Startseite OZ
Volltextsuche über das Angebot:

Kann man uns das weiß machen?

Die Psychologie der Farben Kann man uns das weiß machen?

Farben treffen uns ohne intellektuellen Filter. Deswegen können sie manipulieren, erregen, erzürnen und beruhigen. Im Interview spricht der Farbenforscher Klausbernd Vollmar, über blaue Blumen, schwarze Anzüge und weiße Badezimmer.

Voriger Artikel
Wie beeinflusst die Fatwa Ihren Alltag?
Nächster Artikel
Ist #MeToo eine Zäsur?

Klausbernd Vollmar ist Farbforscher, Diplom-Psychologe und Therapeut. Der 71-Jährige lebt in England und ist Autor von „Das große Buch der Farben“, das im Königsfurt-Urania-Verlag erschienen ist.

Quelle: Hanne Siebers

Hannover.  

Der Wunsch nach weißer Weihnacht ist groß. Ist Weiß eine Sehnsuchtsfarbe?

Na ja, die Farbe der Sehnsucht ist Blau. Das hängt in unserem Kulturkreis mit der Romantik und der blauen Blume zusammen. Außerdem zieht Blau in die Ferne. Alles, was wir sehen, wenn wir in die Weite blicken, ist blau: der Himmel, das Meer, die Atmosphäre.

Aber Weihnachten ist ja nun einmal nicht blau.

Bei Weihnachten geht es natürlich um den Schnee. In Zeiten der globalen Erderwärmung steht die weiße Weihnacht für die Sehnsucht nach der vergangenen Zeit, nach den Kinderfreuden, als man Schneemänner baute und Schlitten fuhr.

Weiß ist ja aber auch auf andere Art mit Weihnachten verbunden. Darstellungen des Christkindes kennen wir fast ausschließlich in Weiß, die Engel auch.

Im Hinblick auf Weihnachten symbolisiert Weiß die Unschuld und damit die Geburt Jesu durch die Jungfrau Maria. Weiß betont, dass keine natürliche Sexualität stattgefunden hat, die im Christentum, das eine sehr körperfeindliche Religion ist, negativ besetzt ist. Es handelt sich hier um eine geistige Geburt, die Geburt durch den Heiligen Geist.

Würden Sie sagen, dass Weiß eine positiv besetzte Farbe ist?

Im Christentum ja. In anderen alten Kulturen hingegen symbolisierte eher Schwarz das Positive, weil alles im Dunklen heranwächst. Wenn wir zurückblicken in die Menschheitsgeschichte, so sehen wir als Beispiel den schwarzen Schlamm am Nil. Das Schwarze brachte Fruchtbarkeit.

Warum hat das nicht überdauert?

Das änderte sich zunächst mit den persischen Lichtmysterien mit Zoroaster, also Zarathustra, und wird dann weitergeführt vom Christentum. Die Anhänger der neuen Religion wollten nicht mehr nach unten zur Erde blicken, was der matriarchalischen Sichtweise entspricht. Sondern es kommt nun die patriarchalische Sichtweise ins Spiel, in der nach oben geschaut wird, ins Licht. Da wird Weiß dann die positive Farbe, weil es eben die hellste Farbe ist, die alles Licht reflektiert.

Licht ist ja etwas Schönes. Ist denn Weiß ausschließlich eine fröhliche, gute, schöne, nette Farbe?

Keinesfalls. Weiß hat auch eine sehr aggressive Seite. Denken Sie an den weißen Wal in Melvilles „Moby Dick“. Oder den weißen Hai. Oder den Eisbären. Viele idealisieren ihn ja, aber er gehört zu den gefährlichsten Raubtieren der Welt. Und in der Geschichte des Christentums zogen die Kreuzzügler in Weiß in den Krieg. Der Teufel hingegen wurde schwarz oder rot dargestellt.

Aber können Farben wirklich aggressiv machen? Oder bilden sich Menschen so etwas nur ein?

Nein. Das haben Wissenschaftler sogar in Forschungen erwiesen. Wenn wir Rot sehen, steigt unser Blutdruck etwas, wir werden wärmer, aber auch aufgeregter. Sehen wir Gelb, werden wir kommunikativer. Bei Blau werden wir etwas kühler, aber wir sind auch stark emotional berührt. Bei der Wahrnehmung von Farben spielen immer zwei Aspekte eine Rolle. Auf der einen Seite die Farbverwertung im Gehirn. Wir sehen ja keine Farbe, sondern die Wahrnehmung der Farbe ist eine Berechnung im Hirn.

