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Haben Sie denn vor gar nichts Angst?

Interview mit Isabelle Huppert Haben Sie denn vor gar nichts Angst?

Diese Frau ist Profi durch und durch: Isabelle Huppert sitzt im Berliner Hotel Adlon und will mit Stefan Stosch über ihre Filme und nichts anderes sprechen. Das aber tut sie so cool, dass man versteht, warum sie in Frankreich als Ikone gilt.

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Die Unnahbare: Wenn es darum geht, komplexen Frauenfiguren Überzeugungskraft einzuhauchen, ist Isabelle Huppert die erste Adresse.

Quelle: Getty

Madame Huppert, Sie haben jetzt drei Wünsche frei für 2017. Was wünschen Sie sich?
Drei große Filme!

Wieso denn nicht den Golden Globe? Für den sind Sie gerade nominiert worden.
Mein Wunsch ist doch schon in Erfüllung gegangen: Ich bin für meinen Film "Elle" nominiert worden.

Eine goldene Halbkugel würde sich in Ihrem Pariser Wohnzimmer bestimmt gut machen. Und dann könnte ja auch noch eine Oscar-Nominierung folgen.
Ach, lassen Sie mich mit dem glücklich sein, was ich habe. Und außerdem: Gerade habe ich für "Elle" den Gotham Award in New York gewonnen, der an Independent-Filme vergeben wird. Dazu kamen Kritikerpreise in New York und Los Angeles. Das ist schon ziemlich ungewöhnlich, als Französin zwischen lauter amerikanischen Konkurrentinnen wie Natalie Portman oder Annette Bening ausgezeichnet zu werden.

Sie hätten sich eben auch eine Extraportion Mut wünschen können – bei all den schwierigen Rollen, an die Sie sich heranwagen.
Mut braucht eine Schauspielerin sowieso.

Ihr Regisseur Paul Verhoeven sagt, dass er niemals eine US-Schauspielerin gefunden hätte, die den Part der vergewaltigten Businessfrau Michèle in "Elle" übernommen hätte.
So etwas sagt Paul gern. Dahinter steckt wohl sein kleiner persönlicher Krieg mit dem US-Kino, den er als Niederländer führt. Wenn er gesucht hätte, hätte er wohl auch in Amerika eine Darstellerin gefunden, die wie meine Figur in "Elle" mit ihrem Vergewaltiger ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt.

Wie lange haben Sie gebraucht, um sich für diese Rolle zu entscheiden?
Ich habe gar nicht überlegen müssen. Ich wollte sie von Anfang an.

Fürs Publikum beginnt der Film mit einem echten Schock.
Das hoffe ich. Eine Vergewaltigung ist schließlich das Schockierendste, was einer Frau in ihrem Leben passieren kann.

Sind Sie aufgeregt, wenn Sie an einem Tag aufwachen, an dem so eine harte Szene gedreht wird?
Nein, das ist für mich nur eine weitere, eben sehr körperliche Szene. Es ist nun mal die Aufgabe des Kinos, so etwas real aussehen zu lassen – besonders, wenn man mit dem "Basic Instinct"-Regisseur Verhoeven zusammenarbeitet.

Sprechen Sie mit Ihrem Mann oder Ihren Kindern über so einen Dreh?
Meine Familie hat in diesem Gespräch hier eigentlich nichts verloren.

Holen Sie sich von jemandem Rat ein, dem Sie besonders vertrauen?
Nein, warum sollte ich Rat brauchen?

Haben Sie jemals eine Rolle abgelehnt, weil Ihnen diese als nicht zumutbar erschien?
Nein, ganz einfach deshalb, weil es immer darauf ankommt, mit wem ich drehe. Vertrauen ist absolut notwendig. Wenn du dem Regisseur nicht vertraust, kannst du den Job nicht machen. Aber mit Verhoeven gibt es eine Art Komplizenschaft gerade mit seinen Schauspielerinnen. Ich habe sein Werk schon lange bewundert, besonders seinen frühen Film "Türkische Früchte".

Im Thriller "Elle" ist Isabelle Huppert vom 16. Februar an als wehrhaftes Vergewaltigungsopfer zu sehen.

Im Thriller "Elle" ist Isabelle Huppert vom 16. Februar an als wehrhaftes Vergewaltigungsopfer zu sehen.

