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Sind Sie wirklich so ein Schlitzohr?

Interview mit Henry Hübchen Sind Sie wirklich so ein Schlitzohr?

Man ist gewarnt worden: Henry Hübchen könne schnippisch sein. Er ist aber nur ein bisschen argwöhnisch. Anfangs. Dann plaudert er mit Stefan Stosch über Spione, die DDR und warum sich auch Männer in die Maske begeben sollten.

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Schlawiner vom Dienst: Schauspieler Henry Hübchen hat sogar schon mal Hitler besiegt. Ein Gespräch über das Theater, die DDR und seinen neuen Film "Kundschafter des Friedens".

Quelle: Imago

Herr Hübchen, "Kundschafter des Friedens" nannte die DDR ihre Spione, und so heißt auch Ihr aktueller Film: Wurde dieser Begriff tatsächlich im Alltag verwendet?
Mir war er bekannt, er tauchte auch in der Zeitung auf. Erfunden haben ihn vermutlich die führenden Genossen bei der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit (MFS). Spion klingt immer ein bisschen nach Halbwelt, Agenten lassen sich kaufen. Nach der Idee des MFS kämpften die Kundschafter aus Überzeugung für den Frieden, es waren eben keine Söldner.

Sie spielen einen dieser Kundschafter, "Zonen-James Bond" genannt. Im wirklichen Leben trugen Sie den Beinamen "Mastroianni vom Prenzlauer Berg". Nervten diese ewigen Vergleiche mit Westpersonal?
Westpersonal? Weltpersonal! Zum Mastroianni wurde ich, weil ich an der Volksbühne in den Neunzigerjahren in "Fellinis Stadt der Frauen" den Schürzenjäger Snàporaz gespielt habe, den auch Mastroianni verkörpert hat. Ich habe auch mal den Kowalski in "Endstation Sehnsucht" gespielt. Prompt war ich der "Marlon Brando vom Prenzlauer Berg". Das sind alles Erfindungen Ihrer Journalistenkollegen. Die kannten keine sowjetischen oder polnischen Schauspieler. Und wenn, dann konnte das Publikum damit sicher nichts anfangen. Aber es wurden im Osten großartige Filme gemacht. Wir in Mitteleuropa haben eben Richtung Westen geguckt. Es gibt Schlimmeres als diese Vergleiche.

Hat ja auch seinen Reiz, sich in James Bond zu verwandeln.
Vergessen Sie bitte nicht den despektierlichen "Zonen"-Vorsatz vor dem Bond. Ich freue mich schon, wenn das in den Kritiken auftaucht, klingt wie "AOK-Pierre-Brice". Ich finde das witzig.

"AOK-Pierre-Brice"? Haben Sie mal eine Krankenkasse beworben?
Nein! Das hat sich auch ein Journalist ausgedacht. Wenn ich irgendwann mal was über mich schreibe, muss das rein. Hoffentlich finde ich den Artikel noch.

Sie überlegen, Ihre Autobiografie zu schreiben?
Ich überlege gar nichts.

Sie werden bald 70 ...
Ja, ist ja egal, bitte keine Zahlen. Verlage fragen immer mal an. Bisher bin ich zu faul dazu, und daran wird sich wahrscheinlich auch nichts ändern.

War Spion in der DDR so etwas wie ein Traumberuf, weil er mit Reisen und Grenzenlosigkeit zu tun hatte?
Also für mich nicht: Arbeiten für einen Geheimdienst und immer mit einer fremden Identität rumlaufen, das würde mich massiv überfordern. Ich habe mich für die Beatles, die Rolling Stones und Gitarren interessiert, nicht fürs Spionieren.

"Kundschafter des Friedens"

Henry Hübchen (2. v. r.) als "Zonen-James Bond" in seinem neuen Film "Kundschafter des Friedens" (hier mit Antje Traue, Michael Gwisdek und Thomas Thieme).

Quelle: Majestic

Haben Sie als DDR-Schauspieler Ihre Abenteuerlust ausleben können?
Ein Schauspieler ist so eine Art Anhalter: Er steigt nur kurz bei einem Film zu. Alles hängt von den Angeboten ab. Manchmal hätte ich mir bessere vorstellen können, aber es hätte auch viel schlechter laufen können. Film spielte für mich sowieso erst nur die zweite Geige. Ich war lange am Theater, das kann einen total erfüllen. Da will ich wirklich nicht rumjammern.

