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Lieben Sie das Abenteuer?

Interview mit Audrey Tautou Lieben Sie das Abenteuer?

Ihr Händedruck ist erstaunlich fest: Audrey Tautou entpuppt sich als Energiebündel. Man kann sich gut vorstellen, wie die 40-Jährige auf große Fahrt geht. Das hat sie gerade fürs Kino getan. Stefan Stosch sprach mit ihr in Paris über Reiselust, ihre Filmfigur Simone Cousteau und den roten Teppich.

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Typisch französisch: "Amélie" eröffnete der Schauspielerin Audrey Tautou eine fabelhafte Karriere. Ein Gespräch über Schönheit, das Reisen und die Rettung der Antarktis.

Quelle: Imago

Madame Tautou, Ihr Film "Jacques" handelt von einer Familie, die um die ganze Welt gereist ist: Hat die Geschichte der Meeresforscherfamilie Cousteau bei Ihnen die Sehnsucht geweckt, selbst zu einem Abenteuer aufzubrechen?
Auf jeden Fall! Aber mir fehlt die Kühnheit. Um ein Wagnis einzugehen, wie es die Cousteaus getan haben, braucht es Kompetenz und Wissen. Ich bin aber schon körperlich nicht stark genug, um all die Probleme zu lösen, die einem auf einem Schiff auf dem Ozean begegnen können. Wenn ich 1,80 und nicht 1,60 Meter groß wäre und ein Mann, dann vielleicht. Ich bin mir meiner Fähigkeiten sehr bewusst.

Zumal es ja auch schon kompliziert genug ist, im öffentlichen Nahverkehr einer Großstadt zurechtzukommen.
Ich komme gut damit zurecht!

Für Sie steht ja auch immer ein Taxi vor der Tür.
Wie kommen Sie denn darauf? Ich bin niemand, der dauernd Unterstützung von irgendwem braucht. Gut, wenn ich einen Film drehe, ist das anders. Aber privat habe ich doch keinen Fahrer.

Könnten Sie sich denn überhaupt vorstellen, das Kino loszulassen und für längere Zeit abzutauchen?
Ich liebe das Kino. Aber es ist nicht das einzig Wichtige in meinem Leben. Ich kann schon ohne Film leben.

Haben Sie es denn schon einmal ausprobiert?
Aber ja, vor "Coco Chanel" habe ich zwei Jahre lang gar nicht gedreht.

Hatten Sie keine Angst, vergessen zu werden?
Das ist ein Risiko. Aber ich will kein Sklave solcher Überlegungen sein. Freiheit ist mir wichtiger als Furcht.

An welchem Drehort haben Sie bei "Jacques" denn die größtmögliche Freiheit verspürt?
Das war in der Antarktis. Die Reise dorthin gehörte zu meinen Traumzielen, auch deswegen habe ich mich für den Film entschieden. Ich habe zum Regisseur gesagt: Ich bin dabei, wenn du mich mit in die Antarktis nimmst. Ich habe ihn gezwungen – obwohl ich dort nur eine Szene habe.

Warum sind Sie nicht schon früher in die Antarktis gefahren?
Erstens kostet es viel Geld, und zweitens wollte ich nicht in einer Gruppe unterwegs sein. Dafür bin ich zu wild.

Sind Sie in der Drake-Passage zwischen Kap Hoorn und der Antarktis seekrank geworden?
Ich werde nie seekrank!

Haben Sie für den Film Tauchen gelernt?
Das konnte ich schon vorher, aber ich mochte es nicht.

Wieso das denn? Alle Taucher schwärmen vom Gefühl der Schwerelosigkeit.
Ja, aber die Nerverei mit den Klamotten, dem stinkenden Taucheranzug und dem Atemgerät hat schwerer gewogen als das Vergnügen. Erst bei den Dreharbeiten auf den Bahamas habe ich diese ultimative Freiheit gespürt. Da habe ich dreimal am Tag getaucht.

Gab es gefährliche Situationen?
Nicht wirklich, aber als ich mich bei den Dreharbeiten der anderen mal in zu großer Entfernung aufhielt, um sie nicht zu stören, habe ich tüchtig einen auf den Deckel gekriegt. Ich hatte mich außerhalb der Sicherheitszone bewegt. Da ran war einfach meine fehlende Erfahrung schuld.

Von Jacques Cousteau haben wir schon vor diesem Film viel gehört, von seiner Frau Simone dagegen, die Sie nun spielen, wenig. Wie kommt das?
Simone hat es vorgezogen, im Schatten zu bleiben. Sie wollte keine Scheinwerfer auf sich gerichtet wissen, auch nicht in einem der Filme ihres Mannes auftauchen. Sie wollte einfach nur auf ihrem Schiff leben. Wenn Sie heute ehemalige Crewmitglieder fragen, dann wird man Ihnen sagen, dass Simone der Kapitän und die Seele der "Calypso" war.

