Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
„Tschernobyl wird noch Jahrzehnte nachwirken“

Rostock „Tschernobyl wird noch Jahrzehnte nachwirken“

Der Rostocker Agrarforscher Norbert Makowski war im verstrahlten Gebiet. Bis heute können dort keine Lebensmittel angebaut werden.

Voriger Artikel
Automatisierung der Produktion: Rostocker Ingenieure wissen wie
Nächster Artikel
Neue Scandlines-Fähre legt erstmals an

Der Rostocker Agrarwissenschaftler Prof. Norbert Makowski (83) arbeitete kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in der verstrahlten Zone.

Quelle: Elke Ehlers

Rostock. Das schwerste Reaktorunglück in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie – die Katastrophe von Tschernobyl – liegt am 26. April genau 30 Jahre zurück. Das Nuklear-Drama von Fokushima jährte sich im März zum fünften Mal. Die beiden Ereignisse mahnen dazu, andere Energiequellen zu nutzen, meint der Rostocker Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Norbert Makowski, der die Ukraine und deren Nachbarland Weißrussland gut kennt. Die OZ sprach mit dem 83-Jährigen.

OZ: Die Explosion des Reaktors von Tschernobyl setzte damals riesige Mengen Radioaktivität frei. Dadurch erkrankten nicht nur mehr als 10 000 Menschen an Leukämie und Schilddrüsenkrebs, auch Zehntausende Hektar Agrarfläche wurden verstrahlt. Wie ist die Situation heute?

Prof. Dr. Norbert Makowski: Nach 30 Jahren hat sich die Strahlung etwa halbiert, aber sie ist immer noch da. 50 Prozent der Atomkerne haben sich durch Aussendung ionisierender Strahlung in ein anderes Nuklid umgewandelt, aber auch das braucht wieder 30 Jahre, um sich auf die Hälfte zu reduzieren. Ich bin kein Physiker, aber nach 90 Jahren beträgt die Radioaktivität dann immer noch mehr als 12 Prozent der Belastung von 1986.

OZ: Was bedeutet das für die Gebiete, die von der radioaktiven Wolke besonders stark getroffen wurden?

Makowski: Im Alltag ist Katastrophe ja weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Not in den betroffenen Ländern Belarus, Russland und die Ukraine vorbei ist. Die Folgen des Unfalls werden noch Jahrzehnte verheerende Auswirkungen haben – für Mensch und Umwelt.

OZ: Welche?

Makowski: Wertvolle Ackerflächen können immer noch nicht genutzt werden. Experten schätzen, dass 2016 noch 16 Prozent des Staatsgebietes in Weißrussland verstrahlt sind. Für die Produktion von Lebensmitteln sind solche Böden bis heute nicht nutzbar – überaus schwierig für ein Land, dessen wichtigster Wirtschaftsfaktor die Agrarproduktion ist. Alte und arme Menschen essen aber trotzdem mit großer Wahrscheinlichkeit die verstrahlten Produkte von ihren Feldern und aus ihren Gärten. Außerdem breiten sich die radioaktiven Substanzen immer noch aus. Sie gelangen zum Beispiel über das Sickerwasser im Boden in die umliegenden Sümpfe und dann in den Dnjepr.

OZ: Sie waren schon vor der Reaktor-Katastrophe in Weißrussland, was taten Sie dort?

Makowski: Die sowjetische Landwirtschaft war nicht in der Lage, die Bevölkerung ausreichend mit Nahrungsmittel-Eiweißen und Pflanzenfett zu versorgen. Ich leitete ein Forschungsteam der DDR-Akademie der Landwirtschaftswissenschaften, das in das Lebensmittelprogramm eingebunden war, das Michail Gorbatschow 1985 aufgelegt hatte. Mit einer von mir entwickelten Technologie gelang es erstmals, in den westlichen Sowjetrepubliken erfolgreich Winterraps anzubauen. Vorher waren die Pflanzen dort im Winter erfroren.

OZ: Waren Sie auch vor Ort, als der Reaktor von Tschernobyl außer Kontrolle geriet?

