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Sie hier und nicht in Hollywood?

Interview mit Moritz Bleibtreu Sie hier und nicht in Hollywood?

Der Vorstadtganove ist seine Paraderolle, “Soll ich dir dein Hirn pusten?“ war einer seiner markigsten Sprüche aus “Knocking on Heaven’s Door“. In Ferdinand von Schirachs “Schuld“ steht er auf der Seite des Gesetzes. Warum Moritz Bleibtreu im wahren Leben niemals Anwalt sein könnte, hat er Nora Lysk verraten.

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Moritz Bleibtreu wuchs in einem Problemviertel auf und hat den Kleinstadtgangster perfekt drauf.

Quelle: imago

Hannover.  

Herr Bleibtreu, Sie stehen erneut für Ferdinand von Schirachs Krimireihe “Schuld“ als Strafverteidiger vor der Kamera. Warum hat der Beruf des Anwalts eigentlich ein so unglaublich schlechtes Image?

Das ist im Grunde ganz einfach, denn immer dort, wo Recht gesprochen wird, gibt es mindestens ein bis zwei Parteien, die sagen, das habe mit ihrer Vorstellung von Gerechtigkeit überhaupt nichts zu tun. Recht und Gerechtigkeit sind zwei völlig verschiedene Dinge. Das ist auch der Grund für das schlechte Image.

Aber ist es nicht Aufgabe des Anwalts, im Sinne des Rechts für Gerechtigkeit zu sorgen?

Es sollte vor allem immer darum gehen, der Würde des Menschen gerecht zu werden. Das bedeutet für den Anwalt, dass er im Fall eines Verbrechens minuziös und im Einzelnen prüfen muss, warum, wieso und weshalb dieser Mensch gerade das getan hat. Nur so ist es möglich, einen einigermaßen gerechten Schuldspruch zu sprechen. Die Voraussetzung ist natürlich, dass ein Anwalt nie moralisiert, nie über einen Kamm schert, nie pauschalisiert. Man darf sich nie von seinen Emotionen leiten lassen, sondern muss sich strikt am Strafrecht orientieren.

Würden Sie einen guten Strafverteidiger abgeben?

Nein, denn ich bin viel zu emotional gesteuert. Ich weiß, dass ich von den persönlichen Schicksalen und Geschichten vor Gericht viel zu sehr betroffen wäre. Man muss deshalb sehr dankbar sein, dass es Menschen, wie Ferdinand von Schirach gibt. Denn würde Rechtsprechung anfangen zu moralisieren, wären wir ganz schnell ganz nah am Faschismus.

Eine kluge und gute Justiz kann also für Gerechtigkeit sorgen?

Auf keinen Fall. Denn Gerechtigkeit ist ein individuelles Gut. Ich zum Beispiel bin jemand, der die Todesstrafe zu hundert Prozent ablehnt. Ein anderer findet die Todesstrafe möglicherweise absolut gerecht. Justitia kann also niemals universell Gerechtigkeit herstellen. Aber sie kann sich an bestimmten Parametern orientieren, um der Gerechtigkeit so nah wie möglich zu kommen. Da ist das deutsche Rechtssystem ein ziemlich gutes. Und wer das kritisiert, hat ziemlich viel davon nicht verstanden.

Ist es das, was uns an Ferdinand von Schirachs Geschichten so fasziniert? Dass da ein Mann in die Abgründe der menschlichen Seele blickt und sich trotzdem immer an den Fakten orientiert?

Es war zumindest etwas, womit ich sehr viel anfangen konnte. Gleichzeitig gucke ich, wenn ich einen Film oder eine Serie mache, nicht nur auf meine Figur, sondern auch immer auf das Ganze. “Schuld“ ist sehr schlau gemacht. Jeder einzelne 45-Minüter schafft es, ein riesengroßes emotionales Paket mitzuliefern. Das liegt auch daran, dass die Hauptfigur eben nicht in der Pflicht steht, tiefgründig und komplex zu sein. Meine Figur ist eher eine Art Conférencier, also jemand, der die Zuschauer an die Hand nimmt und ihnen die Fälle zeigt. Für den Tiefgang und für die emotionale Power sind die Episodenrollen verantwortlich. Die bekommen über 45 Minuten den gesamten Raum, den man braucht, um Tiefe herzustellen. Ich bin so etwas wie das Rückgrat oder der Showrunner.

Wie selten ist es, dass man in Deutschland eine Rolle auf diesem Niveau angeboten bekommt?