Hat sie ihr Schiff womöglich mehr geliebt als ihren Mann?
Das weiß ich nicht. Aber sie hat geschrieben, dass ihr die "Calypso" mehr gegeben hat als jeder Mann in ihrem Leben. Wenn sie zurück an Bord kam, hat sie die "Calypso" geküsst. Sie kannte das Schiff besser als der Chefmechaniker. Sie hörte sofort, wenn der Motor komische Geräusche machte. Sie liebte Cousteau, aber sie wollte auf diesem Schiff leben.

Wäre Cousteau ohne seine Frau so berühmt geworden?
Vielleicht hätte er ohne Simone gewissermaßen sein Rückgrat verloren. Im Laufe der Zeit war er immer weniger auf der "Calypso", weil er seine Filme vermarkten und neues Geld auftreiben musste. Ohne sie wäre er kaum derjenige geworden, der er war.

Heute sind die Ozeane Plastikkloaken, und sie sind auch beinahe leer gefischt: Hat Cousteau am Ende doch den Kampf um den Erhalt dieses wunderbaren Lebensraums verloren?
Ein Mann allein kann kaum die Meere retten. Aber Cousteau hat natürlich das Bewusstsein für die Umwelt wachgerüttelt. Sein Erbe zeigt bis heute Wirkung. Er wirkte mit beim Schutzabkommen für die Antarktis. Wir müssen sicherstellen, dass dieser Vertrag nie erlischt. So viele Länder wollen die Antarktis lieber heute als morgen ausbeuten.

Hand aufs Herz: Benutzen Sie Plastiktüten beim Einkaufen?
Ich versuche wirklich, Tüten zu vermeiden. Wenn ich meine Stofftasche zu Hause vergessen habe, fühle ich mich schuldig.

Gehen Sie für bestimmte Anliegen auf die Straße und protestieren?
Nein, das habe ich noch nie getan. Nicht nur, weil ich dafür in Frankreich zu bekannt bin. Ich finde, dass andere dazu eher berufen sind. Ein Schauspieler ist bei so etwas manchmal fehl am Platz. Seine Stimme dient nicht unbedingt der Sache. Manchmal behindert er mehr, als dass er dem Anliegen guttut.

Audrey Tautou

Französische Mode- und Filmikone: Audrey Tautou als Zeremonienmeisterin der Filmfestspiele von Cannes im Jahr 2012.

Quelle: dpa

Aber andere engagieren sich doch auch, Sean Penn oder Leonardo DiCaprio.
Das ist ja auch gut so. Aber wenn jeder das tut, verliert die Botschaft an Aussagekraft. Man muss da vorsichtig sein und darauf achten, die Integrität der Sache zu wahren. Als Schauspieler führst du auch nicht unbedingt ein ökologisch vorbildliches Leben. Ich unterstütze die Kollegen, aber lieber diskret.

Beim Einkaufen ohne Plastiktüten.
Genau! Oder wenn ich das Wasser beim Geschirrspülen nicht unablässig aus dem Hahn laufen lasse.

Sie spielen in diesem Film die Mutter zweier erwachsener Kinder. Beschäftigt Sie das Altern im wirklichen Leben?
Nicht besonders. Na gut, ich kann nicht sagen, dass ich jede neue Falte feiere, wenn ich sie in meinem Gesicht entdecke. Aber so ist das nun mal.

Wünschen Sie sich manchmal, dass die Medien Ihrer Arbeit mehr Aufmerksamkeit schenken als Ihrem Äußeren?
Für eine Schauspielerin ist das Aussehen wichtig. Aber das ist es ja nicht allein: Ich arbeite vor der Kamera. Es tut mir bloß immer leid, wenn die Medien jemanden würdigen, der nichts anderes vorzuweisen hat als sein Äußeres. Damit wird nur der Kult der Oberflächlichkeit bedient. Man kann sich vom Talent eines Menschen inspirieren lassen, auch von seiner Schaffenskraft, aber doch nicht von bloßer Schönheit. Schönheit allein hat in der Geschichte noch nichts bewirkt.

Jetzt machen wir mal die Probe aufs Exempel: Wie lange brauchen Sie, um das richtige Kleid für den roten Teppich zu wählen? Zum Beispiel bei den Festspielen in Cannes, wo sie das Amt der Zeremonienmeisterin bei der Preisverleihung übernommen hatten.
Diese Aufgabe in Cannes war ein bisschen was anderes, da musste ich mich gut vorbereiten. In so einem Fall kann eine Kleiderwahl schon mal ein paar Stunden dauern, aber manchmal greife ich auch einfach in meinen Schrank.

Spüren Sie den Druck, immer perfekt aussehen zu müssen?
Darum kümmere ich mich nicht. Ich möchte mögen, was ich trage. Deshalb lasse ich mich auch nicht mehr von Stylisten beraten, seit ich gemerkt habe, dass alle das tun. Ich brauche keinen Berater, der mir sagt, was ich anzuziehen habe. Wenn jemand auf einem roten Teppich auftaucht, sollte er auch er selbst sein. Ich lehne diese zunehmende Professionalisierung des eigenen Images ab. Ich mag das Nichtperfekte.