Makowski: Nein, aber zwei Wochen danach war ich in der Nähe von Brest in Weißrussland, also etwa 450 Kilometer Luftlinie von Tschernobyl entfernt. Weißrussland bekam die meiste Strahlung ab, weil die radioaktive Wolke nach Nordosten abzog.

OZ: Wie nahmen Sie das Unglück damals wahr?

Makowski: Über die Explosion des Meilers hatten die Medien in der DDR und in der Sowjetunion nur spärlich berichtet. 14 Tage später hieß es offiziell, dass alle möglichen Folgen beseitigt seien. Man hatte die Milch verkippt und das Gemüse untergepflügt. Im Land wurde nicht viel über das Ereignis geredet, weder privat noch offiziell.

OZ: Wann erkannten Sie, wie gravierend das Unglück wirklich war?

Makowski: Erst mehrere Jahre später, nach dem Ende der Sowjetunion. Die Bilder in der 30-Kilometer-Sperrzone von Tschernobyl waren für mich erschreckend. Sie glichen denen, die ich in den letzten Kriegstagen 1945 in Hinterpommern gesehen hatte. Ich war auch direkt im Kraftwerk von Tschernobyl. Etwa zwei Stunden hielten wir uns in der Nähe des Reaktors auf, nur in notdürftige Schutzumhänge gehüllt.

OZ: Wurden Sie dabei verstrahlt?

Makowski: Vermutlich ja, jedenfalls gab der Geigerzähler kräftige Signale, als wir abends in der Unterkunft gemessen haben. Ob meine Krebserkrankungen daher stammen, kann ich nur vermuten. Die Meinung meiner Ärzte geht da auseinander.

OZ: Warum kamen Sie in den 1990er Jahren zurück in die verstrahlten Gebiete?

Makowski: Eine Gruppe deutscher Wissenschaftler – Agrarwissenschaftler, Kernphysiker, Ärzte, Maschinenbauer und Ökonomen – schafften es, EU-Fördermittel für ein Projekt zur Dekontamination verstrahlter Böden zu erhalten.

OZ: Hat das geklappt?

Makowski: Wir konnten Alternativen zur Nahrungsmittelproduktion aufzeigen, aber eine Dekontamination ist nicht gelungen.

OZ: Warum nicht?

Makowski: Weil Radioaktivität eben nicht verschwindet. Wir können sie verdrängen, aber wir werden sie nicht los. Strontium 90 und Cäsium 137 könnten durch eine Art melioratives Pflügen zwar tiefer in den Boden eingebracht werden. Dann sind sie für flachwurzelnde Pflanzen wie Getreide nicht mehr erreichbar. Das hat aber den Nachteil, dass die radioaktiven Substanzen dann schneller ins Wasser der Prypjat-Sümpfe und dann in den Dnjepr gelangen.

OZ: Prof. Makowski, Sie sind ein anerkannter Wissenschaftler. Doch erst jüngst fiel Ihr Name wieder in Zusammenhang mit der Doktorarbeit von Agrarminister Till Backhaus. Nervt Sie das?

Makowski: Ja, sehr. Ich habe in mehr als 40 Jahren rund 50 Doktoranden betreut und tue dies bis heute an der Bergischen Universität Wuppertal, in einem Forschungsprojekt über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe in Gülzow, das vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördert wird. Die Promotion von Till Backhaus war nichts Außergewöhnliches hatte da keineswegs die Sonderstellung, die andere dem beimessen.

OZ: Sie sollen den Minister über Gebühr unterstützt haben und dafür mit Forschungsgeldern belohnt worden sein?

Makowski: Ich habe zu nachwachsenden Rohstoffen geforscht. Dass das nur möglich gewesen sein soll, weil Herr Backhaus Minister war, erscheint mir sehr unwahrscheinlich.

OZ: Zurück zu Ihren Forschungsergebnissen in der Ukraine und Weißrussland: Vor 20 Jahre ist es nicht gelungen, die verstrahlten Böden zu reinigen. Wäre das heute möglich?

