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Als die Flüchtlinge Deutsche waren

Flucht und Vertreibung nach 1944 Als die Flüchtlinge Deutsche waren

Lange galt: Im Volk der Täter kann es keine Opfer geben. Immer mehr jedoch wird auch über das Schicksal der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen gesprochen. Wie aber lassen sich die Erinnerungen dieser Menschen angemessen bewahren?

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Mit dem Bollerwagen ins Ungewisse: Millionen flohen 1945 vor der heranrückenden Roten Armee aus den Ostgebieten Deutschlands.
 

Quelle: akg-images

Berlin, Hamburg.  Was geschieht mit den Erinnerungen an Flucht und Vertreibung, wenn die Kriegs- und Kriegskindergenerationen wegsterben? Wen interessieren die Geschichten aus der verschwundenen Heimat östlich von Oder und Neiße dann noch? Wen haben sie je interessiert? Was auch immer bleibt, sein Platz in einer Hülle aus Beton, Stahl und Glas ist in Bau und wird in gut zwei Jahren eröffnet.

In Berlin, mit Panoramablick auf das Gelände der Topographie des Terrors und in kurzer Distanz zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas, soll 2019 die Ausstellung der “Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ (SFVV) öffnen. Wer bei diesem Titel gleich an die CDU-Aussteigerin Erika Steinbach und ihren kaum versteckten Revanchismus denkt, liegt falsch. Ja, das “Sichtbare Zeichen“, wie das Vorhaben am Anfang einmal hieß, ist ein Kind der ehemaligen Präsidentin des Bundes der Vertriebenen. Aber die neue Chefin der Stiftung, die Historikerin und Museums-Praktikerin Gundula Bavendamm, will dieses Kind in einem anderen Geist erziehen.

Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung, sagt sie, ist nichts anderes als “ein Teil des Katastrophengedächtnisses des 20. Jahrhunderts“. Sie fordert: “Wir müssen die Vertreibung in den Kontext von Krieg und Holocaust einbetten.“ Und sie erklärt: “Wir sind an einem markanten Wendepunkt angekommen: Es ist in den letzten Jahren möglich geworden, in Anerkennung der ganzen deutschen Geschichte auch über deutsches Leid und deutsche Opfer zu sprechen. Aber eine von den historischen Zusammenhängen losgelöste Erzählung wird es bei uns nicht geben.“

Das Volk der Täter – und Opfer

“Im Volk der Täter konnte es, durfte es keine Opfer gegeben haben“ – an diesem Mantra Nachkriegsdeutschlands hat sich der Historiker Andreas Kossert in seinem Buch “Kalte Heimat“ abgearbeitet. Die detailreiche Studie von 2008 wurde zum Bestseller. Aber der Satz war vermutlich immer schon falsch.

Das Volk der Täter machte sich von Anfang an selbst zum Opfer. Verwundet, verwitwet, ausgebombt, evakuiert, die Existenz in Trümmern, das Weltbild sowieso – jeder Deutsche war in irgendeiner Weise von der Kriegsgewalt getroffen. Und dann kamen auch noch jene 14 Millionen aus dem Osten, die zunächst im Westen als weitere Plage der Trümmerjahre angesehen wurden. Einquartierungen statt Willkommenskultur, Desinteresse statt Empathie. Dass diese Neuankömmlinge noch etwas anderes verloren hatten als alle anderen, und dies schuldlos, interessierte nicht. Die alte Heimat, mein Gott, war das wirklich Deutschland gewesen, wo die herkamen?

“Statt der alten galt nun die neue Heimat“, sagt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, die mit ihrem Mann Jan den Begriff “kulturelles Gedächtnis“ geprägt hat: “Im Aufwind des Wirtschaftswunders hat die westdeutsche Erfolgsgeschichte der ‚neuen Heimat’ das Trauma der Vertriebenen verdrängt. In einer Gesellschaft, in der alle Zeichen auf Zukunft standen, hatten ihre Erfahrungen und Erinnerungen keinen Platz, sie passten nicht zum Zeitgeist, niemand war bereit, ihre Geschichten mit Empathie anzuhören.“

Die Rote Armee betritt im Oktober 1944 erstmals ostpreußischen Boden

Die Rote Armee betritt im Oktober 1944 erstmals ostpreußischen Boden. Bald brechen die ersten Flüchtlinge auf, um in den Westen des Deutschen Reiches zu gelangen.

Quelle: privat

In der unmittelbaren Nachkriegszeit klang das so: “Nichtsmehrbesitzen, Nirgendwohingehören, Nichtsgelten, Nichtbescheidwissen“ – diese Aufzählung von Defiziten charakterisiere den Flüchtling als “Gestalt einer Zeitenwende“, formulierte es die Soziologin Elisabeth Pfeil 1948.