Quelle: Verleih

Nach der Premiere in Cannes gab es sofort Diskussionen über "Elle" und das Frauenbild dahinter. Hat Sie das überrascht?
Über Verhoevens Filme wurde immer schon heftig diskutiert. Er provoziert nun mal gern. Aber unter dieser aufgeregten Oberfläche ist eine filmische Integrität spürbar. Klar kann man sagen, "Elle" sei amoralisch. Man kann den Film aber auch als böses Märchen auffassen.

Provozieren Sie selbst gern?
Nicht in einer so direkten Art und Weise. Allerdings mag ich als Zuschauerin Filme, die mir Fragen stellen. Und was ich als Schauspielerin tue, spiegelt genau das, was ich als Zuschauerin mag.

Wie weit würden Sie für eine Rolle gehen? Würden Sie zehn Kilogramm zunehmen, wenn der Regisseur sich das wünscht?
Ich habe nie das Gefühl, für eine Rolle weit gehen zu müssen. Ich versuche eher, dem möglichst nahezukommen, was das Menschsein ausmacht.

Würden Sie sich kugelrund futtern?
Da müsste ich eine ganze Menge essen. Ich bin mir nicht so sicher.

Verschwinden Sie in der jeweiligen Szene, die Sie gerade drehen, oder beobachten Sie sich von außen?
Für mich geht es ganz stark um die Fähigkeit, sich auf den jeweiligen Augenblick einzulassen. Nichts anderes zählt als dieser Moment. Es geht für mich darum, ein Gefühl von Wirklichkeit zu vermitteln, keinesfalls darum, etwas zu imitieren. Szene für Szene entdecke ich selbst, was ich tue. Ich lasse mich von mir selbst überraschen.

Ist es schwierig, herausfordernde Rollen zu finden?
Nein, tatsächlich denke ich, dass Frauen in dieser Hinsicht eher belohnt werden: Es gibt eine ganze Reihe von anspruchsvollen Filmen für Frauen.

Das würde manche Kollegin gewiss anders sehen.
Jeder darf seine eigene Meinung haben.

Behandeln Regisseure Frauen anders als Männer?
Überhaupt nicht.

Was macht einen großen Regisseur aus?
Ein guter Regisseur ermöglicht es Schauspielern, ihre eigene Vorstellungskraft einzubringen. Ein Schauspieler trägt immer mehr zu einem Film bei, als im Drehbuch steht.

Sie haben mal einen großen Ausflug ins US-Kino gemacht. Das war 1980 mit Michael Ciminos Spätwestern "Heaven's Gate". Hat Ihnen dieser Film die Lust auf Hollywood gründlich verdorben?
Der Film wurde produziert von United Artists, und es war ein legendärer Misserfolg, der das Studio an den Rand des Ruins trieb. Aber "Heaven's Gate" war alles andere als eine typische Hollywood-Produktion – sonst wäre der Film wohl auch erfolgreicher gewesen. Danach habe ich aber noch weitere Filme in den USA gedreht. Im Prinzip habe ich dort genauso gearbeitet wie in Europa: Ich habe mir die Filme sehr genau nach den Regisseuren ausgesucht und mit Autoren wie Hal Hartley oder Curtis Hanson gedreht.

Sie haben schon ein paar Preise für Ihr Lebenswerk bekommen, etwa in San Sebastián und Montreal. Ist das nicht ein bisschen früh?
Nun ja, die Preise habe ich wohl eher für die große Anzahl von Filmen bekommen, die ich gedreht habe. Lassen Sie es mich mal so sagen: Die Hälfte habe ich rum.

Beschäftigt Sie das Älterwerden?
Nicht mehr als jeden anderen.

Schauen Sie sich Ihre alten Filme an?
Nein! Allerdings war ich kürzlich in Los Angeles und habe dort eine Masterclass abgehalten. Der Moderator präsentierte eine wunderbare Montage von Ausschnitten meiner Filme, und da habe ich gedacht: Gar nicht so übel.

Im Kinoland Frankreich gelten Sie als Ikone, Sie werden regelrecht verehrt. Ist das gefährlich für die eigene Selbstwahrnehmung?
Ich hoffe schon, dass ich mir bewusst bin, dass sich die Welt nicht nur um mich dreht. Den Begriff Diva würde ich jedenfalls gern vermeiden.

