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Zu heiß? Rostocks Streit um nackte Waden

Stadtmitte Zu heiß? Rostocks Streit um nackte Waden

Weil ein Politiker in kurzer Hose zur Sitzung kam, fordert der Bürgerschaftspräsident nun eine Kleiderordnung

Stadtmitte. Hinter den Kulissen der Rostocker Bürgerschaft gibt es mal wieder Streit – dieses Mal allerdings nicht um Bebauungspläne, um Konzepte für das Theater oder die Finanzen: Präsidium und Politiker zoffen auch eine Woche nach der jüngsten Sitzung immer noch um nackte Waden. Auslöser des Ganzen ist Kay Nadolny, Bürgerschaftsmitglied der Linken. Er war zur der Sitzung am Mittwoch – bei sommerlichen Temperaturen – in kurzer Hose erschienen und so auch an das Rednerpult getreten. Doch kurze Hosen im Stadtparlament – das passt dem Präsidium nun überhaupt nicht.

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„Ich kann niemanden zwingen, sich zu den Sitzungen ordentlich zu kleiden“, sagt Bürgerschaftspräsident Wolfgang Nitzsche (Linke). „Bislang ist in der Bürgerschaft nur Kleidung mit politischen Botschaften verboten.“ So seien zum Beispiel bestimmte Modemarken, die der rechtsextremen Szenen zuzuordnen sind, untersagt. Eine generelle Kleiderordnung gibt es offiziell aber nicht. Noch nicht:

„Wir sollten diese Frage jetzt aber mal angehen. Es geht dabei auch um die Würde des Hauses“, so der Stadtpräsident. Für ihn sei klar: Kurze Hosen, Sommer-Outfit – nein, das gehöre sich „im hohen Haus“ nicht. „Wir haben als Vertreter der Stadtgesellschaft auch eine gewisse Vorbildfunktion. Die Zuschauer achten sehr genau darauf, wer an das Rednerpult tritt – und wie“, sagt Nitzsche. In seiner Freizeit trage er auch gerne mal einen „Nato-Parker“. „Aber so etwas gehört sich nicht bei den Sitzungen. Und das verlange ich von meinen Kollegen auch.“

Nitzsche hat sich nach der Sitzung sogar mit einem offiziellen Schreiben an die Fraktionen gewandt – mit der Bitte um „angemessene“ Kleidung während der Sitzungen. In der Politik kommt das aber nicht gut an: Linken-Chefin Eva-Maria Kröger verteidigt „ihren“ Abgeordneten Nadolny: „Es ist Sommer, es ist warm und am Ende der Sitzung interessiert niemanden, ob deine Waden bekleidet waren – sondern, was du entschieden hast. Weder lange Hosen noch Krawatten garantieren gute Politik.“ Und außerdem könne sich Kay Nadolny in kurzen Hosen besser benehmen als so manches Mitglied des Präsidiums, das zwar im Anzug zur Sitzung kommt, aber „ regelmäßig seine Manieren vergisst und in der Bürgerschaft ausfällig wird“. Gemeint ist damit CDU-Mann Frank Giesen, der sich über die kurzen Hosen echauffiert hatte. CDU-Chef Daniel Peters reagiert auf das Schreiben von Nitzsche und die Kleider-Debatte sarkastisch: „Ich komme nächstes Mal in Badehose. Das wäre dem Niveau mancher Debatte in der Bürgerschaft angemessen.“

Während die Bürgerschaft über die Anzugsordnung noch streitet, ist das in vielen Rostocker Unternehmen klar geregelt – zum Beispiel bei der VR-Bank. Dort gilt – „unabhängig von der Temperatur“ – Krawattenzwang für die Herren, sagt Sven Haase, Leiter der Privatkunden-Abteilung. „Als Dienstleistungsunternehmen und Genossenschaftsbank genießen wir hohes Vertrauen bei unseren Kunden.

Entsprechend wollen wir unseren Kunden angemessen begegnen, wie diese es von uns erwarten.“ Dazu gäbe es eigens eine Mitarbeitervereinbarung „zu Art und Ausgestaltung der Bekleidung“. Bei der Ostsee-Sparkasse (Ospa) gilt zwar grundsätzlich auch Blazer-Zwang für die Damen und Krawatten-Pflicht für die Männer, sagt Sprecherin Katrin Stüdemann: „Bei hochsommerlichen Temperaturen dürfen die Filialleiter aber auch Ausnahmen genehmigen.“ Kurze Hosen werde es bei der Ospa aber niemals geben – ganz gleich, wie warm es auch sei.

In den Amtsstuben im Rathaus gibt es keine Vorgaben: „Wir haben keine Kleiderordnung für die allgemeine Verwaltung“, sagt Stadtsprecher Ulrich Kunze. Wer mit kurzer Hose zum Dienst kommt, kann dafür nicht abgemahnt werden. Allerdings: Bei der Stadt gibt es Ausnahmen. Im Brandschutz- und Rettungsamt zum Beispiel sei klar geregelt, wann die Berufsfeuerwehrleute Dienstkleidung oder Uniform zu tragen haben. Auch für die Mitarbeiter im Veterinär- und Lebensmittelamt ist vorgeschrieben, dass sie bei Kontrollen Hygienekleidung zu tragen haben – egal, was das Thermometer anzeigt. „Auch die Mitarbeiter des Ordnungsdienstes mit Kontroll- und Vollzugsaufgaben haben Dienstkleidung zu tragen“, so Kunze.

Auf den Schiffen der Rostocker Reederei Aida herrscht zwar eine legere Atmosphäre – „aber bei Herren, die am Abend kurze Hosen tragen, endet unsere Toleranz“, sagt Sprecher Hansjörg Kunze. Nackte Waden seien für die Crew als auch die Gäste in den Restaurants tabu. In den Rostocker Büros seien Krawatten eine Ausnahme: „Die bleiben dem Präsidenten, dem Finanzchef oder den Juristen bei offiziellen Terminen vorbehalten.“ In kurzer Hose und Flipflops würde niemand zum Dienst kommen – nicht nur, weil das nicht gerne gesehen wird: „Unsere Büros sind im Sommer modern klimatisiert.“ Es könnte den Waden also kalt werden.

Andreas Meyer

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