Im Februar 2016 wurde Clausnitz im Erzgebirge berüchtigt, weil Anwohner und Zugereiste einen Bus mit Flüchtlingen blockierten und die Fremden wüst beschimpften. Zuvor waren im Dorf Unterschriften gesammelt worden. Hans-Peter Neitzke, ein 76-Jähriger aus Pommern, wies den Nachbarn ab, der ihn fragte, ob er gegen Flüchtlinge unterschreibe: “Ich bin selber einer.“ Bin, nicht war. Die Flüchtlingsidentität geht nie verloren.

Zum Flüchtlingswissen gehört: Mitnehmen kannst du nur, was du im Kopf hast – Bildung und Erinnerungen. Und weil Erinnerungen manchmal nicht reichen, gab es “kulturelle Sicherungssysteme“, wie der Volkskundler Utz Jeggle es ausdrückt. Da stand die Flasche Ostpreußischer Bärenfang jahrelang hinter der Glastür des Wohnzimmerschranks. Nur zu besonderen Anlässen in Anwesenheit von Gästen wurde von dem Honiglikör angeboten: “Dann wird nicht einfach konsumiert, sondern Heimat schlückchenweise verinnerlicht.“

“Wir sind öffentliche Geschichte“

Heimat, das kann auch der Mohnkuchen vom schlesischen Bäcker sein, der sich gegen die alteingesessene Konkurrenz behauptet hat (und mancherorts bis heute der “schlesische Bäcker“ ist). Es ist vielleicht, und da wird es schon kontrovers, die Karte mit den alten Ortsnamen, die das Erinnern unter Revanchismusverdacht stellt. Auch bei den ganz neuen Nachbarn fragt man sich ja: Ist die kurdische Flagge im Wohnzimmer Symbol eines Verlustes oder einer Hoffnung, die quer zur Weltpolitik liegt?

Als das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg 1987 eröffnete, gab es wütende Proteste: Wer an Ostpreußen erinnerte, konnte ja nur Revanchist sein. Voraussichtlich 2018 wird das derzeit geschlossene Haus grunderneuert wiedereröffnen. Museumsdirektor Joachim Mähnert erarbeitet ein neues Konzept, aus Schilderungen von Vertriebenen und unzähligen Alltagsgegenständen – ohne eine Spur von Revanchismus. Bereit für eine Zeit ohne Zeitzeugen. Wie das Schlesische Museum in Görlitz und das Haus der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung soll es die Erinnerung für Jahrzehnte bewahren. Für eine Zukunft, in der niemand mehr schlesischen, sudetendeutschen, ostpreußischen Dialekt spricht. Und in der der Mohnkuchen aus dem Backshop kommt.

Was soll dann bleiben? “Es bringt nichts, unser Thema in Aspik zu legen, wir sind öffentliche Geschichte“, sagt Gundula Bavendamm in Berlin. “Wir können und wollen uns für den Resonanzraum der Gegenwart öffnen.“ Eine Schwimmweste aus Lampedusa ist schon für die Dauerausstellung bereitgelegt.

Die Rumpelbaude im Herzen

 Dieter Giersch holt seine Fotoalben hervor und schiebt sie unter den Projektor. Er braucht die Vergrößerung, die Augen machen nicht mehr so mit. Der 93-Jährige blättert durch die Seiten. Klassenfotos und Porträts reihen sich aneinander. Kaum Häuser, keine Landschaft. Die sanften Hügel des niederschlesischen Berglands, aus dem Giersch stammt, hat er nicht fotografiert. Sie waren ja immer da. Die Menschen waren ihm wichtiger. Mitschüler, Kameraden aus dem Jungvolk, die Mädchen. “Ah, da ist sie, das ist Tosca Gundula, meine Kinderliebe, als ich zehn war.“

Der alte Mann lächelt leise. Heimat, das sind die Erinnerungen. Mit 93 ist Giersch einer der letzten deutschen Schlesier, die mehr als ihre Kindheit in der alten Gegend verbracht haben. Bis zum Abitur lebte er dort, in Wüstegiersdorf (heute Gluszyca) nahe dem Bergkamm, auf dessen anderer Seite Böhmen liegt. Über diesen Bergkamm wanderten die Jugendlichen am Wochenende in die Rumpelbaude. Dort muss es etwas wilder zugegangen sein als auf der preußisch-protestantischen Seite. Unten, im Tal, lockten die Städte: Waldenburg (Walbrzych) mit dem Gymnasium, Breslau (Wroclaw) mit der Uni. Von dort fuhr der “Fliegende Schlesier“ in unter drei Stunden nach Berlin.

