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Zeit ist unser größtes Kapital

Gastbeitrag von Jutta Allmendinger Zeit ist unser größtes Kapital

Nicht unermüdliches Arbeiten sichert unsere Zukunft, sondern Auszeiten. Wir brauchen sie, um uns für den technologischen Wandel zu qualifizieren, eine stetig wachsende Zahl der Alten zu pflegen und uns wirklich um unsere Kinder zu kümmern.

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Auszeiten sind nötig, möglich und auch umsetzbar.

Quelle: iStockphoto

Berlin. Elternzeiten, Pflegezeiten, Bildungszeiten. Dazu noch Sabbaticals – Auszeiten, die für einen ganz allein sind: unbedingt, begründungsfrei. „Geht’s noch?“, fragen sich manche und sehen eine übersättigte Gesellschaft, Leistungsverweigerung oder gar schieren Lustgewinn. Denn wie soll die deutsche Wirtschaft funktionieren, wenn alle mal am Arbeitsplatz sind, mal mit dem Rollator helfen oder sich für ein halbes Jahr ganz verabschieden? Es sind berechtigte und drängende Fragen, da die Forderungen nach solchen Auszeiten immer lauter werden. Meine Antwort: Sie sind nötig, möglich und ja, auch umsetzbar.

Für berufliche Auszeiten sprechen wichtige Gründe. So war der deutsche Arbeitsmarkt lange auf die Vollzeiterwerbstätigkeit von Männern und die unbezahlte Arbeit von Frauen ausgerichtet. Die oft als funktional beschriebene Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern ist längst aufgebrochen. Frauen dürfen, wollen und müssen arbeiten, schon allein wegen des vor zehn Jahren geänderten Unterhaltsrechts. Die steigende Erwerbsarbeit von Frauen führt aber nicht dazu, dass das Arbeitsvolumen der Männer sinkt: Heute wird insgesamt mehr gearbeitet als beim klassischen Ein-Verdiener-Modell. Ein Grund dafür ist die längere Lebenserwartung bei guter Gesundheit. Sie verschiebt den Rentenbeginn nach hinten. Dadurch werden mehr Erwerbsjahre gewonnen, als die Bildungsexpansion im jungen Erwachsenenalter kostet.

Technologischer und digitaler Wandel sind weitere wichtige Faktoren. Durch sie wird uns die Erwerbsarbeit zwar nicht ausgehen, wohl aber werden wir mehr Erwerbslose haben – weil Stellen mit überkommenen Tätigkeiten abgebaut werden und gleichzeitig die Qualifikationen der betroffenen Erwerbstätigen den Anforderungen neuer Stellen nicht genügen. Das bedeutet: Bezahlte Auszeiten etwa für Weiterqualifikationen sind zwingend nötig.

Von herausragender Bedeutung ist dabei der gesellschaftliche Zusammenhalt. Und dieser braucht Zeit und Orte für Begegnung, jenseits von Erwerbsarbeit. In den letzten Jahrzehnten haben wir allerdings viele Orte und Zeiten der Begegnung verloren: Der Wehr- und Zivildienst wurde abgeschafft. Unsere Einkäufe erledigen wir immer öfter im Internet. Wir leben in zunehmend nach sozialer und ethnischer Herkunft segregierten Welten, vor allem am Arbeitsplatz. Wenn das neue Ideal die Vollzeiterwerbstätigkeit aller Erwachsenen sein soll, verlieren wir noch mehr Möglichkeiten der Begegnung. Die Schäden für unser Gemeinwesen wären hoch.

Zudem kann der digitale Wandel nur gelingen, wenn wir unser Bildungssystem umbauen, eine zweite und dritte Ausbildung zur Normalität erklären. Die Ansicht, der technologische Wandel vollzöge sich über die Abfolge der Generationen, ist bequem – und falsch: Zu stark ist die Wucht der Veränderungen. Wir müssen die Menschen heute auf das Morgen vorbereiten, sie in Bereichen schulen, die auch in Zukunft Bestand haben werden: den Beschäftigten heute temporär die Arbeit abnehmen, um sie ihnen morgen zu geben, das muss die Richtung sein. Prävention auf lange Sicht ist die Losung, kurzatmige Vollbeschäftigung ist es nicht.

Auch der demografische Wandel kann nur in Würde gestaltet werden, wenn wir uns mehr Zeit für ältere Menschen geben. Gerade diese Phase gerät für die meisten Beschäftigten aber zunehmend zur Belastung. Denn viele Frauen wollen und können sich eine nochmalige Verkürzung der Arbeitszeit überhaupt nicht leisten, auch ihre Renten wären dann viel zu gering. Und Männer halten sich weiterhin in der Pflege zurück.

Womit wir bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit sind. Mittlerweile haben Frauen und Männer die gleichen Chancen im Bildungs- und Ausbildungssystem. Nicht so bei der Erwerbsarbeit. Es sind überwiegend Frauen, die ihren Beruf unterbrechen, in Teilzeit arbeiten und auf vieles verzichten, um der Gemeinschaft viel zu geben. Die Kosten – niedrige Einkommen und Altersrenten – tragen sie alleine. Auch hier können Auszeiten und eine Umverteilung von Zeit helfen.

Das Nötige ist möglich und umsetzbar, denn Lebensverläufe mit neuen zeitlichen Ordnungen lassen sich gestalten. Auszeiten für die Erziehung von Kindern setzen hier ein Zeichen, nur die Vätermonate müssten noch gestärkt werden. Auch Pflegezeiten sind auszubauen und die jetzt diskutierten Zeiten für Weiterbildung einzuführen. Sie müssen aber bereits greifen, bevor die Menschen arbeitslos werden. Auch unbedingte Auszeiten, die Sabbaticals, sind überlegenswert. Belgien und andere Länder zeigen: Einmal eingeführt, würden sie die Norm ununterbrochener Vollzeiterwerbstätigkeit aufbrechen. Flankierend sollte man auch die Arbeitszeiten selbst verkürzen. Nicht durch das Korsett einer festen 32-Stunden-Woche, wohl aber durch einen entsprechend berechneten Zeitkorridor über den gesamten Lebensverlauf hinweg. Zwingend müssten die Auszeiten finanziert werden, etwa entsprechend dem Elterngeld, aber mit einem höheren Sockel nach unten. Prinzipiell sollten sich an der Finanzierung der Auszeiten alle beteiligen, die etwas davon haben: Staat, Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Insbesondere Arbeitgeber umarmen heute das bedingungslose Grundeinkommen für alle – die Modelle zu bezahlten Auszeiten sind finanziell im Vergleich dazu nur ein Klacks.

Prof. Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.
Jüngst ist ihr neues Buch „Die Welt, in der wir leben wollen“ im Pantheon Verlag erschienen.

Von Jutta Allmendinger

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