Zur Person
Durchbruch für die Huppert: "Die Spitzenklöpplerin" (1977) mit Yves Beneyton und Florence Giorgetti.

Durchbruch für die Huppert: "Die Spitzenklöpplerin" (1977) mit Yves Beneyton und Florence Giorgetti.

Quelle: Imago

Isabelle Huppert gilt als die große Kühle des französischen Kinos. Etwas Unnahbares, Sprödes, Geheimnisvolles umhüllt ihre Figuren – und ein bisschen auch sie selbst. Die zarten Erscheinungen, die sie auf der Leinwand verkörpert, verfügen über einen unbändigen Willen und werden von geheimen Begierden getrieben. Wenn es darum geht, komplexen Frauenfiguren Überzeugungskraft einzuhauchen, ist Huppert die erste Adresse.

Ihr aktueller Film "Elle" (deutscher Kinostart: 16. Februar) von "Basic Instinct"-Regisseur Paul Verhoeven ist ein prima Beispiel: Da gibt Huppert ein Vergewaltigungsopfer, das sich keineswegs als Opfer fühlt. "Elle" sorgte schon bei der Premiere in Cannes im Vorjahr für Furore und ist nun auch der französische Kandidat im Oscar-Rennen. Übrigens geht die 63-jährige Huppert in dem Thriller problemlos als Mittvierzigerin durch.

Geboren ist Huppert in Paris, ihr Vater war Sicherheitsingenieur, die Mutter Englischlehrerin. Bereits als 14-Jährige nahm sie Schauspielunterricht, bereits als 23-Jährige wurde sie mit "Die Spitzenklöpplerin" zum Star. Huppert gehört zu den wenigen Darstellerinnen, bei denen man ein "die" vor den Namen setzen möchte. Und auch im wirklichen Leben hat sie gewisse Ansprüche: Als sie beispielsweise 2011 den Hauptpreis beim Braunschweiger Filmfestival erhielt, untersagte sie Fotos, kam den Veranstaltern zwischenzeitlich abhanden und dann bei ihrer eigenen Pressekonferenz zu spät – um sich von dort direkt zum Friseur zu begeben.

In "Der Loulou" stand Isabelle Huppert 1980 mit Gérard Depardieu vor der Kamera.

In "Der Loulou" stand Isabelle Huppert 1980 mit Gérard Depardieu vor der Kamera.

Quelle: dpa

Allein mit ihrem inzwischen verstorbenen Lieblingsregisseur Claude Chabrol drehte sie sieben Filme. Sie war beispielsweise die Schokoladenfabrikantin, die für ihr Familienglück mordet ("Süßes Gift", 2000), oder auch eine machtgetriebene Richterin ("Geheime Staatsaffären", 2006). Schon die erste Zusammenarbeit bei "Violette Nozière" (1978) brachte ihr den Darstellerpreis in Cannes ein. "Chabrol und mich hat das gleiche Menschenverständnis zusammengeschweißt. Wir wollten menschliche Abgründe zeigen – nichts beschönigen oder romantisieren", so Huppert.

Für den österreichischen Regisseur Michael Haneke verwandelte sich Huppert in "Die Klavierspielerin" (2001), die sich auf eine verhängnisvolle Affäre mit einem Schüler einlässt – dafür gab es gleich noch einen Darstellerpreis in Cannes. Jüngst gab sie in "Alles was kommt" eine grandiose Vorstellung als alternde Philosophielehrerin, die im Moment der größten Krise ihre innere Freiheit entdeckt.

In ihrer langen Filmografie finden sich zahlreiche andere bedeutende europäische Autorenfilmer, Andrzej Wajda ("Die Dämonen"), François Ozon ("8 Frauen") oder die Taviani-Brüder ("Wahlverwandtschaften"). Auch Ausflüge nach Hollywood unternahm Isabelle Huppert. Sie wirkte unter anderem an Michael Ciminos Spätwestern "Heaven's Gate" (1980) und damit an einem der größten Flops der US-Kinogeschichte mit. Seitdem hält sie sich meist in Frankreich auf und führt ein alles andere als skandalumwittertes Familienleben: Huppert ist seit 1982 verheiratet und hat drei Kinder.

Von Stefan Stosch

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