Und auf der anderen?

Ist die Farbwahrnehmung etwas streng Physiologisches. Wenn wir beispielsweise Weiß sehen, wird relativ viel Rhodopsin in den Stäbchen der Netzhaut abgebaut. Da ist relativ viel Action im Auge. Anders bei Schwarz, da passiert gar nichts. Deswegen empfinden wir Blau auch als eine so beruhigende Farbe.

Aber wenn Weiß aggressiv und anstrengend sein kann, warum streichen dann alle Menschen ihre Wohnzimmer weiß und kacheln ihre Badezimmer in derselben Farbe?

Weiß vergrößert den Raum. Als Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Badezimmer gebaut wurden, waren die kaum größer als ein Kleiderschrank. Man ist dann sofort auf die Idee gekommen, sie weiß zu halten, weil der Raum dann größer erscheint. Und im Wohnzimmer verrichtet Weiß seinen Dienst als sehr neutrale Farbe. Bei anderen Wandfarben könnte es im Zusammenspiel mit farblichen Gegenständen wie Sofa, Teppich und auch Büchern zu Misstönen kommen. Wer mit Farben den Raumeindruck vergrößert hat, waren übrigens die Barockbaumeister. Kalte Farben wie Blau hingegen verkleinern Räume.

Warum sind Krankenhäuser hauptsächlich weiß?

Das hat ganz einfach mit Hygiene zu tun. Schmutz verbinden wir nun einmal mit dunklen Farben. Außerdem sieht man auf Weiß sehr gut, wenn etwas dreckig ist.

Bleiben wir kurz noch im Gesundheitswesen: Ärzte gelten als „Götter in Weiß“. Was sagt uns diese Bezeichnung?

Das ist mit Autorität zu erklären. Weiß und Schwarz sind Farben der Autorität. Das hängt mit dem Spätmittelalter zusammen. Die heraldischen Farben des Adels waren bunt. Als sich im 15. Jahrhundert das Bürgertum begann herauszubilden, blieben quasi als Erkennungsfarben nur Schwarz und Weiß. Mit diesen Farben wurde das Bürgertum verbunden. Daher kommen heute so Sachen wie der schwarze Anzug und das weiße Hemd bei Männern oder das kleine Schwarze bei Frauen.

Ist Weiß eine erotische Farbe?

Weiß schreit geradezu nach Befleckung, es zieht den Schmutz an. Es symbolisiert die Unschuld, die man verführen möchte. Bei den Dessousfarben liegt Weiß allerdings nur auf Platz zwei der Beliebtheitsskala. Platz eins belegt Schwarz. Das hängt mit dem Geheimnis zusammen, das gelüftet werden möchte.

Lässt sich der Mensch durch Farben manipulieren?

O ja, das passiert dauernd in der Werbung. Es gibt Produkte, die können Sie nur in einer bestimmten Farbe vermarkten. Salz könnten sie nicht in einer warmen Farbe anbieten. Dazu haben Forscher Versuche gemacht. Alles, was Sie schwarz, vor allem mattschwarz präsentieren, wirkt exklusiv. Orange wirkt in den meisten Fällen billig. Es gibt heutzutage ganze Stäbe in Unternehmen, die sich über Logos und das Produktdesign Gedanken machen. Apple beispielsweise hat weiß gewählt – etwa beim Apfel.

Aber wie beeinflussen uns denn Farben überhaupt?

Farben beeinflussen uns direkt, weil wir direkt etwas wahrnehmen, einen Lichtimpuls. Jede Wahrnehmung ist mit Emotionen verbunden. Farben sprechen uns immer ohne intellektuellen Zwischenfilter an.

Auch die Politik lebt ja zum Teil von Marketing. Warum wählt in Deutschland keine Partei Weiß als ihre Farbe?

Das gilt nicht nur für Deutschland, das können Sie in fast allen Ländern beobachten. Das Gelb der Liberalen steht wie gesagt für Kommunikation, das Blau der CDU für das Konservative und das Rot der SPD ist historisch aus der Tradition des Revolutionären erwachsen. Bei Weiß spielt zu sehr der aggressive Charakter mit hinein, aber auch das Passive. Das Sich-Ergeben, was eng mit der weißen Flagge zusammenhängt. So etwas möchten Politiker nicht mit sich verbunden sehen.

Haben die Deutschen eine Lieblingsfarbe?