Wie lief es für Sie als filmischer Anhalter nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns in den Siebzigern?
Viele Regisseure, mit denen ich zusammengearbeitet hatte, gingen in den Westen. Ich habe eine Zeit lang wenig am Theater gemacht und mehr Fernsehen gedreht. Der Abgang des intellektuellen Potenzials war ein herber Einschnitt, obwohl es noch interessante Leute gab. Denken Sie an Heiner Müller oder Fritz Marquardt.

Haben Sie selbst mit dem Gedanken gespielt, die DDR zu verlassen?
Mir war die DDR ja nicht zu klein geworden. Ich hatte immer das Gefühl, interessante Arbeit zu haben. Es gab für mich keinen Grund, Westdeutschland oder Europa zu erobern. Und dann bin ich ja auch Frank Castorf begegnet.

Mit Castorf haben Sie dann ja auch Theater-Gesamtdeutschland erobert.
Das fing schon an, als die Mauer noch stand. So 1986/87 haben wir die ersten Arbeiten in Köln und Hamburg herausgebracht und viel provinziellen Theatermief aufgewirbelt. Hat Spaß gemacht.

Wenn Ihr alter Kumpel Castorf Sie anriefe: Würden Sie wieder loslegen?
Das letzte Mal habe ich 2008 auf der Volksbühne gestanden. Ich wollte frei sein und nicht immer zwischen Dreh und Theater hin- und herhetzen. Man muss auch nicht immer dasselbe machen. Alexander von Humboldt hat die Welt auch nur einmal vermessen.

Aber der ist immer wieder aufgebrochen, zuletzt nach Russland.
Sehen Sie: Ich muss nach Russland. Aber was mache ich da? Vielleicht schreibe ich was ...

... also doch die Autobiografie.
Ach, nee, da schreibe ich lieber über Sie, wie Sie da so sitzen und wir uns langsam näherkommen. Die Bühne habe ich nun wirklich von vorn bis hinten vermessen. Zudem wurden Castorfs Stücke immer länger und der Darsteller Hübchen älter. Eine gegenläufige Entwicklung, nicht unanstrengend. Vielleicht schreibe ich ja Reisetagebücher.

Oder über einen Riss zwischen Ost- und Westdeutschland?
Ich persönlich nehme diesen Riss nicht so dramatisch wahr, viel dramatischer ist jetzt der Riss zwischen Nord und Süd. Die Sozialisierung im Osten oder im Westen spielt da nicht die entscheidende Rolle. Wichtiger ist, ob jemand im Großbürgertum aufgewachsen ist oder im Proletariat, ob jemand studiert hat oder nicht oder wo er seine Ausbildung absolviert hat. Vielleicht auch seine Nicht-Ausbildung, so was gibt’s auch.

Sie gehören zu den wenigen DDR-Schauspielern, für die es nach dem Mauerfall nahtlos weiterging. Wie haben Sie das hingekriegt?
Ich habe gar nichts hingekriegt. Ich lebe in den Tag hinein, vieles hat sich einfach ergeben. Aber ich hatte schon in der DDR mein Publikum, und dann kam mit der Bundesrepublik ein Riesenland dazu. Das brauchte neue Gesichter. Meine erste filmische Arbeit in der neuen Bundesrepublik war ein Krimi, gedreht in München. Aber ich war schon vor dem Mauerfall so eine Art Exportartikel.

Sie werden vorzugsweise als Schlawiner besetzt, der gern eine dicke Lippe riskiert. Zufall?
Jedenfalls bin ich kein Freund davon, opportunistisch die Klappe zu halten oder jemandem nach dem Mund zu reden. Ich bin ein Querulant. Allerdings: Ein großer Held bin ich auch nicht, manchmal ziehe ich den Schwanz ein. Vor der Volksarmee habe ich mich etwa gedrückt. Ich bin kein Verweigerer, sondern ein Drückeberger.

Und nun werden Sie 70: Stellt sich ...
... Sie sollen mir doch keine Zahlen sagen.

Okay, Sie werden älter ...
... wir werden alle älter, ist ein Naturgesetz.

Also stellt sich jetzt bei Ihnen Altersweisheit ein oder nicht?
Altersweisheit? Weisheit habe ich überhaupt keine, bestenfalls Erfahrung. Ich bin jemand, der zuhören kann und auch an sich selbst zweifelt. Ich behaupte mal, kein Besserwisser zu sein.

Ist bei Ihnen die Selbstironie oder die Eitelkeit stärker ausgeprägt?
Entweder-oder-Fragen sind immer doof, aber ich sage mal: die Selbstironie. Ohne die können Sie keine Komödie drehen. Eine Komödie ist das Schwerste. Aber deshalb verschwindet ja nicht die Eitelkeit.