Ihr Film-Ehemann Lambert Wilson hat eben gerade im Nachbarzimmer gesagt, dass Sie typisch französisch seien. Fühlen Sie sich so?
Er meint damit vielleicht, dass ich ein bisschen rebellisch bin. Ich mache mich gern über Leute lustig oder bringe sie zum Lachen.

Lambert Wilson sagt auch, dass Sie für die nächste Ausgabe der Nationalfigur Marianne das perfekte Gesicht haben würden.
Dafür bin ich doch viel zu alt.

Wieso das denn? Catherine Deneuve war auch schon über 40.
Wirklich? Na gut, dann mache ich das. Für die Revolution!

Zur Person
Diese Komödie machte sie in Frankreich bekannt: In dem Film "Schöne Venus" verwandelte sich Audrey Tautou (Mitte) in eine Kosmetikerin.

Diese Komödie machte sie in Frankreich bekannt: In dem Film "Schöne Venus" verwandelte sich Audrey Tautou (Mitte) in eine Kosmetikerin.

Quelle: Arte France

Amélie, natürlich. Mit dieser Rolle wird man die Schauspielerin Audrey Tautou wohl ewig verbinden. Als glücksbringende Kellnerin Amélie vagabundierte sie in Jean-Pierre Jeunets Romanze durch ein idealisiertes Paris, munterte ihren traurigen Witwervater mit Gartenzwergfotos aus aller Welt auf, fälschte in guter Absicht Liebesbriefe und animierte Sonderlinge zum Schatzsuchen. Kurz: Amélie tat alles für andere. Nur ihren eigenen Gefühlen traute sie nicht.

Zuschauer und Kritiker liebten "Die fabelhafte Welt der Amélie". Durch diese spleenig-poetische Kinofigur gelang der Französin 2001 der Sprung zum internationalen Star. Ihre Landsleute hatten die 1976 geborene Zahnarzttochter schon früher kennen und lieben gelernt: Für "Schöne Venus" (1999), eine Komödie rund um einen Pariser Kosmetiksalon, war sie als beste Nachwuchsdarstellerin mit dem Filmpreis César ausgezeichnet worden – und diese Auszeichnung ist im Kinoland Frankreich wichtiger als jeder Orden.

Dem französischen Kino treu

Nach "Amélie" hätte Tautou mit Kusshand auf die andere Seite des Atlantiks wechseln können. Doch sie blieb lieber dem französischen Kino treu. In Hollywood gebe es genügend andere junge Schauspielerinnen, meint sie lapidar. Niemand warte dort auf sie. Zumindest ließ sich Tautou für den Dan-Brown-Thriller "The Da Vinci Code – Sakrileg" (2006) zu einem Ausflug an der Seite von Tom Hanks hinreißen.

Die Mehrzahl ihrer Leinwandauftritte aber absolviert sie in Europa, meist im Komödienfach. Sie checkte beispielsweise ein in die "L'Auberge Espagnole", spielte aber genauso die Titelrolle in "Mathilde – Eine große Liebe", einem rund um den Ersten Weltkrieg angesiedelten Drama (inszeniert wiederum von Regisseur Jeunet), und sie verwandelte sich in die eigensinnige Modedesignerin Coco Chanel.

Letztere Rolle hatte besonderen Charme. Denn beinahe zeitgleich avancierte Tautou zum Werbegesicht für das Parfüm "Chanel No. 5". In der Modebranche ist die zierliche Französin mittlerweile wohl ebenso begehrt wie im Kino. Und auf welchen roten Teppich sie auch immer auftaucht: Ihre Robe wird von den Hochglanzmagazinen unter die Lupe genommen, als erfülle sie hoheitliche Aufgaben. Mit ihrer mädchenhaften Eleganz und ihrem oft so verwuschelt erscheinenden Haarschopf gilt Tautou als Vorzeigefranzösin.

Zwei für die Ozeane: In "Jacques - Entdecker der Ozeane" spielt Tautou Simone Cousteau (hier zu sehen mit Lambert Wilson als Jacques Cousteau).

Zwei für die Ozeane: In "Jacques - Entdecker der Ozeane" spielt Tautou Simone Cousteau (hier zu sehen mit Lambert Wilson als Jacques Cousteau).

Quelle: DCM

Nun schlüpft sie auf der großen Leinwand in die Haut einer anderen Ikone: Im Film "Jacques – Entdecker der Ozeane" (Kinostart: 8. Dezember) ist sie Simone Cousteau, Ehe- und Geschäftspartnerin des Meeresforschers Jacques-Yves Cousteau. Ohne sie hätte es der filmende Ozeanpionier mit der roten Mütze kaum zu so großer Berühmtheit gebracht.

Sie half ihrem Mann beim Kauf seiner geliebten "Calypso", manövrierte das Forschungsschiff durch manchen Sturm und erzog nebenbei die beiden Söhne. Ihr Beiname lautete: "La Bergère", die Schäferin. Doch jede Wette: Tautous Tauchanzug in diesem Film dürfte ebenso kritisch unter modischen Aspekten betrachtet werden wie ihre schauspielerische Leistung.      

Von Stefan Stosch

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