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Kein Tuten mehr: Stadt verbietet Schiffsirenen

Warnemünde Kein Tuten mehr: Stadt verbietet Schiffsirenen

Fahrgastschiffer dürfen die Kreuzfahrtschiffe nicht mehr nach seemännischem Brauch mit ihren Schiffshörnern verabschieden

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Schiffssirene des Warnemünder Fahrgastschiffes „Käpp’n Brass“. Fotos (2): Klaus Walter

Warnemünde. Tuten verboten – das verlangt ein Rundschreiben des Hafen- und Schifffahrtsamtes der Hansestadt, das Warnemündes Fahrgastreedereien erreichte. Es habe „mehrere Eingaben im Bereich Warnemünde“ gegeben, schreibt Hafenkapitän Gisbert Ruhnke. Deshalb erinnere er an das im Vorjahr ergangene „Verbot zur Nutzung des Typhons beim Ein- und Auslaufen von Kreuzfahrtschiffen“.

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Fahrgastschiffer dürfen die Kreuzfahrtschiffe nicht mehr nach seemännischem Brauch mit ihren Schiffshörnern verabschieden

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Hahn darf krähen, aber ...

Bundesverfassungsgericht (1 BvR 480/10): „Der Beklagte wird verurteilt, es zu unterlassen, auf seinem Grundstück ... Hähne in der Weise zu halten, dass deren Krähen ... an Werktagen zwischen 20 Uhr und 8 Uhr, an Sonn- und Feiertagen zwischen 20 Uhr und 9 Uhr hörbar ist.“

Warnemündes Fahrgastschiffer finden das „ganz und gar nicht lustig“, wie Silvia Grahl, Mitarbeiterin der Fahrgastschifffahrt „Käpp'n Brass“, sagt. „Kann man in ein Seebad an die Hafenkante ziehen und über Schiffssirenen meckern?“, fragt sie. – Antwort: Ja. Genauso, wie es in Warnemünde immer wieder Beschwerden über Möwenschreie gibt. Spätestens hier kommen reihenweise Hähne ins Spiel, die von deutschen Richtern zum Stillschweigen verurteilt wurden, damit aufs Land gezogene Großstädter die ländliche Idylle in Ruhe genießen können. Das alles geht.

Was war das schön, als Anfang der 1990er Jahre die ersten Kreuzfahrer der freien Welt nach Warnemünde kamen. Blasmusik, Girlanden, Massen winkender Menschen, manche mit feuchten Augen – und Signale aus allem, was seemännisch tuten kann: Diese Szenen am Passagierkai und auf den Molen begründeten den Ruf Warnemündes als Kreuzfahrthafen: Hier werden Schiffe verabschiedet, „wie es sich gehört“.

Dafür wurde auf dem Gebäude des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes am Neuen Strom eigens ein Typhon montiert. Zu Recht, sagt Fahrgast-Reeder Reinhard Kammel: „Es ist Sache von Anstand und Höflichkeit, dass man seine Gäste ordentlich begrüßt und verabschiedet.“ Doch das ist mit Geräusch verbunden und wohl nicht jedermanns Sache.

Dabei heißt das beklagte Schallsignal „dreimal lang“ einfach nur „Ich freue mich“, wie Helmut Fengler versichert. Er muss es wissen: Er ist Begrüßungskapitän auf „Willkomm-Höft“, der Hamburger Schiffsbegrüßungsanlage an der Elbe in Wedel. Er zieht hauptamtlich Fahnen hoch, spielt Nationalhymnen vorbeifahrender Schiffe ab – und freut sich von Herzen über jedes Typhonsignal. Und ist damit nicht allein: Täglich pilgern Hunderte – auch Warnemünder hat Fengler schon gesehen – nach Wedel und genießen das lautstarke Treiben. Manche mit Gänsehaut, manche mit Tränen in den Augen. Alle finden es schön.

In Warnemünde könnte nun Schluss damit sein, selbst wenn der Hafenkapitän den Ball flach hält, ist doch auch er ein Mann der Schifffahrt: Wenn sich hier ein Richter fände, der den „vermeidbaren Lärm“

der seemännischen Abschiedszeremonie per Urteil von der Kaikante fegt, ist es vorbei. Sogar auch dann noch, wenn plötzlich „alle, die es ganz, ganz still haben wollen, ganz weit wegziehen“, wie Fahrgastschiffer Olaf Schütt all jenen dringlich rät.

Tatsächlich könnte ein Urteil ernste Folgen haben: Schon jetzt verzichten Kapitäne im Revier auf viele Schallsignale, die laut Seeschifffahrtsstraßenordnung vorgeschrieben sind. „Eigentlich müssten wir bei jeder Ruderbewegung aufs Knöpfchen drücken“, sagt Reinhard Kammel. Ruder Backbord, Ruder Steuerbord, Maschine Rückwärts, Bleib weg – fast jedes Manöver hat ein Schallsignal. Das „dreimal lang“ abends an nur hundert Tagen im Jahr würde gerade noch als Vorspiel taugen, wenn alle Kapitäne „ordnungsgemäß“ tuten. „Machen wir aber nicht“, sagt Kammel, doch wie eine Drohung klingt sein:

„Obwohl wir das eigentlich müssten.“

Dass weiter solch ein Frieden herrscht, hofft auch Finanzsenator Chris Müller (SPD). Ihm untersteht das Hafen- und Schifffahrtsamt, er muss den politischen Kopf für das Schreiben hinhalten.

„Natürlich hält die Hansestadt Schifffahrtstradition hoch“, sagt er und fügt mutig hinzu: „Typhonsignale von Schiffen beim Ein- und Auslaufen zur Begrüßung oder Verabschiedung sind auf der ganzen Welt normal und gewünscht. Das Gleiche gilt für Warnemünde.“

Aber was, wenn Wohnungen auf der Mittelmole gebaut werden, mitten im Hafengebiet? Muss dann die Schifffahrt eingestellt werden? Wegen Ruder Backbord, Ruder Steuerbord und so? „Nein“, versichert Müller. Hat aber wohl noch nicht an die Gerichte gedacht.

Klaus Walter

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