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„Unsere Flüchtlinge sind voll integriert“

Gelbensande „Unsere Flüchtlinge sind voll integriert“

Entsetzen in Gelbensande nach dem Sprung eines Togolesen aus dem Fenster. Die Gemeinde kritisiert Abschiebepraxis und fordert Einzelfall- Prüfungen.

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Maman Nikabou aus Togo hilft zusammen mit dem Gelbensander Ernst Lubbe beim Bau eines Spielplatzes in der Heide-Gemeinde. Der Asylbewerber sollte am 2. Juni abgeschoben werden und sprang in seiner Verzweiflung aus dem fünten Stock seines Wohnhauses.

Quelle: Foto: Privat

Gelbensande. Die Verzweiflungstat des 57-jährigen Togolesen, der am 2. Juni während eines Abschiebeversuches aus dem fünften Stock gesprungen ist, schockt die Gelbensander. „Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, dass er lieber den Tod in Kauf nimmt, als die Rückkehr in sein Land“, sagt Elke Kleemann vom Amt Rostocker Heide. „Wir haben hier alle nicht verstanden, dass jemand nach 15 Jahren in Deutschland nun abgeschoben werden soll. Er arbeitet als Küchenhilfe, ist integriert, fühlt sich hier wohl“, sagt Gelbensandes Bürgermeister Lutz Koppenhöle kopfschüttelnd.

 

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Er ist fleißig, zuverlässig, lustig, intelligent. „Er ist integriert in unserer Gemeinde, alle haben sich Mühe gegeben, der Staat hat dafür viel Geld investiert.Rolf Reuter, Sozialausschuss-Vorsitzender

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„Ich finde es menschenunwür- dig, Mitmenschen, die seit zweieinhalb Jahren hier leben und sich voll integriert haben, einfach abzuschieben.Lutz Koppenhöle, Bürgermeister in Gelbensande

Maman Nikabou, von allen liebevoll „Togo“ genannt, lebt seit eineinhalb Jahren in der Heide-Gemeinde. „Ein ganz ruhiger, bescheidener Mensch, der hilft wo er kann“, beschreibt ihn Dagmar Bannenberg vom Heidetreff. „Er spricht gut deutsch, hat als Küchenhilfe in einem Hotel in Graal-Müritz bis Mitte November einen Arbeitsvertrag“, berichtet sie. Tatkräftig habe er beim Bau eines Spielplatzes in Gelbensande mitgewirkt. „Er ist fleißig, zuverlässig, lustig, intelligent und hat keinem auf der Tasche gelegen, weil er Arbeit hatte“, fügt Rolf Reuter, Vorsitzender des Sozialausschusses, hinzu.

„Er ist integriert in unserer Gemeinde, alle haben sich Mühe gegeben, der Staat hat dafür viel Geld investiert“, reagiert er mit Unverständnis auf die Abschiebung.

Mit schweren Knochenbrüchen und inneren Verletzungen wurde Maman Nikabou in die Uniklinik Rostock eingeliefert. „Er hatte jeglichen Lebensmut verloren“, erzählt der Blankenhäger Pastor Tobias Sarx.

Dreimal habe er ihn besucht. Das letzte Mal in dieser Woche. „Er ist wieder ansprechbar. Die Ärzte sagen, er habe riesengroßes Glück gehabt“, so Sarx. Dennoch mache sich Maman Nikabou große Sorgen.

„Die Unsicherheit ist für ihn schwer erträglich“, sagt der Pastor.

Auch andere Flüchtlinge in Gelbensande leben in Angst. „Wir haben sechs Familien aus der Ukraine, die seit mehr als zwei Jahren hier wohnen. Die Kinder besuchen Kita und Schule, machen eine Ausbildung. Die Erwachsenen gehen fast alle einer Beschäftigung nach“, erklärt Bürgermeister Koppenhöle. Sie hätten die deutsche Sprache erlernt und in Gelbensande ihr Zuhause gefunden.

