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Bunt statt braun

Farbenlehre zum Anziehen Bunt statt braun

Ob sich ein Mensch farbenfroh kleidet oder lieber rentnerkieselbeige, ist nicht nur eine Frage des Alters: Es sagt auch viel über seine innere Einstellung und seine Lebenssituation aus.

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Gedeckter Trenchcoat, kombiniert mit leuchtenden Farben: Die russische Modeunternehmerin Olga Karput bei der ­ Fashion Week in Paris.

Quelle: French Select

Hannover. Die Bilder, auf denen Ingrid Bergman einen hellbeigen Trenchcoat trägt, der auf Taille geschnürt wird, bleiben unvergessen. Die Schauspielerin wirkt darin unglaublich elegant, androgyn, ja sogar subtil sexy. Leider gibt es sehr viele Mäntel, Jacken, Pullis und Hosen aus derselben Farbfamilie von Grau über Hellbraun bis Beige, die eine weniger gute Figur machen. Doch sobald der Herbst kommt, scheint die Kleidung einem ungeschriebenen Gesetz zu folgen: Während die Natur in bunten Farben erstrahlt, hüllen sich viele Menschen in umso farblosere Kleidung – und das von Kopf bis Fuß. Farben, die oft abwertend als “Rentnerkieselbeige“ bezeichnet werden, sind längst nicht mehr nur Menschen ab 60 vorbehalten, die keinen gesteigerten Wert auf Mode legen. Eigentlich jeder Erwachsene trägt sie.

Wirft man dagegen einen Blick in die Kinderabteilung vom Kaufhaus an der Ecke, geht es unbeschreiblich bunt zu. In den Jugendabteilungen wird es dann schon jeanslastiger – und damit dunkler. Und in der Damen- und Herrenabteilungen weichen knallige Töne schließlich einer Mischung aus überwiegend gedeckten Tönen, man sieht, unabhängig von jeweiligen Trends, immer auch viel Schwarz und Off-­White.

Warum ist das so? Und was sagen Farbvorlieben bei der Kleiderwahl eigentlich über ihre Träger aus? “Kinder suchen sich die Farben meist nicht selbst aus“, sagt der Farbforscher Prof. Axel Buether von der Universität Wuppertal. “Kinderkleidung zeigt vielmehr unsere erwachsene Vorstellung von Kindlichkeit, Unbeschwertheit und Freiheit.“ Die meisten Eltern wollten, dass ihre Kinder sich frei entfalten dürfen. “Deshalb kennzeichnen wir sie mit lebendigen bunten Farben.“

Wer kein Beige trägt, fällt auf

Wer kein Beige trägt, fällt auf: Kaum färben sich die Bäume herbstlich, hüllen sich viele Menschen in umso farblosere Kleidung – von Kopf bis Fuß, und nicht mehr nur im Rentenalter.

Quelle: dpa

Ausdrucksstarke Farben und alles Bunte stehen in der Farblehre auch für Unangepasstheit, für das Schöpfen aus dem Vollen. Deshalb assoziiert Silke Kollmar, Stylistin aus München, mit bunter Kleidung vor allem die Siebzigerjahre: “Alles Bunte hat etwas von Revolte, Aufbruch und Lebenslust. Und von dem Bedürfnis, etwas verändern zu wollen.“ Im Kontrast dazu wirkt ein Kleiderschrank voller Hellgrau, Beige und Sand nicht gerade trotzig, sondern zurückgenommen und fast schon resignativ.

Für den Psychologen Ulrich Schmitz aus Köln hat Farbe nicht umsonst viel mit Mut zu tun: “Starke Farben werden einfach mehr gesehen. Wir wählen sie in der Kleidung, um unseren jeweiligen Individualismus zu unterstreichen. Und auf der anderen Seite nehmen wir durch unsere Kleidung Bezug zu einer bestimmten sozialen Gruppe.“ Unsere Kleidung ist wie ein Statement, selbst wenn wir ihr keine große Bedeutung beimessen. Und je zurückgenommener wir uns kleiden, desto weniger fallen wir logischerweise auf. Im Laufe des Lebens weicht die Farbigkeit ruhigeren Kombinationen. Das Understatement siegt.

Mit auffallend bunter Kleidung, sagt Farbforscher Buether, identifizierten sich dann eher kreative und etwas schräge Typen wie Künstler oder jemand aus der Pop-Kultur. “Wenn wir aber jemanden in der Arbeitswelt antreffen, der beispielsweise als Lehrer tätig ist, kann sehr bunte Kleidung zum Problem werden.“ Denn die Berufswelt verlangt Seriosität. Und die spiegelt sich eher in dunklen Blau- und Grautönen wider, die auf Beruhigung abzielen – maximal in Kombination mit modischen Akzenten wie einer farbigen Krawatte oder einem farbenfrohen Gürtel.

“Es herrscht ein gesellschaftlicher Beigedruck“

Wenn unsere Lebenslinie einen kolorierten Verlauf hat, starten wir also bei den Farben des Regenbogens, wechseln zu immer dunklerem Blau und enden bei Beige. Die Lust, modisch im Mittelpunkt zu stehen, nimmt nach Meinung des Psychologen Ulrich Schmitz im Alter ab. Aus zwei Gründen: “Da ist man in Rente, fühlt sich nicht mehr so stark. Und das schlägt sich auf die Kleidung nieder. Hinzu kommt bei Männern die Angst, als Möchtegern-Jugendlicher abgestempelt zu werden. Es herrscht ein gewisser gesellschaftlicher Beigedruck“, sagt er.

“Natürlich verändern wir uns im Laufe des Lebens“, sagt auch Stylistin Silke Kollmar. Deshalb verändere sich auch unsere Neigung zu gewissen Farben. Das bedeute aber nicht, dass Menschen im hohen Alter keine ausdrucksstarken Farben tragen sollten. Im Gegenteil: Pink zu silberfarbenen Haaren sehe beispielsweise wunderschön aus. In südlich europäischen Ländern wie Spanien oder Italien sei der Mut zur Farbe längst eine Selbstverständlichkeit. Dort ist Farbe keine Frage des Alters.

Und auch in Deutschland macht Buether eine neue Gruppe von Senioren aus, deren Lebensstil sehr viel jünger sei als ihr tatsächliches Alter, und die bei der Wahl der Kleidung farbenfreudiger sei. Starke Vorbilder gibt es schließlich genug: Stars wie Meryl Streep (68) oder Liza Minnelli (71) präsentieren sich regelmäßig in starken Farben und beweisen, dass ein Leben ab 60 wahrlich nichts mit modischer Zurückgenommenheit zu tun haben muss – es braucht nur Mut.

Von Andrea Mayer-Halm

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