Makowski: Es gibt auch heute noch keine Möglichkeit, die Böden zu dekontaminieren. Auch abgetragen werden könnten sie nicht – wo sollte all der verseuchte Boden hin? Deshalb bleibt nur die Möglichkeit, die Halbwertzeiten abzuwarten und die Verbreitung radioaktiver Substanzen durch Sturm, Wasser und Feuer zu verhindern.

OZ: Könnten nicht wenigstens nachwachsende Rohstoffe könnten doch aber angebaut werden, für Biogasanlagen zum Beispiel?

Makowski: Der Anbau von Raps wäre möglich, da im Öl die Nuklide nicht eingelagert werden. Allerdings müsste das Stroh verbrannt und die Asche wie radioaktiver Abfall entsorgt werden. Wichtigster nachwachsender Rohstoff in Weißrussland ist aber Flachs. Und dessen Anbau ist leider auszuschließen, da die radioaktiven Substanzen sich in die Fasern einlagern. Selbst das daraus hergestellte Leinentuch war noch strahlungsaktiv.

OZ: Hat Ihr Forschungsteam das untersucht?

Makowski: Ja, unsere weißrussischen Partner haben das gemessen. OZ: Wäre Holz als nachwachsender Rohstoff eine Alternative?

Makowski: Der Wald ist eine gewaltige Zeitbombe. Er speichert Strontium 90 und Cäsium 137 in großen Mengen und kann die Elemente durch Brände und entstehenden Rauch weit verbreiten.

OZ: Lässt sich Radioaktivität nicht irgendwie binden?

Makowski: Schon, aber auch das hat Nachteile. Man könnte Reaktionen der Nährstoffe nutzen. So lässt sich durch Düngung mit Kalium und Natrium die Cäsiumaufnahme verringern. Die Aufnahme von Strontium kann durch Calcium und Magnesium gesenkt werden. Das aber würde zu Überdüngung führen – mit Folgeschäden.

OZ: Führte die Verstrahlung auch zu Genmutationen bei Pflanzen?

Makowski: Mit großer Wahrscheinlichkeit ja. Strahlung hat Einfluss auf das Erbgut, auch bei Kultur- und Nutzpflanzen. Wenn bisher in der Tschernobylzone noch nicht von genetischen Veränderungen bei Pflanzen berichtet wird, heißt das nicht, dass sie nicht da sind.

OZ: Waren die Auswirkungen für die Umwelt und Landwirtschaft nach dem Atomunglück von Fokushima ähnlich dramatisch?

Makowski: Als Naturwissenschaftler weiß ich, dass es auch dort viele Jahrzehnte dauern wird, ehe auf der verstrahlten Erde wieder Pflanzen angebaut werden können, die als Nahrungsmittel, Futterpflanzen und nachwachsende Rohstoffe nutzbar sind. Vergleichen wir das Ereignis von 1986 mit dem von Japan, so besteht ein wesentlicher Unterschied – in der Bevölkerungsdichte. Während in Belarus 46 Menschen auf einem Quadratkilometer leben, sind es in Japan 337.

OZ: Was Sie im Umfeld von Tschernobyl erlebten – beschäftigt Sie das noch?

Makowski: Ja. Das Gesehene, das Erlebte, die Gespräche mit den betroffenen Menschen in der verstrahlten Zone haben mich so betroffen gemacht, dass ich mich ohne Wenn und Aber gegen Atomkraftwerke ausspreche.

Von Ehlers, Elke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Rostock/Tschernobyl
Die Crew des Forschungsschiffs „Deneb“ nimmt Wasserproben in der Ostsee.

30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl werden vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns außergewöhnliche Werte von Caesium 137 gemessen.

mehr
Mehr aus Wirtschaft
Meinung OZ-Stadtteil-Umfragen Ihre Meinung ist gefragt. Jeden Monat rücken wir einen anderen Rostocker Stadtteil und seine wichtigsten Thema in den Fokus. Auf unserer Umfrage-Seite wollen wir wissen, wie Sie zu Problemen, Projekten und Plänen in Ihrer Nachbarschaft stehen.
Beilagen
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.
DCX-Bild
2:1 - Hansa siegt auswärts

Der Rostocker Drittligist setzt sich in Erfurt durch. Wegen des Verhaltens der Anhänger droht eine neue Strafe des DFB.