterbildung also; Trinken für den Erkenntnisgewinn. Erklärtes Ziel des Nachmittags sind 0,8 Promille im Blut. Gerade noch so wenig, dass die Kontrolle nicht komplett aussetzt. Aber auch so viel, dass die Selbsteinschätzung der Probanden schon mal danebenliegt. Das Ganze gleichmäßig verteilt über eine Stunde, damit der Test realistisch ist.

Getrunken wird in Staffeln, das erleichtert die Koordination der Tests, die die Referendare zunächst nüchtern absolvieren und später mit erhitzten Gesichtern und glasigen Blicken wiederholen müssen.

Wie bei einer Polizeikontrolle muss Marvin Ziegert (29) auf einer Linie laufen und den Finger-Nase-Test bestehen. 30 Sekunden lässt ihn die Versuchsleiterin dann mit geschlossenen Augen abschätzen.

Dass er zwischendurch mit einem Schubser irritiert werden soll, bringt ihn kaum aus dem Konzept.

„Ich nehme jede Aktion mit, die mir später im Job hilft“, sagt er zu seiner Teilnahme am freiwilligen Lehrgang. In ein Testgerät gepustet habe er noch nie. Wie sich 0,8 Promille wohl anfühlen werden?

Messbecher füllen sich, Ziegert und Kollege Paul Wilhelms (25) mischen ihre Zuteilung Rum mit Cola und stoßen an. Inzwischen spricht ein Rechtsmediziner über Trinkertypen, Alkoholschäden, aber auch über Fehler bei der Messung, die bei Einsatzkräften gar nicht mal so selten vorkommen. Auch falsche Nachtrunkbehauptungen sollen die Referendare einzuordnen wissen. Hat der Unfallfahrer wirklich erst nach dem Vorkommnis aufgetankt, wie er vorgibt, oder war er schon davor stark alkoholisiert? Bei 0,8 Promille ist das Risiko für Verkehrsunfälle bereits vervierfacht.

In der ersten Testgruppe hört schon kaum mehr jemand zu. Die Damen kichern, es wird lauter. Die Trinkversuche bietet die Rechtsmedizin mehrmals im Jahr an. Auch Richter, Verwaltungsmitarbeiter und Forscher aus anderen Bereichen der Unimedizin haben sie schon absolviert. Es geht auch darum, das eigene Fach vorzustellen und zu zeigen, dass Rechtsmediziner nicht nur Leichen untersuchen.

„Die meisten der Teilnehmer sind am Ende überrascht, wie sehr ihre eigene Einschätzung zu ihrer Leistung in den Tests und die Wahrheit auseinanderklaffen“, sagt Ricarda Kegler. Marvin Ziegert hat mittlerweile die Nachtests hinter sich, er hat ganz gut abgeschnitten. Seine Fehlerquote ist der vor dem Alkoholkonsum sehr nah. „Vielleicht habe ich einfach eine gute Selbsteinschätzung, selbst unter Alkoholeinfluss“, erklärt er sich das Ergebnis. Damit stellt er aber die Ausnahme unter allen Probanden dar: Die liegen etwa in der Einschätzung ihrer Schnelligkeit nach dem Trinken, geprüft in Reaktionstests am PC, ganz schön daneben. Dennoch gibt es keine Ausfälle, alles bleibt gesittet und friedlich. „Das hat sicher damit zu tun, dass wir hier unter Kontrolle stehen und unbedingt keine Ausfälle wollten“, sagt Ziegert.

Aus juristischer Sicht seien die Versuche eine „mehr als interessante Erfahrung“. „Wenn ich in einer Verhandlung oder vor Aktenbergen sitze und mich frage, ob ich jemanden anklage oder nicht, ob ich ihm glauben kann oder nicht, dann ist es hilfreich, sich selbst in einer bestimmten Phase erlebt zu haben. Dafür ist unser Bewusstsein nun geschärft."

Früher habe der angepeilte Promillewert bei den Tests übrigens noch bei mehr als 0,8 Promille gelegen, berichtet Wissenschaftlerin Kegler lächelnd. „Dann haben wir den Wert runtergeschraubt. Manche Probanden wurden allzu zutraulich.“

Angeregt und heiter verlassen die angehenden Staatsanwälte den Seminarraum und kehren ans Tageslicht zurück. Dass gruppenweise getrunken und getestet wird, habe auch seinen guten Grund, sagt Kegler noch. Früher wären beim gleichzeitigen Versuch 20 Menschen auf einmal laut und lustig geworden. Die zeitlichen Abstände seien lärmtechnisch doch sehr von Vorteil: Kichern in Schichten sozusagen.

* Die Autorin ist Sprecherin der Uni-Medizin Rostock und war jahrelange OZ-Redakteurin.

Kerstin Beckmann*

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