Begeben Sie sich vor einem TV-Interview in die Maske?
Auf jeden Fall. Frauen, die hundert Jahre jünger sind als ich, kriegen die Haare und alles gemacht. Ein Mann wird wie ein armer Tropf danebengesetzt. Das ist unfair.

Zur Person
"Jakob der Lügner"

Nominiert für den AUslands-Oscar: Henry Hübchen und Manuela Simon in "Jakob der Lügner" (1974/75).

Quelle: FMP

Jeder kann sich mal irren, auch der Schauspieler Michael Gwisdek. Über seinen Kollegen Henry Hübchen hat Gwisdek mal gesagt, dieser würde im Alter Probleme bekommen, weil er in der Jugend immer die schönen Liebhaber gespielt habe. Da hat Gwisdek ordentlich danebengelegen.

Die Spuren des Lebens haben sich in das stets gut gebräunte Gesicht Hübchens eingegraben, gewiss, aber er hat auch kurz vor seinem 70. Geburtstag am 20. Februar nichts von seiner Attraktivität eingebüßt. Jungenhafte Schlitzohrigkeit verkörpert er noch immer aufs Trefflichste. Nicht so viele Schauspieler mit Ost-Biografie sind nach der Wende 1989 noch einmal so durchgestartet wie er.

Schon in der DDR zählte Hübchen zu den renommiertesten Darstellern. Bereits als Kind hatte seine Karriere im Fernsehen begonnen. An der heutigen "Ernst Busch"-Schule in Ostberlin studierte er Schauspiel – nach einem kleinen Intermezzo als Physikstudent an der Humboldt-Universität. 1965 war er in einer Nebenrolle im ersten Defa-Indianerfilm "Die Söhne der großen Bärin" zu sehen. 1974 wirkte er in Frank Beyers Romanverfilmung "Jakob der Lügner" mit, der einzigen Defa-Produktion, die je für den Auslands-Oscar nominiert worden ist. Im "Polizeiruf 110" hatte er regelmäßige Auftritte.

Wilde Zeit an der Volksbühne

Hübchens wildeste Zeit begann in den Achtzigern an Frank Castorfs Berliner Volksbühne, da hatten sich offenbar zwei gefunden. Als König des Slapsticks erwies sich Hübchen, wenn er mit Klappstühlen kämpfte oder auf Kartoffelsalat ausrutschte. Seine Rolle als Kleinbürger Klapproth in "Pension Schöller: Die Schlacht" bescherte ihm 1994 die Auszeichnung "Schauspieler des Jahres".

Als ihm die allabendliche körperliche Verausgabung auf der Bühne zu viel wurde, wandte sich Hübchen verstärkt Fernsehen und Kino zu – und Hobbys hat er schließlich ja auch noch: Er segelt und komponiert (zum Beispiel stammt der Song "Casablanca" der Gruppe City von ihm). Und, ach ja, 1981 und 1982 war Hübchen DDR-Meister im "Brettsegeln", also Surfen.

Henry Hübchen und Hannelore Elsner in "Alles auf Zucker"

Jaecki Zucker (Henry Hübchen) mit seiner Frau Marlene (Hannelore Elsner) beim Scheidungsrichter: "Alles auf Zucker" räumte 2005 gleich in sechs Kategorien beim Deutschen Filmpreis ab.

Quelle: XFilme

Seinen vielleicht bekanntesten Auftritt in den vergangenen Jahren legte er in Dani Levys Familienkomödie "Alles auf Zucker" (2004) hin, in der er einen ehemaligen DDR-Sportreporter spielt, der sich plötzlich mit seiner längst abgehakten jüdischen Identität herumschlagen muss – und zwischendurch hofft, beim Billardspiel einen Turniergewinn abzuzocken. Legendär sein Auftritt, als er für die Rolle den Deutschen Filmpreis bekam: "Ich habe Hitler besiegt", rief Hübner in den Saal. Nominiert für die Auszeichnung war auch der Bunker-Film "Der Untergang" mit Bruno Ganz.

Demnächst liefert Hübchen in der Komödie "Kundschafter des Friedens" (Kinostart: 26. Januar) als gut gereifter DDR-Ex-Spion eine prima Show ab. Der Alte will es den Jüngelchen vom inzwischen gesamtdeutschen BND noch einmal so richtig zeigen. Der Einsatz läuft dann aber nicht so glatt, wie es sich der reaktivierte Profi vorstellt. Aber das Durchschlängeln gehört ja zur Grundvoraussetzung einer echten Hübchen-Rolle.

Von Stefan Stosch

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