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Vom Opfer zum Helfer: DDR-Häftling macht sich stark

Sanitz Vom Opfer zum Helfer: DDR-Häftling macht sich stark

Detlef Chilla aus Sanitz ist der neue Bundesvorsitzende der SED-Opferhilfe

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Wir dürfen die Taten der DDR-Diktatur niemals vergessen. Detlef Chilla Bundesvorsitzender SED-Opferhilfe

Sanitz. Mehr als 30 Jahre ist es her, dass Detlef Chilla von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft wurde. Damals war der gebürtige Bützower von der DDR verurteilt worden und saß im Gefängnis. Diese Zeit prägt ihn bis heute. Seit vier Jahren setzt er sich für die SED-Opferhilfe ein. Nun wurde der Sanitzer von den Mitgliedern zum Bundesvorsitzenden gewählt.

Seine Aufgaben sind nicht nur repräsentativ. „Ich setze mich mit Politikern hin und spreche über unsere Anliegen“, erklärt der 57-Jährige. Eines davon sei die sogenannte „Opferrente“.   Schon diesen Namen finde er unpassend. „Wir sollten als Ehrenbürger dargestellt werden und nicht als trauernde Opfer.“ Stattdessen müssten sie sich dafür einsetzen, dass es sich um eine faire Unterstützung handelt.

Außerdem begleitet er Menschen, die Opfer der DDR-Diktatur wurden. „Es gibt wahnsinnig viele Geschädigte, die mit dem Antragswust nicht zurechtkommen“, erklärt Chilla. Deswegen sei es so wichtig, diesen zu helfen. „Ich war gerade erst bei einem, der bis heute auf seine Rehabilitation wartet.“ Das sei nur ein Beispiel dafür, dass die Unterstützung kein Zeitlimit haben sollte. Denn die Politik will derzeit die Ansprüche aus politischer Verfolgung nur bis zum 31. Dezember 2019 geltend machen. „Das kann und das darf nicht sein.“

Auch Chilla war ein Opfer des DDR-Regimes. Zwei Mal wurde er verhaftet. Schon kurz nach dem Mauerfall wollte er sich von den Vorwürfen freisprechen. „Ich habe mir einen Anwalt genommen und bin in Revision gegangen“, erzählt der 57-Jährige. Er wurde vollständig rehabilitiert.

Das erste Mal kam er von Juni 1981 bis September 1982 ins Gefängnis nach Bitterfeld (Sachsen-Anhalt). Der Vorwurf: Illegaler Grenzübertritt. „Wir haben damals versucht auszureisen. Dann wurden wir beim Fluchtversuch erwischt“, erzählt Detlef Chilla. Die DDR wollte er verlassen, weil er hier keine Entwicklungsmöglichkeiten für sich sah. Er sei geistig und körperlich eingeschränkt worden. „So bald man eigene Ideen und Meinungen vertreten hat, war es dem Staat nicht recht.“

Nach dem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat er mehrfach die ständige Vertretung von Westdeutschland in Ostberlin besucht. „Jedes Mal wurden wir kontrolliert. Schließlich wurde ich im Februar 1984 wieder eingesperrt.“ Dieses Mal wurde ihm die „illegale Verbindungsaufnahme zu einer fremden Macht zum Nachteil der sozialistischen Gesellschaftsordnung“ vorgeworfen. Erst im Januar 1985 erlangte er seine Freiheit zurück, als er von Westdeutschland freigekauft wurde.

Sein jetziger Einsatz in der Opferhilfe ist seiner Frau zu verdanken. In seinem damaligen Wohnsitz in Nordrhein-Westfalen traf er auf seine Jugendliebe. „2013 bin ich mit ihr nach Mecklenburg zurückgezogen, 2014 haben wir geheiratet.“ Nur durch diesen Einsatz sei es ihm möglich, wieder auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zu wohnen. Klar wurde ihm dies, als er noch einmal die ehemalige Stasi-Untersuchungshaft in Rostock besuchte. Auch hier hatte Chilla gesessen. „Es war ganz schrecklich, das wieder zu sehen. In den ersten Minuten war ich nicht in der Lage, nur ein Wort von mir zu geben. Aber ich musste gucken, ob ich damit umgehen kann“, erinnert er sich. Seitdem setzt er sich für die Aufarbeitung der Geschichte ein. „Wir müssen unser höchstes Gut, die Demokratie, erhalten.“

Eine Diktatur dürfe es hier nie wieder geben. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Dinge, die dort geschehen sind, nie in Vergessenheit geraten.“

Dass er nun sogar am 8. April zum Bundesvorsitzenden gewählt wurde, sei für ihn eine Überraschung gewesen. „Ich fühle mich wahnsinnig geehrt. Es ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, unsere Rechte gegenüber dem Staat einzufordern“, erzählt der Sanitzer. Viel will er von seinem Wohnort aus machen, doch es gebe viele Termine, die er persönlich wahrnehmen wolle.

Johanna Hegermann

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