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Zapfenpflücker: Arbeitsplatz hoch in den Wipfeln

NIENHAGEN Zapfenpflücker: Arbeitsplatz hoch in den Wipfeln

Henning Friz (48) aus Nienhagen klettert seit 20 Jahren auf Bäume, um Saatgut zu ernten oder die Kronen zu pflegen / Nur zwölf Baumsteiger gibt es im gesamten Land

Nienhagen/ Zepeliner Holz. Nur 35 Meter – mehr muss Henning Friz nicht zurücklegen, um seinen heutigen Arbeitsplatz zu erreichen. Trotzdem braucht der Nienhäger eine gute Dreiviertelstunde, bis er dort angekommen ist. Denn für ihn geht es in die Höhe, in den Wipfel einer Eiche im Zepeliner Holz (Landkreis Rostock).

 

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Konzentration ist beim Aufstieg das oberste Gebot. Henning Friz ist seit 20 Jahren in den Bäumen des Landes unterwegs.

Quelle: Fotos: Ann-Christin Schneider
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Am Graf-Zeppelin-Denkmal geht es in eine 35 Meter hohe Eiche.

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Konzentration ist beim Aufstieg das oberste Gebot. Henning Friz ist seit 20 Jahren in den Bäumen des Landes unterwegs.

Quelle: Fotos: Ann-Christin Schneider

Ein Ast muss etwa oberschen-

keldick sein, um einen von uns

zu tragen.“Johannes Bilke (24),

Zapfenpflücker

Friz arbeitet als Zapfenpflücker. Seine Aufgabe ist es, die Baumkronen zu erklimmen, um die Samen reifer Zapfen von Kiefer, Tanne, Fichte und Douglasie zu ernten oder in schwindelerregender Höhe die Gehölze zu pflegen.

So wie bei den Eichen am Graf-Zeppelin-Denkmal. „Einige Äste sind tot oder schadhaft“, erklärt der gelernte Forstwirt, der sich 1996 zum Baumsteiger hat weiterbilden lassen. „Sie würden nach unten fallen. Damit sie keine Besucher des Denkmals verletzen, entfernen wir die Äste.“

Die Zapfenpflücker sind zu dritt. Johannes Bilke und Malte Haarmann gehören zum Team des 48-Jährigen. Die beiden jungen Rostocker sind erst seit 2014 beziehungsweise diesem Jahr dabei.

Mit einer riesigen Schleuder – Zwille genannt – wird eine Wurfschnur mit einem Gewicht in den Baum geworfen. Sobald diese mehrere tragfähige Äste erwischt hat, werden die Kletterseile heraufgezogen.

„Die Richtlinie ist etwa, dass der Ast oberschenkeldick sein muss, um einen Erwachsenen zu tragen“, weiß Bilke. Daran sichern sich die Forstwirte.

Die drei sind mit Helm, Handschuhen sowie schnittschützender Hose und Schuhen ausgestattet. An ihren Klettergurten hängen weitere Seile, Karabiner und Handsägen. Friz nimmt sogar eine Motorsäge mit in die Höhe. „Die Ausrüstung kann so schon mal 20 Kilogramm wiegen“, schätzt er.

Zentimeter für Zentimeter zieht sich das Trio in die Höhe. Ein Fuß in einer Schlaufe, der andere zum Schwung holen, nutzen sie das Flaschenzugprinzip der Steigklemme. Armmuskelkraft unabdinglich.

„Körperliche Fitness ist sehr wichtig“, betont Friz. „Jeden Abend spüre ich, was ich getan habe.“ Etwa 300 Stunden verbringt er im Jahr in den Bäumen – bei Wind und Wetter und im gesamten Land.

Von Grevesmühlen bis an die brandenburgische Grenze reicht das Revier der Seilklettertechniker. Nur zwölf Zapfenpflücker gibt es insgesamt in Mecklenburg-Vorpommern. „Da muss immer sehr viel koordiniert werden. Gerade die Familien müssen viel zurückstecken“, weiß der Familienvater aus eigener Erfahrung.

Nachwuchs lasse sich nur schwer generieren. „Viele mögen das Klettern, doch der Aufwand und die körperliche Anstrengung lässt viele aufgeben“, erklärt Friz weiter, der auch privat gern im Alpenverein klettert. Er ist froh, mit Bilke und Haarmann motivierte Kollegen gefunden zu haben.

Auf einem ersten größeren Ast angekommen, schmeißt Friz seine Motorsäge an. Durch eine Sonderausbildung darf er diese in den Bäumen verwenden. Unter röhrenden Motoren schneidet er die morschen Hölzer ab. Die Äste fallen zu Boden. Den ganzen Tag arbeitet sich das Team so von Gabelung zu Gabelung die Eiche hoch. Schlimmere Verletzungen habe Friz bislang nie gehabt.

Das ganze Jahr über gibt es Arbeit für die kletternden Forstwirte. So haben sie Wildkameras in den Bäumen aufgehangen, Greifvögel beringt, Reiser für Forschungsarbeiten geschnitten und Problembäume unter anderem im Gespensterwald Nienhagen gefällt. Seit August läuft die Zapfenernte.

In den vergangenen Wochen wurden Douglasien abgeerntet. Die höchsten Bäume dieser Art in Europa sind bis zu 60 Meter hoch und stehen im Stadtforst Parchim. Bis zu 200 Kilogramm Zapfen trägt ein solcher Nadelbaum. „Da wir alles per Hand einsammeln, schaffen wir am Tag meistens nur einen gut behangenen Baum“, sagt Friz.

Der Preis pro Kilogramm Douglasien-Zapfen liegt etwa bei 4,50 Euro. In der landeseigenen Samendarre in Jatznick bei Pasewalk werden die Zapfen so getrocknet, dass ihre Keimfähigkeit erhalten bleibt. 50 Kilogramm Zapfen ergeben ein Kilogramm Samen. Diese werden dann an Baumschulen und Saatguthändler verkauft. Momentan pausiert die Ernte. Die Weißtanne brauche noch, die Kiefer beendet dann die Saison im Februar.

Alle zwei Jahre Gesundheitscheck für Zapfenpflücker

558000 Hektar Wald umfasst Mecklenburg-Vorpommern, von denen etwa 14000 Hektar zum Forstamt Bad Doberan gehören. Circa die Hälfte der gesamten Waldfläche sind in Landesbesitz. Vor allem Kiefern, Fichten, Buchen und Eichen wachsen in den heimischen Wäldern.

12 Zapfenpflücker gibt es in MV, die alle landeseigenen Wälder bewirtschaften. Eine Woche dauert die Weiterbildung für Forstwirte. Zu der Unterrichtung gehören Einheiten zu Baumarten und Ausrüstung sowie Aufstiegstechniken und Kletterwege. Baumsteiger müssen höhentauglich und körperlich fit sein.

Ann-Christin Schneider

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