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Ein Hotel als Happening

Kunstprojekt in der Bayerischen Staatsbank Ein Hotel als Happening

In der ehemaligen Bayerischen Staatsbank in München gastiert ein wildes Projekt: Das “Lovelace“ will Hotel sein, Kunst fördern und Politik machen. Mitgründer Gregor Wöltje erklärt, wie das alles gehen soll.

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Kein Zimmer für immer: Das “Lovelace“ will ein temporäres Hotel und Kunstprojekt mit politischem Anspruch sein.

Quelle: Lovelace

München.  

Ein “Lovelace“ ist ins Deutsche übersetzt ein Wüstling, ein zügelloser Mensch. Warum haben Sie den Namen für Ihr Konzept gewählt?

Als mein Partner Michi Kern bei der Namenssuche “Lovelace“ vorgeschlagen hat, hatten wir zwei völlig unterschiedliche Assoziationen. Michi dachte an Ada Lovelace, eine sehr fortschrittliche junge Frau des 19. Jahrhunderts, die eine der führenden Mathematikerinnen der Welt wurde. Und meine einzige Kenntnis von dem Namen war Linda Lovelace, eine Pornodarstellerin aus den Siebzigerjahren, die dann zu einer Anti-Porno-Aktivistin wurde. Und so dachten wir: “Lovelace“ klingt gut, es gibt zwei starke und sehr unterschiedliche Frauen mit dem Namen – das ist ein tolles Spannungsfeld.

Das “Lovelace“ soll ein Gesamtkunstwerk sein. Was umfasst das alles?

Erst mal ist wichtig, dass das “Lovelace“ noch gar nicht fertig ist. Das heißt, es wächst an allen Ecken und Enden noch. Es werden immer wieder neue Künstler dazukommen, die Einfluss miteinbringen. Der zweite Aspekt ist, dass es ein Happening ist. Es passiert immer was. Wir haben ein eigenes Programm hier. Jeden Tag findet etwas statt. Das reicht von sozialpolitischen Talks, Literaturlesungen, Kunstperformances bis hin zum donnerstagabendlichen Pingpongturnier. Und am Wochenende wird getanzt. Insgesamt ein sehr weites Spektrum. Denn es spiegelt wider, was die Grandhotels in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts waren. Das waren keine Orte, an denen die Menschen nur geschlafen haben, sondern da wurden Revolutionen ausgerufen, da wurde getanzt und gegessen, da wurden die großen Events gefeiert. Heutzutage haben Hotels gar nicht mehr die passenden Räumlichkeiten dafür. Aber dieses Haus, die ehemalige Bayerische Staatsbank, hatte diese Räume. Und mit diesen Hallen und Atrien haben wir etwas geschaffen, das neben den Hotelgästen auch die Münchner hereinholt. Und jetzt haben wir hier jeden Tag zwischen 300 und 2000 Menschen.

Das “Lovelace“ wirkt sehr exklusiv. Welche Gäste sind hier willkommen?

Wir wollen einen Ort schaffen, den es so in der Münchner Innenstadt nicht gibt. In München gibt es viele teure Läden, Restaurants, Hotels. Wir wollen etwas Alternatives schaffen: einen Ort, der nicht exklusiv ist. Der nicht elitär ist, sondern offen. Der auch von der Preisstruktur so ist, dass sich Studenten reinsetzen, einen Kaffee trinken können und einen Vortrag anhören. Wir wollen vom Studenten bis zum Opernliebhaber die Türe so weit aufmachen, dass ganz unterschiedliche Menschen unterschiedliche Möglichkeiten für sich entdecken. Dieses Gebäude war den Menschen über Jahre verschlossen. Da waren Bankvorstände drin, die haben die Türe zugemacht. Man hat von außen nichts mitbekommen. Das Gebäude ist selbst sehr ehrfurchteinflößend. Und wir wollen es aufreißen, wollen den Menschen draußen das Gefühl geben, willkommen zu sein.

Sie bezeichnen die Menschen im “Lovelace“ weniger als Gäste, sondern vielmehr als Kollaborateure. Warum?

Wir wollen den Leuten ein Angebot machen, dass sie die Räume sehen und denken: Da möchte ich auch mal reden, feiern, Kunstwerke ausstellen, musizieren. Die räumliche Hülle und der Verkehr, den wir ins “Lovelace“ holen, sind dafür da, dass andere sie bespielen können.

Das Gebäude steht nur für die Zwischennutzung zur Verfügung. In zwei Jahren ist Schluss. Wie gehen Sie mit der Aussicht auf so ein baldiges Ende Ihres Projektes um?

Es gibt viele spannende Gebäude, die zwischengenutzt werden. Die Nutzer liegen zum Beispiel in einem Rechtsstreit oder Erbstreit. Oder sie haben Genehmigungen nicht erfüllt. Und diese Räume zu bespielen ist aufregend. Weil Dinge an diesen Orten stattfinden, die dort eigentlich nie stattfinden würden. So wie hier: ein Bankgebäude, das für zwei Jahre als Hotel-Happening fungiert. Wir freuen uns über jeden Monat. Je länger der Gerichtsstreit um dieses Gebäude dauert, desto länger können wir bleiben.

Erst Bank, dann Experiment: Alles hat seine Zeit

Mehr als nur ein Ort zum Übernachten

Mehr als nur ein Ort zum Übernachten: das Lovelace in München.

Quelle: Lovelace

Wer ins “Lovelace“ will, der läuft eine mondäne Altbautreppe hoch in den ersten Stock, begegnet dabei einem in der Luft hängenden Fahrrad, Schildern mit Statements wie “All places are temporary places“ und der etwa drei Meter hohen Skulptur einer Hand – die Finger zum Victoryzeichen ausgestreckt. Schon jetzt ist klar, dass man sich an einem ungewöhnlichen Ort befindet, der eigentlich ein Hotel ist, aber mal gar nicht so anmutet. Denn das “Lovelace“ will mehr sein als reiner Übernachtungsort.

Das Hotel ist ein Zwischennutzungsprojekt, das auf knapp zwei Jahre Laufzeit angelegt ist. Dafür wurden die ehemaligen Hallen der Bayerischen Staatsbank umgewandelt – in einen knapp 5000 Quadratmeter großen offenen Ort für Kunst, Übernachtungsgäste, Turniere, neugierige Passanten, hungrige Münchner und noch viel mehr. Aus Büroräumen wurden 30 Hotelzimmer und Suiten – mit Büchern, Magazinen, Soundanlage, – aber ohne Fernseher. Herzstück ist ein riesiger offener Raum, der sich über drei Stockwerke erstreckt und von einer großen Glaskuppel überdacht wird. Hier gibt es morgens Frühstück, am Abend treten Künstler auf.

Von Andrea Meyer-Halm

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