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Gastkommentar Theater als Werkstatt unserer Gesellschaft
Sonntag Gastkommentar Theater als Werkstatt unserer Gesellschaft
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20:55 15.04.2016
Theater sind in unserer Gesellschaft unverzichtbar. Sie setzen sich mit aktuellen Fragen auseinander und ermöglichen dies auch ihrem Publikum, ihrer Stadt, ihrem Netzwerk. Quelle: afp

Bahnhöfe, Grenzübergänge, Sozialämter – das sind auf den ersten Blick die öffentlichen Orte, an denen die große Zahl der Schutzsuchenden in den vergangenen Monaten deutlich sichtbar wurde. Auf einen zweiten Blick aber fallen insbesondere kulturelle Einrichtungen auf, Theater zum Beispiel, die sich laut wahrnehmbar an den aktuellen Gesellschaftsdebatten beteiligen.

Fungiert das Theater als Reparaturbetrieb der Gesellschaft? Das aktuelle Engagement der Theater in der Flüchtlingsfrage geschieht auf unterschiedlichen Ebenen. Wenn das Hamburger Schauspielhaus, direkt gegenüber dem Hauptbahnhof gelegen, Flüchtlingen auf der Durchreise ein Matratzenlager und eine warme Suppe anbietet, dann ist das eine pragmatische, zutiefst menschliche Hilfe und aufrichtiges Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Andere Häuser, wie das Thalia Theater, bieten konkrete Hilfsangebote für die Neuankömmlinge, wie vorübergehende Unterkünfte, oder etablieren ein Willkommenscafé mit Internetzugang. Dies passiert unabhängig vom Theaterprogramm. Viele Bühnen richten aber auch ihren Spielplan auf diese Thematik aus. Sie nehmen die gesellschaftspolitische Dimension des Themas in Inszenierungen sowie in neuen und alten Stücken in den Fokus.

Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit

Die Bühnen stellen uns drängende Fragen: Wie gehen wir mit Flucht, mit Fluchtgründen um? Wovor haben wir Angst? Was bedeutet nationale Identität, was bedeutet Fremdheit? All diese Fragen sind hochaktuell – aber sie sind nicht neu. Der antike Autor Aischylos hat sie gestellt, und die österreichische Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat auf der Grundlage seines Textes, der 466 vor Christus erstmals aufgeführt wurde, mit "Die Schutzbefohlenen" das aktuelle Stück der Stunde veröffentlicht.

Gotthold Ephraim Lessings Stück "Nathan der Weise" wird seit 1779 an den deutschsprachigen Bühnen gespielt und in jedem Deutschunterricht gelesen. Es verhandelt hochaktuelle Fragen zur Versöhnbarkeit der Religionen.

Hier zeigt sich einmal mehr, warum die Theater in unserer Gesellschaft unverzichtbar sind. Sie setzen sich mit der aktuellen Wirklichkeit unserer Welt auseinander und ermöglichen dies auch ihrem Publikum, ihrer Stadt, ihrem Netzwerk. Auch Politiker täten gut daran, diese Funktion zum einen stärker anzuerkennen, und zum anderen die aus dieser Reflexion wachsenden Erkenntnisse in ihren Entscheidungen zu Veränderungen in den Theatern zu berücksichtigen.

Vorurteil vom Elfenbeinturm

Mit all ihren Formen des Engagements nehmen die Theater ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr, mischen sich ein und widerlegen so das Vorurteil vom elitären und wirklichkeitsfremden Elfenbeinturm. Sie stellen sich immer wieder der Herausforderung, aktuelle gesellschaftliche Themen zu bearbeiten und zu reflektieren.

Dies stößt manchen bitter auf, wie zum Beispiel dem lettischen Regisseur Alvis Hermanis. Die Diskussion um seine Absage der Zusammenarbeit mit dem Hamburger Thalia Theater, das sich in seinen Augen zu ungefiltert für Flüchtlinge engagiert, verdeutlicht vor allem die Kraft und Bedeutung, die das Theater in der aktuellen Debatte hat. Auf der anderen Seite entsteht diese Kraft erst durch eine Aktualität – und das ist gut so.

Der Dichter Bert Brecht sagte es so: "Der Künstler hat nicht nur die Verantwortung vor der Gesellschaft, er zieht auch die Gesellschaft zur Verantwortung." Theater werden zu einem Großteil mit öffentlichen Geldern gefördert. Wir haben in Deutschland rund 140 öffentliche, also kommunal oder staatlich getragene, Theater. Dazu kommen rund 130 Orchester.

Witz, Sinnlichkeit, Provokation

Diese Dichte und Vielfalt stellen eine Besonderheit dar, von der sich ein hoher qualitativer Anspruch und ebendiese besondere Verpflichtung ableiten, was ihre gesellschaftliche Bedeutung angeht. Die öffentliche Finanzierung ermöglicht künstlerische Intervention. Künstler wie Christoph Schlingensief haben gezeigt, dass ihre Projekte direkt und konfrontativ in die Gesellschaft einschlagen können, der theatrale Raum umgedacht werden kann, man sich von den Textvorgaben lösen und Neues schaffen kann, das das Spektrum der Stadttheater um ein Vielfaches erweitert.

Im Theater kumulieren Tradition und Moderne, historische Verortung und Neuinterpretation, Repräsentanz auf der Bühne und Interaktion mit dem Publikum zu etwas, das für jeden real erlebbar wird. So kann das Theater ganz unmittelbar und direkt die Frage stellen, wie wir in unserer Gesellschaft leben wollen. Es kann mit Witz und Sinnlichkeit, aber auch mit Provokation Kritik äußern. Es führt uns die Werte vor Augen, die in unserer Gesellschaft gelten.

Kluges Theater braucht Zeit

Wir brauchen das Theater mehr denn je, angesichts der aktuellen Entwicklungen und mit Blick auf die große Zahl von Flüchtlingen, die bei uns ankommen, Schutz suchen und unsere Gesellschaft langfristig verändern werden. Wir brauchen das Theater, um Neues zu erfahren, uns mit Themen auseinanderzusetzen und uns stärker zu öffnen.

Dabei kann man nicht von den Autoren beziehungsweise Regisseuren erwarten, ständig ad hoc neue Stoffe und Projekte zu entwickeln. Kluges Theater braucht auch die zur Reflexion nötige Distanz. Mit hektischem Aktionismus ist weder dem Publikum noch den Flüchtlingen geholfen. Es ist also ratsam, genau hinzusehen, um Handlungsspielräume und Bedürfnisse zu erkennen, die an jedem Ort ganz unterschiedlich aussehen können.

Zur Person

Prof. Barbara Kisseler ist als parteilose Politikerin die Kultursenatorin der Freien und Hansestadt Hamburg. Seit Mai 2015 ist die 66-Jährige zudem die erste Frau an der Spitze des Deutschen Bühnenvereins.

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