Ja, Blau. Das gilt eigentlich für ganz Mitteleuropa.

Und Sie?

Ich mag eine Farbkombination, Blau und Gelb. Goethe hat gesagt, Gelb sei der farbliche Stellvertreter des Lichts und Blau der farbliche Stellvertreter der Finsternis. Und ich finde, das drückt menschliches Leben aus, wir leben schließlich zwischen Hell und Dunkel.

Was alles weiß sein kann

Weiße Cola

„Müssen Menschen weiß und Colas schwarz sein?“ Mit diesem Spruch wirbt Aydin Umutlu für seine Cola. Das koffeinhaltige Getränk bietet er in sechs verschiedenen (Haut-)Farben an – eine davon ist Weiß. Die jahrzehntelange Erwartung, dass Cola braun sein muss, wurde unterwandert. 2012 hat Umutlu seine Produkte auf den Markt gebracht und wollte damit ein Zeichen für mehr Toleranz setzen. Doch es gibt auch andere Lebensmittelhersteller, die weiße Varianten ihrer Produkte herausbringen: Duplo gibt’s in der Sorte white, auch Ferrero Küsschen sind mit einem weißen Schokoladenüberzug zu kaufen. „Weiße Produkte sind derzeit eine Modeerscheinung“, sagt Klaus-Peter Wiedmann, Professor für Marketing und Management an der Leibniz-Universität Hannover. „Die Lebensmittelhersteller versuchen, an dem Trend teilzunehmen.“

Salz-und-Zucker-Problem

Die wichtigsten, geschmacklich gegenläufigen Gewürze der Menschheit sind beide weiß, verflixt! Deshalb niemals Salz und Zucker in gleich aussehenden Tupperbehältnissen aufbewahren, auch wenn auf dem einen ein „S“ und auf dem anderen ein „Z“ aufgeklebt ist. Bei irgendeinem Teiganrühren verwechselt man sonst garantiert die Pötte, und dann kann man sich den Apfelkuchen als Salzteigkunstwerk an die Wand nageln.

Weißsein

Weiß stand in der Rangfolge der menschlichen Hautfarben jahrhundertelang und unseligerweise ganz oben. Dabei wird das Wort „weiß“ verwendet, wo die Haut der betreffenden Menschen gar nicht weiß, sondern nur unbestimmt hell ist – die Palette reicht von Rosa bis sacht gebräunt. Der Weiße war der Normale, fühlte sich den vermeintlich unnormalen, braunen, schwarzen, gelben, roten Menschen überlegen – was im Kolonialzeitalter unsägliches Leid über die Welt gebracht hat. In anderen Kulturen ist der Weiße als Langnase oder Bleichgesicht verunglimpft worden, und nicht immer wurde sein Überlegenheitsgetue devot aufgenommen. Weißsein ist Status, macht privilegiert, aber der Weiße spürt auch, dass hinter aller White Supremacy sein Einfluss schwindet – siehe Südafrika.

Weiße Flugzeuge

Bunt lackierte Flugzeuge sind eine Seltenheit am Himmel. Stattdessen haben die Flieger überwiegend helle Farben. Besonders beliebt bei den Airlines ist Weiß – und das ist keine Modeerscheinung in der internationalen Luftfahrt. „Die Entscheidung für Weiß hat hauptsächlich ökonomische Gründe“, sagt Heinrich Großbongardt. Eine weiße Lackierung verhindere eine zu starke Erhitzung des Flugzeugs im Innenraum. Denn die helle Farbe reflektiert das Sonnenlicht. Dunkle Farben hingegen absorbieren das Licht, sie nehmen es auf. Aber das Erhitzen der Flieger ist nicht der einzige Grund, warum die Maschinen oft weiß sind. Bunte Muster kosten die Airlines mehr Geld, denn die Flieger stehen dafür länger in der Lackierhalle. Ein weiterer Vorteil: Da viele Airlines ihre Maschinen nur für kürzere Zeiträume leasen, lässt sich die weiße Grundfarbe leichter für andere Kunden verwenden.

Von Kristian Teetz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Promi-Talk
MV-jobs.de

Die Jobsuchmaschine MV-jobs.de bietet über 19.000 Stellenangebote und Jobs in und um die Hansestadt Rostock. Ob Ausbildung, Arbeitsplätze für Fachkräfte, Quereinsteiger oder Führungsposition - der MV-Jobmarkt bietet Stellenanzeigen für alle Qualifikationen. mehr