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Versace mit Sauce

Designergeschirr im Trend Versace mit Sauce

Hochpreisiges Tafelservice war lange Zeit nicht mehr gefragt. Jetzt ist edles Geschirr wieder en vogue – vor allem dank der vielen Modeschöpfer, die den Tellerrand als Kreativfeld für sich entdeckt haben. So wird das familiäre Festmahl zum Fashionevent.

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Edelteller im Versace-Look: Donatella Versace kooperiert mit der deutschen Porzellanmarke Rosenthal.

Quelle: Rosenthal

Hannover. Jahrhundertelang war Porzellan begehrt wie Edelmetall. Einer, der besonderen Gefallen an dem Luxusgut fand, war August der Starke, sächsischer Kurfürst und König von Polen-Litauen und darüber hinaus Meister in höfischer Prachtentfaltung. Er beauftragte den Alchemisten Johann Friedrich Böttger, eine europäische Rezeptur für das “weiße Gold“ zu entwickeln, was diesem 1708 schließlich auch gelang. Zwei Jahre später errichtete er auf Geheiß des Königs eine Produktionsstätte.

Die Porzellan-Manufaktur Meissen besteht bis heute. Auch wenn sie im Laufe ihrer Geschichte wie in ihren Gründungszeiten immer wieder rote Zahlen schrieb. Für ein zeitgemäßes Image setzt das Traditionsunternehmen mit dem Stempel der gekreuzten Schwerter heute auch auf Verbindungen zur Modeindustrie. Umgekehrt erweitern auch immer mehr Modeschöpfer ihren Designbegriff und versuchen sich an eigenen “Home“-Linien, zu denen auch Geschirr zählt.

Vor 300 Jahren war die Herstellung von Porzellan wenig rentabel. Selbst ein reicher Regent wie August der Starke verschuldete sich haushoch mit dem Unterfangen. Zwar überlebte das Werk in Meißen nicht zuletzt dank seines weltweiten Rufs als qualitativ hochwertige Luxusmarke alle politischen Veränderungen und damit einhergehende finanzielle Tiefs.

Blick über den Tellerrand

Doch nach dem Zweiten Weltkrieg änderten sich die gesellschaftlichen Konventionen: Ein Tafelservice einer angesehenen Manufaktur für zwölf oder mehr Personen galt plötzlich nicht mehr als besonders feine Aussteuer, sondern wurde als überfrachtet und altbacken angesehen. Wer gab schon noch große Gesellschaften mit komplett gedeckten Tafeln in den engen Wohnungen der Fünfzigerjahre?

Meissen, Rosenthal, KPM, Fürstenberg, Nymphenburg – das sind bis heute klingende Namen aus der Blütezeit des Bürgertums. Mit Omas dampfender Suppenterrine am Sonntagmittag, mit rüschenrandigen Kuchentellern, auf denen sich Frankfurter Kranz und Schwarzwälder Kirschtorte breitmachen. Vorbei sind die Zeiten, in denen “das gute Geschirr“ in der Anrichte darauf wartet, auf gestärkten Tischdecken vor einer beeindruckten Gästeschar zu glänzen. Zumal Food-Magazine, Lifestyle-Foren und Sterne-Restaurants ihr “Farm to Table“-Essen mit frisch gepflückten Wildkräutern und Bio-Rind vom Bauern nebenan am liebsten auf unebenen und grob glasierten Steinguttellern präsentieren.

Keramikgeschirr bedient die heute vorherrschende Sehnsucht nach Natürlichkeit, Ursprünglichkeit und Unauffälligkeit eher als feines Porzellan. Alte Handwerkskunst wird zwar wieder wertgeschätzt. Doch Tradition allein reicht nicht, um mit Trendchic assoziiert zu werden. Dafür braucht es einen Blick über den Tellerrand hinaus.

Stilmix

Stilmix: Designer von Vivienne Westwood bis Christian Lacroix haben Nymphenburger Porzellanfiguren neu eingekleidet.

Quelle: Manufaktur Nymphenburg

In Zeiten, in denen Luxushandtaschen als Wertanlage angeschafft werden, sind zeitgenössische Designerlabels verlockender als jahrhundertealte Traditionsmarken, die ums Überleben kämpfen. Doch hat die Verbindung beider offenbar ihren ganz eigenen Reiz. Sowohl für die Kunden als auch die Unternehmen. Handgemachtes ist begehrt, weil es Wertigkeit und Einzigartigkeit verspricht. Nicht zuletzt deshalb wird der Begriff Manufaktur heute fast schon inflationär verwendet. Heritage-Hype und Retro-Trend tun ihr Übriges für die Rückbesinnung auf Althergebrachtes.

Die erfolgreichsten Modedesigner von Christian Lacroix bis Vivienne Westwood haben sich immer auch an historischen Stoffen und Schnittmustern orientiert. Da lag es nahe, dass beide zum 260. Geburtstag der Manufaktur Nymphenburg deren berühmten Porzellanfiguren der Commedia dell’Arte aus dem Jahr 1759 neue Kleider auf den zerbrechlichen Leib designten. 14 weitere internationale Modeschöpfer wirkten mit bei der limitierten Couture-Edition von 2008.

Modedesigner setzen auf Markenerweiterung

Mittlerweile arbeiten fast alle Traditionswerke im Bereich Porzellandekor mit Vertretern der Modeszene zusammen und werben mit großen Namen. Meissen beispielsweise hat in diesem Sommer das deutsche Designerduo Otto Drögsler und Jörg Ehrlich mit der kreativen Leitung betraut. Bisher kreierten beide unter der von ihnen gegründeten Marke Odeeh Damenmode, die sich vor allem durch extravagante Muster auszeichnet.

Der Modemarkt ist auch im Luxussegment heiß umkämpft, und so setzen immer mehr Designer auf Markenerweiterung und suchen ihrerseits die Kooperation mit Qualitätsunternehmen. Bei Gucci etwa will man sichergehen, dass die Kunden sich mit der Marke komplett zu Hause fühlen: Die Gucci-Décor-Kollektion umfasst Wohnaccessoires und Möbel, die in Form und Muster den romantizistischen Gucci-Entwürfen für den Laufsteg nicht unähnlich sind. Dazu zählen auch Tassen mit aufwendig gestalteten Deckeln in Form von Bienen oder Schmetterlingen. Gefertigt aus Porzellan der italienischen Manufaktur Richard Ginori, die nur unwesentlich jünger als Meissen ist.

Donatella Versace dagegen kooperiert mit einer deutschen Marke. Rosenthal, mittlerweile Teil der italienischen Arcturus Gruppe, hat sich nach der Insolvenz 2009 wieder erholt. Mit opulent verzierten Geschirr- und Gläserkollektionen aus dem Haus Versace setzt die Manufaktur das fort, was Gründersohn Philip Rosenthal bereits in den Fünfzigerjahren einführte: Die Zusammenarbeit mit Größen der Designszene aus Architektur, Kunst und Mode. Es war damals ein Erfolg. Es verspricht, wieder einer zu werden.

Von Kerstin Hergt

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