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Wieder Wind im Segel: Junge Chefin werkelt im alten Schulhaus

KRITZKOW Wieder Wind im Segel: Junge Chefin werkelt im alten Schulhaus

Segelmacherin Susann Held (38) meldet sich nach Krankheit zurück / Ihren Bereitschaftsdienst zur Hanse Sail hat sie schon zugesagt

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Die Nähmaschine rattert: Susann Held (38) repariert hier eine Persenning für ein Sportboot.

Quelle: Mathias Otto

Kritzkow. Die Nähmaschine rattert neben dem 30 Quadratmeter großen Arbeitstisch von Susann Held. Die 38-jährige Segelmacherin hat viel zu tun, bevor die Saison startet.

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Segelmacherin Susann Held (38) meldet sich nach Krankheit zurück / Ihren Bereitschaftsdienst zur Hanse Sail hat sie schon zugesagt

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Segel, Planen, Polster, Floßdächer: „Alles, was sich nähen lässt, ist bei mir gut aufgehoben“, sagt sie. Auch an Großprojekten, wie an den Schiffen „Alexander von Humboldt“ oder „Gorch Fock“, hat sie mitgewirkt. Außerdem ist sie zur Stelle, falls auf der Hanse Sail mal ein Segel reißen sollte. Allerdings musste sie aufgrund einer Krankheit lange pausieren. Jetzt stellt sie sich wieder neuen Aufgaben.

Vor allem freut sie sich auf die Hanse Sail. Denn wie schon häufiger in der Vergangenheit, hat sie dann Bereitschaftsdienst für das Rostocker Segelfest. Reißt bei einem der teilnehmenden Schiffe das Segel, fährt sie mit ihrem Dodge zur Kaikante, lädt das defekte Segel ein, repariert es über Nacht und überreicht es dem Kapitän am Tag. „Es gab schon Zeiten, da wurde ich zu mehreren Aufträgen gleichzeitig gerufen. Dann war mein Auto natürlich vollgepackt. Aber es macht Spaß, und meine Arbeit wird geschätzt“, sagt sie. Bisher konnten alle Schiffe nach der Sail wieder mit heilen Segeln den Rostocker Stadthafen verlassen.

Günter Senf ist froh, auf Susann Held zurückgreifen zu können, wenn die großen Segler in die Hansestadt kommen. „Dass ein Segel reißt, kommt hin und wieder vor. Die Kapitäne können jedoch unbesorgt sein. Mit ihr und noch zwei weiteren Segelmachern haben wir ein starkes Team in der Hinterhand“, meint der Vorsitzende der Sail.

Dabei kann er froh sein, denn in dieser Region kann man die Segelmacher fast an zwei Händen abzählen. Laut Tobias Häfner, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Rostock-Bad-Doberan, gibt es in diesem Verbreitungsgebiet nur neun Leute mit dieser Berufsausbildung.

Susann Held wollte ursprünglich auch eine andere Richtung einschlagen. „Mich hat früher immer der Beruf des Schlossers interessiert. Doch Mitte der 90er Jahre war es schwierig, da viele Betriebe keine Frauen eingestellt haben“, so die 38-Jährige. Nach einer Stellenausschreibung in der Zeitung hat sie sich bei einem Segelmacher in Rostock beworben — und bekam die Lehrstelle. Sie verließ

danach ihre Heimat. In Glücksstadt bei Hamburg ist sie zwischenzeitlich hängengeblieben. Der Segelmacherbetrieb, für den sie dort gearbeitet hat, war erfolgreich. Er hat zu Höchstzeiten 15 Leute beschäftigt. Susann Held schwärmt noch immer von den Großaufträgen, an denen sie damals arbeiten konnte. Denn nichts Geringeres, als die „Gorch Fock“ war dabei. Sie war an der Herstellung der 23 Segel für dieses Segelschulschiff beteiligt. „Sieben bis acht Monate haben wir daran gearbeitet. Immerhin war es eine Fläche von 2300 Quadratmetern“, erzählt Susann Held.

„Ich hatte als gebürtige Bützowerin aber irgendwann das Bedürfnis, in die Heimat zurückkehren zu wollen“, berichtet sie. Also machte sie sich selbstständig und mietete eine Halle in Güstrow. Die 80 Quadratmeter große Fläche war aber für ihre Arbeit zu klein und die Miete für sie als Existenzgründerin zu hoch. Bis sie 2010 schließlich auf das Objekt in der Dörpstraat 41 in Kritzkow gestoßen ist — ein ehemaliges Schulgebäude. Wo einst Klassenräume waren, befindet sich heute ihre Werkstatt. „Meine Familie hat mich unterstützt, wo sie konnte und hat das Haus nach meinen Vorstellungen saniert und umgebaut“, berichtet die Handwerkerin.

Doch drei Jahre später musste sie ihren Traum von einer eigenen Werkstatt ruhen lassen, da sie erkrankte. „Keiner wusste, wie es weitergehen sollte. Schwere Arbeiten durfte ich zeitweise nicht machen“, sagt sie. Zwischendurch hat sie einen Bürojob angenommen, um sich finanziell über Wasser zu halten.

Sie bezeichnet sich selbst aber als Stehaufmännchen. So steht sie seit Anfang April wieder an ihrem Werktisch und misst die Stoffe aus, näht und klebt. Viele Kunden von damals sind zurückgekehrt.

Auch einen Großauftrag aus dem brandenburgischen Lychen hat sie angenommen: Sie fertigt die Dächer für die Flöße an, die dort über die Gewässer fahren.

Drei Jahre Ausbildung

Ein Segelmacher fertigt, repariert und wartet Segel, Planen, Sprayhoods (Halb-Verdeck bei Yachten) und Persenninge für alle Segelschiffstypen aber auch in anderen Bereichen, etwa Sonnenschutzsegel, Markisen und Zelte.

Der Beruf des Segelmachers ist in Deutschland ein anerkannter Ausbildungsberuf nach dem Berufsbildungsgesetz und der Handwerksordnung. Die Ausbildung erfolgt im jeweiligen Ausbildungsbetrieb sowie der bundesweit zuständigen Berufsschule auf dem Priwall. Sie dauert drei Jahre.

Von Mathias Otto

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