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Unterricht im Abriss-Haus

Lütten Klein Unterricht im Abriss-Haus

Berufsschüler prangern Zustände in „Schmorell“-Zweigstelle an / KOE plant neuen Campus

Lütten Klein. Wenn es nachts stark geregnet hat, sitzen Rostocks künftige Zahnarzthelfer am nächsten Morgen im Düstern. Alles andere könnte für sie in der Zweigstelle der „Alexander Schmorell“-Berufsschule gefährlich werden. Wer das Licht einschalte oder eine Steckdose benutze, riskiere einen Stromschlag, schildert Laura Pflugradt. Sie hat bis vor Kurzem die Schul-Außenstelle in der Danziger Straße besucht und sagt: „Die Unterrichtsbedingungen dort sind eine Katastrophe.“ Sie berichtet von massiven Baumängeln. Seit Jahren werde Schülern und Lehrern ein Neubau versprochen. „Aber es passiert rein gar nichts.“

Eine Auszubildende, die aktuell an der „Schmorell“-Schule lernt und deshalb anonym bleiben möchte (Name der Redaktion bekannt), schildert abenteuerliche Details. Besonders das mittlere der drei Zweigstellen-Gebäude, in dem angehende Zahnarzthelfer und medizinische Fachangestellte unterrichtet werden, sei längst abrissreif. „Die Fassade bröckelt überall. Nach Regengüssen stehen im Obergeschoss riesige Pfützen. Einige Fenster sind gerissen und nur mit Klebeband geflickt.“ In miserablem Zustand sollen auch die Sanitäranlagen sein. „Die Toiletten haben noch Strippenspülung und aus manchen Waschbecken wächst Unkraut.“ Die Missstände hätten bei ihr gesundheitliche Folgen, so die Schülerin. „Jedes Mal, wenn ich in der Berufsschule bin, muss ich husten und niesen.“ Ins Schwitzen kämen Schüler hingegen, sollte es mal brennen: Der Feueralarm werde nicht per Knopfdruck sondern mittels Handkurbel ausgelöst. Gravierender aber sei der Platzmangel. Mehrere Klassen hätten in die benachbarte Förderschule ausweichen müssen, schildert die Auszubildende.

Ihren Unterricht hätten die Lehrer trotz aller Widrigkeiten stets durchgezogen, sagt Laura Pflugradt. „Aber sie motzen genauso wie wir. Für sie ist das die Hölle“, berichtet sie. Abstriche müssen Mitarbeiter wie Schüler auch in ihren Pausen machen. Die Schulcafeteria wurde geschlossen. Der Betreiber, eine Rostocker Cateringfirma, hat das Geschäft eingestellt. Es habe sich angesichts eines Discounters und einer Bäckerei in unmittelbarer Schulnähe nicht gelohnt, heißt es. „Die Schüler sehen das anders“, sagt Pflugradt. Wer jetzt mehr als einen kleinen Snack wolle, müsse dafür zum „Schmorell“-Stammhaus in der Schleswiger Straße. „Das dauert zu Fuß zehn bis 15 Minuten. Dafür reicht selbst die große Pause nicht.“

Rund 750 Auszubildende und damit knapp die Hälfte der „Schmorell“-Schülerschaft besuchen aktuell die Zweigstelle in der Danziger Straße 45. Die meisten von ihnen werden ihre Lehre wohl bis zum Ende im Macken-Bau meistern müssen. Zukünftigen Generationen hingegen stellt Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke) bessere Lernbedingungen in Aussicht. In der Schleswiger Straße werde ein Ersatzneubau mit Campuscharakter entstehen – und zwar an der Stelle, an der sich derzeit das Kinder- und Jugendhilfezentrum des ASB befindet. Das wiederum soll in das voraussichtlich 2018 fertiggestellte, benachbarte Familienkompetenzzentrum umziehen. Danach würden die ASB- Gebäude abgerissen. Das Ensemble sei mehrere Jahrzehnte alt und weder groß noch modern genug, um den Ansprüchen des neuen Nutzers gerecht zu werden. Der Schul-Neubau werde nach derzeitigem Stand 18 Millionen Euro kosten. Der kommunale Immobilienbetrieb KOE will die Summe zu 90 Prozent vom Land zahlen lassen und hat einen entsprechenden Antrag gestellt. „Vor 2019 ist jedoch kein Fördermittelbescheid zu erwarten, sodass ein Baubeginn im Jahr 2020 realistisch ist“, sagt Bockhahn.

Wie der Campus aussehen könnte, haben die Bauplaner der Firma Aib bereits in einer Studie festgehalten. Der dreigeschossige Ersatzneubau soll aus zwei sich gegenüberliegenden L-förmigen Baukörpern bestehen. Das Gebäude wird behindertengerecht erschlossen. Im Erdgeschoss sollen die Verwaltung, der Speiseraum, das Archiv, das Atrium mit integrierter Bühne sowie die Bibliothek untergebracht werden. Die Klassenräume, Fachunterrichts- und Vorbereitungsräume werden im Obergeschoss angeordnet.

So lauten zumindest die Pläne, noch ist nichts in Stein gemeißelt. Zumindest für ein Problem hat die Schule indes eine Notlösung gefunden: Weil sie für die Cafeteria keinen neuen Betreiber gewinnen konnte, ließ sie einen Getränke- und einen Snackautomaten aufstellen. Mit Schokoriegel und Kaffee werden sich die Schüler aber wohl kaum abspeisen lassen. Sie fordern ein angemessenes Lernumfeld.

Senator Bockhahn wirbt um Verständnis. „Das Gebäude in der Danziger Straße war seit langem für den Abriss vorgesehen.“ Deshalb seien umfassende Sanierungen nicht infrage gekommen. Es werde aber „derzeit erneut geprüft, welche Arbeiten erforderlich wären, um das Gebäude bis zur geplanten Fertigstellung des Ersatzneubaus zu ertüchtigen. Auch mögliche Alternativen werden untersucht.“

Antje Bernstein

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