Es wird zumindest mehr. Und ich freue mich, dass sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen aufgrund der Tatsache, dass derzeit das gesamte Vertriebssystem von Film und Fernsehen auf links gekrempelt wird, mittlerweile solche Formate auch zutraut. So etwas wäre vor zehn Jahren sicherlich nicht gegangen. Ob die betreffenden Personen bei den Sendern das aus Panik machen oder ob plötzlich alle einen guten Geschmack bekommen haben, ist im Grunde egal. Es zählt am Ende das Ergebnis.

Macht diese Tatsache Deutschland auch als Arbeitsmarkt für Schauspieler interessanter?

Das will ich stark hoffen. Wobei ich nicht denke, dass es so ungeheuer viele deutsche Schauspieler darauf angelegt haben, unbedingt eine internationale Karriere zu machen.

Will nicht jeder nach Hollywood?

Meistens passiert das zufällig. Man macht einen erfolgreichen Film und ehe man sich’s versieht, ist man damit auch international erfolgreich. Das kenne ich selbst. Aber das hat nichts damit zu tun, wie man eine Karriere strukturiert. Eine Karriere passiert in erster Linie da, wo man lebt. Die Frage darf deshalb auch nie heißen: “wann gehen Sie nach Hollywood?“ Vielmehr muss man danach fragen, ob man gerne dort leben möchte. Und die Entscheidung, eine internationale Karriere zu machen, wäre immer auch eine Entscheidung gegen Deutschland. Das schnallen viele Leute einfach nicht. Die denken, du kannst in Berlin leben und gleichzeitig eine Hollywoodkarriere anstreben. Aber Hollywood ist eine Lebensentscheidung und kein Karriere-Move.

Es hat Sie nie in die USA gezogen?

Die Frage hat sich so nie für mich gestellt. Obwohl ich sogar die Schauspielschule dort besucht habe und jederzeit hätte bleiben können. Aber ich wusste immer, dass mein Zentrum Deutschland ist. Außerdem muss man auch dazu sagen, dass es schon längst nichts Besonderes mehr ist, dort drüben Filme zu machen. Das hat es immer gegeben.

Welche Rolle spielen bei so einer Entscheidung Herkunft und Sprache?

Muttersprache ist gerade in der Schauspielerei essenziell wichtig. Deutsch ist für mich ein ganz anderes Werkzeug, als all die anderen Sprachen, die ich spreche. Ich kann sicherlich auch auf Italienisch, Französisch oder Englisch Filme machen. Vielleicht sogar auf Spanisch. Aber ich werde niemals die Mittel im Ausdruck haben, die ich auf Deutsch habe. Deutsch ist so an meine Emotionen gekoppelt wie keine andere Sprache der Welt.

Was würden Sie jungen Kollegen raten, die eine Karriere anstreben?

Sehr cool ist es, wenn man viele Sprachen spricht. Aber ich würde jedem jungen Kollegen raten, sich in erster Linie um Deutschland zu kümmern. Alles andere ist ein Zubrot. Eine Staffel “Game of Thrones“ macht sicherlich auch mal Spaß, aber glaub mal nicht, dass du danach eine Weltkarriere machst. Wer schon mit Anfang 20 die internationale Karriere im Kopf hat, der hat eh ein Problem.

Sie würden ein Angebot in “Game of Thrones“ tatsächlich nur als netten Ausflug betrachten?

Genau so muss man das sehen: ein netter Ausflug, den man genießen sollte. Wir Europäer sind in Hollywood immer Aliens gewesen. Und das bleiben wir. Wir werden dort nur engagiert, weil wir das Klischee des Deutschen erfüllen, das in Amerika gefragt ist. Wenn etwa Javier Bardem in Hollywood besetzt wird, dann nicht, weil er vor 20 Jahren mal einen Klassiker wie “Jamón, Jamón“ gemacht hat, sondern weil er der Stereotyp für einen bösen Latino ist. Dasselbe gilt für Mads Mikkelsen und fast alle Kollegen aus Europa, die in Amerika Filme machen. Mit Ausnahme von Christoph Waltz vielleicht. Die zwei Oscars kann man nicht mehr wegdiskutieren.

Hört man da Frust raus?

Auf keinen Fall. Aber Fakt ist, dass Hollywood sich die Leute nimmt und sie anschließend wegschmeißt.

Das klingt so, als wäre Heimat Ihnen mehr als wichtig?

Heimat ist ganz wichtig. Umso mehr man reist und einen das Leben durch die Welt trägt, umso wichtiger ist es, einen Ort zu haben, an dem man angekommen ist. Alles andere ist wie gesagt nur ein Ausflug.

