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Mit 2000 PS über die Ostsee

Warnemünde Mit 2000 PS über die Ostsee

Der Seenotkreuzer „Vormann Jantzen“ liegt in Warnemünde auf Wacht, um Schiffbrüchige zu retten

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Letzter Check, bevor Uwe Egelke (57) die Maschinen startet. Der Maschinenraum wird ständig beheizt. Das schont die Dichtungen der Motoren.

Warnemünde. Der Hilfsdiesel läuft schon. Es ist laut im Maschinenraum der „Vormann Jantzen“, es riecht nach Öl und Abgasen. Uwe Engelke bereitet alles vor, um gleich die Maschinen zu starten. Die Seenotretter-Crew fährt raus auf die Ostsee – Kontrollfahrt vor Warnemünde. Der Kreuzer ist zurück im Heimathafen und vertritt die „Arkona“, die in der Werft ist. Und auch wenn die Männer gerade keine Menschenleben retten, ist an Bord viel zu tun. Regelmäßige Fahrten gehören dazu.

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Der Seenotkreuzer „Vormann Jantzen“ liegt in Warnemünde auf Wacht, um Schiffbrüchige zu retten

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Die Seenotretter

Seit 1860 gibt es die DGzRS. Mehr als 2000 Einsätze sind die Seenotretter 2016 gefahren, 677 Menschen wurden gerettet. 20 Kreuzer sind insgesamt im Einsatz.

Infos und Spendenkonto unter www.seenotretter.de

„Das lässt einen nie wieder los“, erzählt Uwe Radloff davon, wie er zu dem Job bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) gekommen ist. Der 55-Jährige ist Vormann auf dem 23,3 Meter langen Seenotkreuzer. Seit 18 Jahren hat er das Sagen an Bord. Mit Maschinist Engelke, Jörg Westphal und Ilja Fiebak hat er Dienst. Sie sind sonst auf der „Arkona“ zu Hause. Nie verlassen sie gemeinsam das Schiff. Sie leben zusammen auf engstem Raum und kennen sich gut. Sonst ginge das auch gar nicht, sagen die Retter. „Man kennt die Kollegen über Jahre“, sagt Uwe Radloff.

Dann schmeißt Uwe Engelke die Maschinen an. Fast 2000 PS stehen jetzt zur Verfügung. Ein Rütteln geht in ein gleichmäßiges Vibrieren über. Ohne Gehörschutz ist es dennoch kaum auszuhalten. Oben hat Vormann Radloff Position bezogen. Den Blick auf die Kaikante gerichtet, legt er ab. Am Ufer stehen Touristen und machen Fotos. Gesteuert wird zwar über einen kleinen Joystick, es gibt aber auch ein Steuerrad. Strahlend blauer Himmel, die See ist ruhig. Sie kann aber auch anders: „Wir haben hier schwierige Strömungsverhältnisse bei Sturm“, sagt Jörg Westphal, Leiter des DGzRS-Infozentrums, der auf der „Jantzen“ für einen Kollegen eingesprungen ist.

Die „Vormann Jantzen“ wurde 1990 in Warnemünde in Dienst gestellt. Ab 1997 war das Schiff dann auf dem Darß stationiert, seit 2003 ist es Reservekreuzer und auf der Nord- und Ostsee unterwegs – immer dort, wo ein stationierter Seenotretter in die Werft muss. Vor drei Jahren war die „Vormann Jantzen“ zuletzt im Ostseebad.

„Wir versuchen immer, in fünf bis zehn Minuten auszulaufen – auch nachts“, sagt Uwe Radloff, als er den Kreuzer am Molenfeuer vorbei auf die Ostsee steuert. Es seien immer die bewegenden Geschichten, „wo man nicht helfen kann“, die in Erinnerung bleiben. Als 2014 ein Hubschrauber vor dem Darß abstürzte, das sei so eine gewesen, erzählt der Kapitän mit nachdenklicher Miene. Aber die schönen Ereignisse überwiegen, darin sind sich die Männer einig. Student Ilja Fiebak ist Freiwilliger an Bord. „Sechs Stunden haben wir ein Segelboot mit gebrochenem Mast reingeschleppt“, erzählt er. Die Dankbarkeit des Skippers sei grenzenlos gewesen. „Ein Pole, den wir vor Jahren von einem sinkenden Schiff gerettet haben, kommt immer noch regelmäßig und bedankt sich“, sagt Uwe Engelke. Die meisten Einsätze sind Hilfeleistungen für die private Schifffahrt.

Sieben Seemeilen vor der Küste beschleunigt Radloff auf 17 Knoten. Spielend leicht sieht es aus, wenn er das tonnenschwere, aber wendige Schiff enge Kurven fahren lässt. Auf der Kontrollfahrt testen sie, ob die Maschine tadellos läuft. Bei einem Einsatz muss alles funktionieren. Oder sie trainieren Manöver. Manchmal kontrollieren sie auch die Tonnen vor der Küste.

Der Job der Crew besteht natürlich auch aus Warten. Langweilig wird es aber nicht: Neben Ausbildung und Kontrollfahrten halten sie die „Vormann Jantzen“ in Schuss, müssen Papierkram erledigen, die Maschine pflegen und warten oder Passanten von ihrer Arbeit erzählen. Im Sommer ist die „Vormann Jantzen“ für Werbezwecke unterwegs. Denn: „Wir sind komplett auf Spenden angewiesen“, sagt Jörg Westphal. Die Arbeit der Seenotretter ist Teamarbeit. Und der Vormann „ist nur so gut wie seine Besatzung“, sagt Radloff. Die Kapitäne auf Rettungskreuzern werden Vormänner genannt – aus Anerkennung, erzählt Jörg Westphal. Denn Vormänner sind Heldenfiguren. Die wohl bekannteste und auch namensgebende ist Stephan Jantzen. Er rettete Mitte des 19. Jahrhunderts vor Warnemünde vielen Menschen das Leben.

Auf dem Weg zurück in den Hafen tanzt die „Vormann Jantzen“ über die Wellen. Uwe Radloff meldet sich per Funk zurück. Beim Anlegen stehen wieder Zuschauer bereit. Dann ist erst mal Zeit für das Mittagessen. Ilja Fiebak hat eingekauft, im Bauch des Schiffes kocht Uwe Engelke. Es gibt Leberkäse. Der Duft breitet sich unter Deck aus. Deftige Kost muss es sein, sagen die Männer.

Im März geht es für Uwe Radloff und die „Vormann Jantzen“ nach Hooksiel. Uwe Engelke und Ilja Fiebak sind dann wieder auf der „Arkona“ im Einsatz. Ein Wiedersehen in Warnemünde gibt es in drei Jahren wieder. Bis dahin warten noch spannende Einsätze auf die Crew der „Vormann Jantzen“.

Philip Schülermann

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