„Mit Entsetzen musste ich feststellen, dass nach zwei Jahren Untätigkeit der zuständigen Behörden nun konzentriert an der Abschiebung dieser Personen in die Ostukraine gearbeitet wird“, hatte sich der Bürgermeister im Mai, noch vor dem Unglück von Nikabou, schriftlich an Landesregierung und Landkreis gewandt. „Ich finde es menschenunwürdig, Mitmenschen, die seit zweieinhalb Jahren hier leben und sich voll integriert haben, einfach abzuschieben“, so Koppenhöle. Die Gemeinde fordert, alle Möglichkeiten zum Verbleib der Familien auszuschöpfen. Das gelte auch für „Togo“.

Kritisiert wird die lange Bearbeitung der Asylanträge. „Es geht hier nicht um Nummern, sondern um Menschen, die in Unsicherheit gehalten werden“, verdeutlicht Elke Kleemann. Entscheidungen müssten sehr schnell fallen, dann könne mit der Integration begonnen werden. 44 vom Landkreis zugeordnete Flüchtlinge wohnen in Gelbensande, sowie 26 anerkannte Flüchtlinge aus Syrien. „Gelbensande hatte immer einen hohen Ausländeranteil, auch durch polnische Arbeitskräfte und Spätaussiedler“, sagt Kleemann. „Gelbensande hat Erfahrungen, kann das Zusammenleben gut händeln.“

Zum Fall des Togolesen erklärt der Landkreis, dass er rein rechtlich „vollziehbar ausreisepflichtig“ bleibe. Er sei einige Jahre untergetaucht gewesen und hätte nun Passersatzpapiere erhalten. „Doch Herr Nikabou soll erstmal gesund werden, dann sehen wir weiter“, sagt Sprecher Kay-Uwe Neumann.

Asylanträge würden beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entschieden. Auf die Bearbeitungsdauer habe der Kreis keinen Einfluss, reagiert Beigeordneter Stephan Meyer auf das Schreiben der Gemeinde. „Nach dem bestandskräftigen Abschluss des Asylverfahrens entscheidet dann die Ausländerbehörde des Kreises über den weiteren Verfahrensweg unter Berücksichtigung der Rechtslage und der Situation des Einzelnen“, heißt es weiter.

Genau letzteres erhoffen sich die Gelbensander. „Eine individuelle Prüfung der Situation des Flüchtlings“, betont der Bürgermeister. Und: „Ich fordere, dass sie hierbleiben können“. Außerdem hätte sich die Gemeinde gewünscht, dass Vertreter des Kreises sich nach dem dramatischen Zwischenfall am 2. Juni mal im Ort sehen lassen und das Gespräch mit den teils traumatisierten Flüchtlingen gesucht hätten.

3200 Personen in Mecklenburg-Vorpommern sind ausreisepflichtig

1040 Flüchtlinge reisten 2016 freiwillig aus Mecklenburg-Vorpommern aus. 900 abgelehnte Asylbewerber wurden abgeschoben. Genausoviele geplante Abschiebungen scheiterten. In den meisten Fällen trafen die Beamten die Ausreisepflichtigen nicht in ihren Unterkünften an. Ende Januar 2017 waren in MV etwa 3200 Personen ausreisepflichtig. Etwa 80

Prozent der abgelehnten Asylbewerber wählen den Rechtsweg über Verwaltungsgerichte. Soweit nach dieser Prüfung keine politische Verfolgung und sonstige beachtliche Gefahren im Heimatland drohen sind sie grundsätzlich ausreisepflichtig. Für die Durchführung der Abschiebungen sind die Ausländerbehörden der Länder zuständig, alle Entscheidungen des Bundesamtes und der Verwaltungsgerichte sind verbindlich. In MV werden die Abschiebungen von kommunalen Ausländerbehörden und dem Amt für Migration wahrgenommen.

Doris Kesselring

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