Zur Person: Moritz Bleibtreu

Es war 1998, und Moritz Bleibtreu war Manni – ein etwas tumber, kleinkrimineller Geldkurier, der für einen Autoschieber jobbte. Doch dann kam dieser eine Tag, an dem einfach alles schieflief. Erst vermasselte Manni die Geldübergabe, dann ließ er die Tüte mit der Beute auf der Flucht liegen. 20 Minuten blieben ihm, um die Situation zu retten. Zum Glück war da Lola (Franka Potente), die um Mannis Leben rannte.

“Lola rennt“ von Tom Tykwer war Bleibtreus Durchbruch. Die Mannis dieser Welt waren seine Paraderolle. Ebenso wie die Kleinstadtgangster und Vorstadtproleten. Kurz vor „Lola rennt2 hatte Bleibtreu in “Knocking on Heaven’s Door“ Abdul gegeben – die deutsche Version des Vincent Vega aus Quentin Tarantinos “Pulp Fiction“. Abdul sagte so schöne Sachen wie “Soll ich dir dein Hirn pusten?“ Drei Jahre später zeigte er in dem Thriller “Das Experiment“ abermals, dass er auch ernst kann.

Moritz Bleibtreu wurde 1971 – ausgerechnet an einem Freitag, den 13. – in eine Schauspielerfamilie geboren. Mutter Monica Bleibtreu (1944–2009) spielte an der Volksbühne, den Münchner Kammerspielen und dem Burgtheater. Sie stand mit Bruno Ganz vor der Kamera und erhielt den Grimme-Preis für ihre Darstellung der Katia Mann in Heinrich Breloers Film “Die Manns – Ein Jahrhundertroman“. Vater Hans Brenner, ebenfalls “ein Tier von einem Schauspieler“, wie Bleibtreu später sagte, verließ die Familie ein Jahr nach der Geburt von Moritz.

Der wuchs im Hamburger Problem-Stadtviertel St. Georg auf – ein raues Pflaster mit rauen Typen. Und Moritz Bleibtreu war “eines der wenigen deutschen Kinder, das war nicht so angesagt“, erzählte er später in einem Interview. Dazu eine alleinerziehende Mutter, die sehen musste, dass sie ihr Leben geregelt bekam. “Ich war sauer“, berichtete Bleibtreu. Vor allem darüber, dass der Vater die Mutter alleingelassen hatte. Erst am Sterbebett konnte Moritz Bleibtreu seinem Vater verzeihen. Als Vorbild taugten seine Eltern dennoch: Schon mit elf Jahren spielte sich der junge Moritz in der Fernsehserie “Neues aus Uhlenbusch“ in die Herzen der Deutschen. In der elften Klasse schmiss er die Schule, um nach Frankreich zu gehen. Er nahm Schauspielunterricht, erst in Paris, dann in New York und später in Rom.

Zurück in Deutschland ergatterte Bleibtreu erste Bühnenrollen am Thalia Theater und dem Hamburger Schauspielhaus. Die Neunziger gehörten dem Film – und seinen Freunden. 2000 stand er das erste Mal für Fatih Akin vor der Kamera. In dem Roadmovie “Im Juli“ spielte er den Lehramtsreferendar Daniel. 2002 folgte “Solino“, und Bleibtreu gab Giancarlo, den Sohn einer italienischen Gastarbeiterfamilie. Es sollte nur ein Anfang sein. In “Chiko“ war Bleibtreu Brownie – Drogenhändler, Zuhälter und Musikproduzent in einem –, und in “Soul Kitchen“ spielte er Illias Kazantsakis, den Bruder von Zino, der in Hamburg ein mäßig laufendes Schnitzelrestaurant betreibt. Der Film war auch eine Hommage an Bleibtreus Mutter, die in “Soul Kitchen“ ihren letzten großen Auftritt hatte.

Vielleicht, weil er die Gangster so gut draufhat, vielleicht aber auch, weil ihm Freunde so wichtig sind: 2010 spielte Bleibtreu in Rapper Bushidos Biografieverfilmung „Zeiten ändern sich“ dessen engen Vertrauten Arafat Abou-Chaker. Keine unumstrittene Rolle. “Aber Deutschland ist ein freies Land, und jeder kann sein Geld geben, wem er möchte“, kommentierte Bleibtreu damals die Berichte über die ungewöhnliche Freundschaft.

Von Nora Lysk

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