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Vergewaltigungen: Acht von zehn Straftaten sind nur vorgetäuscht

Kröpeliner-Tor-Vorstadt Vergewaltigungen: Acht von zehn Straftaten sind nur vorgetäuscht

Die Kriminalpolizei ermittelt mit hohem Aufwand. Doch die Mehrzahl der angezeigten Fälle von sexuellem Missbrauch sind erfundene Geschichten.

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Wenn er sich mit Gewalt nimmt, was er will (nachgestellte Szene): 80 Prozent aller Sexualdelikte in Rostock werden aufgeklärt.

Quelle: Jens Wagner

Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Ob Vergewaltigung, Missbrauch von Kindern, Exhibitionismus, Kinderpornographie — 173 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung hat die Kriminalpolizei-Inspektion (KPI) Rostock in diesem Jahr bereits erfasst. 2014 waren es 262 Fälle. Mehr als 80 Prozent davon wurden auch aufgeklärt, sagt Kriminaloberkommissarin Britta Rabe. Seit 2007 befasst sich die 43-Jährige mit Sexualdelikten in Rostock und im Landkreis, gemeinsam mit drei Kolleginnen. Immer häufiger haben es die Ermittler aber mit falschen Fällen zu tun: Acht von zehn Sexualdelikten werden nur vorgetäuscht.

„Wir nehmen diese Anzeigen sehr ernst“, betont KPI-Chef Peter Mainka. Es würde mit großem Polizeiaufgebot nach möglichen Tätern gesucht, aufwändige Spurensicherung an Tatorten betrieben, viele Zeugen vernommen. Und doch müssen die Ermittler am Ende oft feststellen, dass es in Wirklichkeit gar kein Verbrechen gegeben hat. „Häufig sind es Schutzbehauptungen der Frauen, um einen Ausrutscher, ein Fehlverhalten gegenüber Ehemann, Freund oder Eltern zu rechtfertigen“, sagt Britta Rabe.

Sie schildert einen Fall im Rostocker Nordosten, bei dem 2014 eine Frau gleich mehrere Strafanzeigen gestellt hatte wegen Stalking, Bedrohung, versuchter Vergewaltigung. Die Fälle zogen sich über Monate hin, eine Bürgerwehr gründete sich. „Am Ende erzählte uns die Frau unter Tränen, dass sie Aufmerksamkeit wollte, mit dem Kind überfordert sei und den Mann zum Umzug bewegen wollte“, berichtet die Kommissarin. Nun läuft ein Verfahren wegen Vortäuschung von Straftaten, ein Polizeieinsatz wurde ihr in Rechnung gestellt.

„Das klingt hart“, sagt Kriminaldirektor Mainka, „aber wir haben es in diesem Bereich leider immer öfter mit erfundenen Geschichten zu tun“. Die Dunkelziffer bei Sexualdelikten sowohl gegen Frauen als auch gegen Kinder sei dennoch hoch. „Jeder Fall muss angezeigt werden, doch es muss auch klar sein, dass Vortäuschung von Straftaten Folgen hat.“ In einem anderen Fall, den Britta Rabe später wieder aufgerollt hat, hatte eine junge Frau in Güstrow auf Drängen ihres Freundes eine nächtliche Vergewaltigung angezeigt. Bei Untersuchungen wurde eine Spermaspur gesichert, die vier Jahre später in der DNA-Bank einen Treffer landete. „Wir haben die Frau informiert, sie reagierte komisch und gestand am nächsten Tag, die Geschichte aus Angst vor dem Freund erfunden zu haben.“ Der Sex mit dem anderen Mann sei einvernehmlich gewesen. Sie wurde zu einer Geldstrafe verurteilt.

Schwere Sexualdelikte, bei denen Frauen auf der Straße überfallen werden, sind laut Polizei in Rostock und Umgebung „absolut selten“. Einer der letzten großen Fälle sei die Entführung und Vergewaltigung der 17-jährigen Rebecca im Oktober 2012 gewesen. Häufig komme es im häuslichen Umfeld zu sexuellen Übergriffen gegen den Willen der Frau, oft sei Alkohol im Spiel. „Viele Frauen gehen nicht zur Polizei, sondern wenden sich an Beratungsstellen und Opferhilfe, mit denen wir gut zusammenarbeiten“, sagt Britta Rabe.

Ein sehr sensibles Thema sei der sexuelle Missbrauch von Kindern. „Auch in Rostock gibt es klassische Fälle“, erläutert Kripo-Chef Mainka, „bei denen Opa, Onkel, Nachbar sich an Kindern vergehen“.

Mit einem enormen Aufwand werde diesbezüglich ermittelt. Kommissarin Rabe und ihr Team waren 2014 mit 48 Missbrauchsfällen befasst, in diesem Jahr bisher mit 36.

Als Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Dichtung beschreibt Kripo-Chef Mainka das Thema. Er erinnert an eine Fahndungsaktion im Herbst 2012, als in Groß Klein ein Mann gesucht wurde, der Kinder angesprochen und ins Gebüsch gezerrt haben soll. „Mit Riesenaufwand haben wir ermittelt, die Bevölkerung um Mithilfe gebeten“, weiß Britta Rabe noch. Große Hysterie im Stadtteil, die Polizei wurde beschimpft, eine Bürgerwehr organisiert. „Am Ende kam heraus, ein Kind hat sich alles ausgedacht, weil es zu spät nach Hause kam und die Eltern fürchtete“, so Rabe. „Es gab keinen unbekannten, bösen Mann“, was zum Schutz der Kinder nicht öffentlich gemacht wurde.

Bisher 36 Fälle sexuellen Missbrauchs angezeigt
48 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern wurden 2014 in Rostock und Umgebung erfasst, in diesem Jahr waren es bisher 36. Schwerer sexueller Missbrauch liegt übrigens auch vor, wenn eine 13-Jährige mit ihrem 14 Jahre alten, also strafmündigen Freund, Sex hat. Häufig zeigen Eltern das an.

 



Doris Kesselring

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