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Wenn zwei sich streiten, leiden die Kinder

Dierkow Wenn zwei sich streiten, leiden die Kinder

Anfang Oktober startet die Caritas in Rostock wieder Gruppensitzungen für getrennt lebende Eltern / Sozialarbeiter Ulrich Kakowski erklärt, dass nicht die Trennung, sondern vor allem Streit den Nachwuchs belaste

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Wenn die Liebe zwischen Mama und Papa stirbt, sind die Kinder oft die Leidtragenden (Symbolbild).

Quelle: Keystone

Dierkow. Drei Figuren stellt Ulrich Kakowski auf den Tisch in der Caritas-Beratungsstelle in Dierkow. Eine Mutter, einen Vater und ein Kind. Doch gleich dahinter taucht ein Spielzeug-Dinosaurier auf. „Das ist der Streit, das ist die Trennung“, sagt der Sozialarbeiter. Anhand dieser einfachen, plastischen Darstellung will Kakowski Eltern bewusst machen, wie sich dieser Einschnitt für den Nachwuchs anfühlt.

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Anfang Oktober startet die Caritas in Rostock wieder Gruppensitzungen für getrennt lebende Eltern / Sozialarbeiter Ulrich Kakowski erklärt, dass nicht die Trennung, sondern vor allem Streit den Nachwuchs belaste

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Im Oktober startet die Caritas in Rostock wieder ihre Gruppensitzungen für Erwachsene. Hier sollen sie über alltägliche Schwierigkeiten sprechen und Lösungsansätze finden. „Wir wollen einen Raum schaffen, um angstfrei und offen zu reden“, sagt der 46-Jährige. Es gehe darum, zu erkennen, dass man mit seinen Problemen nicht allein ist. „Es ist hilfreich, neue Blickwinkel zuzulassen“, erklärt der Familienberater.

„Lange ist die Forschung davon ausgegangen, dass jedes Trennungskind traumatisiert sein muss“, so Kakowski. Doch in manchen Fällen würde dies die angespannte Situation in der Familie sogar verbessern. „Es bleibt eine schwierige Zeit für die Kleinen, aber sie haben dadurch prinzipiell auch Chancen.“ Seit etwa 30 Jahren stehe daher eher die Frage im Mittelpunkt, was muss geschehen, damit der Nachwuchs nicht unter der Entscheidung der Eltern leidet. „Richtig schlimm ist es dann, wenn sie danach noch immer strittig oder hoch strittig sind.“ Das Kind würde auf diese Weise schnell die Hoffnung auf bessere Zeiten verlieren. „Es kommt zu Auffälligkeiten“, warnt der Experte. Krankheiten, psychosomatische Störungen oder ein extrem angepasstes Verhalten, zählt er auf. „Die Wahrscheinlichkeit ist bei Dauerstreit vier bis sechs Mal höher als bei ,normalen’ Trennungen.“

Im vergangenen Jahr wurden in der Hansestadt 488 Ehen geschieden. 2014 waren es sogar 544 Scheidungen. Allein in den zwei Jahren waren insgesamt 628 Kinder davon betroffen. Quelle für diese Daten ist das Statistische Amt Mecklenburg-Vorpommern. Zum aktuellen Jahr könne man momentan noch nichts sagen, erklärt Stadtsprecher Ulrich Kunze. „Da die Daten für 2015 uns erst in der vergangenen Woche erreichten, liegen Daten für das aktuelle Jahr auch erst im dritten Quartal 2017 vor.“

Doch es gehe nicht nur um Scheidungskinder, macht Kakowski deutlich. „Für den Nachwuchs macht es keinen Unterschied, ob Mama und Papa verheiratet oder unverheiratet waren“, sagt der Sozialarbeiter.

Niemand könne sagen, wie viele Trennungskinder es wirklich gebe „Dazu gibt es keine Statistiken.“ Er schätzt jedoch, dass davon knapp 10 000 Minderjährige in Rostock betroffen sein könnten.

Eine Faustregel besage, dass rund 90 bis 95 Prozent der Eltern es schaffen, eine gute Lösung für ihre Familie zu finden. „Doch fünf bis zehn Prozent schaffen es nicht“, sagt Kakowski knapp. In solchen Fällen würden dann auch die Polizei, das Jugendamt oder das Gericht zum Einsatz kommen müssen – oder Beratungsstellen.

„Trennung ist ein Massenphänomen, es ist zur Normalität geworden“, betont der Berater der Caritas. Es habe sich der Trend entwickelt, dass Eltern schneller bereit seien, Hilfe zu suchen und anzunehmen. Denn der kleinste gemeinsame Nenner sei ihr Kind. „Im Normalfall sind sich Mutter und Vater zumindest in diesem einen Punkt einig: dass es dem Nachwuchs gut gehen soll.“

Seit zehn Jahren bietet die Caritas Sitzungen für Trennungskinder an. „Wir haben eine Gruppe für Sechs- bis Neunjährige und eine für Neun- bis 13-Jährige. Die Nachfrage ist relativ hoch“, sagt Kakowski. Hier gehe es darum, das Selbstbewusstsein der Kleinen zu stärken und das Ende der Beziehung von Mama und Papa in Worte zu fassen. „Ich gehe mit ihnen dann immer eine Wette ein, dass sie in der Schule nicht die Einzigen in ihrer Klasse sind, deren Eltern getrennt leben.“ Bisher habe er diese Wette fast immer gewonnen.

Die Kurse seien meist der erste Schritt für Erwachsene, um auch selbst in einer Gruppe mit anderen zu reden. Seit drei Jahren wird auch diese Selbsthilfe im Beratungszentrum angeboten. „Hier finden immer zwei Termine parallel statt, denn die Eltern sollen nicht gemeinsam in einer Gruppe sitzen“, so der Berater. Schließlich ginge es darum, Hilfe zu finden und niemandem die Bühne für ihren Streit zu überlassen.

Kurs beginnt im Oktober

488 Ehen wurden 2015 in Rostock geschieden, durch die 292 Kinder betroffen waren. Für uneheliche Trennungen gibt es keine Statistiken.

In Rostock gibt es fünf Familienberatungsstellen. Die Caritas (Dierkow, Innenstadt), die Stadtmission (KTV, Lütten Klein) und zusätzlich eine Praxis mit Beratung am Klenow Tor.

Der Kurs „Eltern bleibt man immer“ startet am 10. Oktober um 18.30 Uhr, die zweite Gruppe trifft sich am 12. Oktober um 16 Uhr.

Kontakt: ☎ 0381/600 91 10

Johanna Hegermann

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