Der Schlesier

Der Schlesier: Dieter Giersch lebte bis zu seinem Abitur in Wüstegiersdorf, heute Gluszyca.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Auf dieser Route hätte der junge Dieter irgendwann sein Bergdorf verlassen. Die Fabrik des Vaters war pleite seit der Weltwirtschaftskrise. Die Gruben der Bergbauregion waren ausgekohlt. Zukunft gab es nur im Tal. Die Route sah dann anders aus, der Krieg sorgte dafür. Späte Einberufung, Dienst an der Westfront, britische Gefangenschaft, Schlesien unerreichbar. Dieter Giersch wurde nach Niedersachsen entlassen, nahm spät ein Studium auf, unterrichtete Jahrzehnte an einer Hamburger Berufsschule.

Sein neues Zuhause wurde ein Reihenhaus im Süden der Hansestadt. Flüchtlingssiedlung nennt Giersch seine Nachbarschaft immer noch. “Hindenburger Straße“, “Stettiner Straße“, “Sudetenstraße“, wie fast überall in Westdeutschland erinnerten die Straßennamen an die Herkunftsorte der acht Millionen Neu-Bundesbürger. Es waren Namen, die Integration und Besitzanspruch zugleich in sich bargen.

Das mit dem Besitzanspruch war Giersch bald egal, das mit der Integration umso wichtiger. Einen Platz in der Siedlung bekam man nur mit Flüchtlingsausweis, und ein Haus bedeutete, dass man nun hier blieb. Im Süden die Harburger Berge, im Norden die Metropole. Giersch hat alle Sondersendungen über die neue Elbphilharmonie gesehen, will die fabelhafte Akustik unbedingt einmal selbst erleben.

Was von Schlesien übrig bleibt

Sie waren ja schließlich keine Hinterwäldler in Wüstegiersdorf, sondern preußische Bildungsbürger. “Vater spielte Geige, Mutter richtig gut Klavier“, erinnert er sich. Der schlesische Dialekt spielte zu Hause keine Rolle, vielleicht redete man mit den Bauernjungs aus Dörnhau so, damit die einen nicht gleich verkloppten. Aber schon in der Grundschule wurde Wert auf Hochdeutsch gelegt. Korrekt sollte es zugehen.

Korrekt war es aber auch nicht, wie Inge Meysel, die Berlinerin, Schlesisch sprach. Ihre Gerhart-Hauptmann-Verfilmungen sind fast 50 Jahre alt, aber Giersch erinnert sich noch an die Aufregung, als wäre es gestern gewesen. “Was die aus unserem Schlesisch gemacht hat – das war schwer erträglich“, ruft er und schüttelt sich. Gerhart Hauptmann ist der Heilige jedes schlesischen Bildungsbürgers, also auch seiner. Wenn Giersch eine Antwort darauf sucht, ob etwas von Schlesien übrig bleibt, dann spricht er nicht von Landschaften oder Rezepten, sondern von Schriftstellern, Komponisten, Wissenschaftlern.

Bis heute bringt der Briefträger die Heimweh-Rundschreiben in die Hindenburger Straße, die kleinen, kopierten Postillen der Schlesier in Norddeutschland. Wer dort in den Todesanzeigen steht, hat es bis weit über 80 geschafft, die lebenden Leser sind ebenso betagt.

Klassenfotos und Porträts reihen sich aneinander

Klassenfotos und Porträts reihen sich aneinander: Erinnerungen an eine Jugend in Schlesien.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Eine zähe Generation stemmt sich gegen das Vergessen. Giersch erzählt von Schlesiertreffen – Zehntausende kamen in die Dortmunder Westfalenhalle – und erinnert sich hauptsächlich an die Absurdität dieser Heimwehmessen. “Abgehalfterte CDU-Politiker, die Schlesien vielleicht mal gesehen hatten, erzählten uns etwas vom Recht auf Heimat“, meint er abfällig. Es war eine Zeitkapsel: Die Bekannten aus Wüstegiersdorf begrüßten seinen Vater als “Herr Fabrikdirektor“, obwohl die Fabrik längst nicht mehr existierte.

Und doch: Jahr für Jahr, bis ins hohe Alter, fuhr Giersch nach Gluszyca. Wahrscheinlich geht es seiner Generation gar nicht so sehr um die verlorenen Häuser. Schlesien ist ihre Jugend, die wie bei jedem Menschen stärker ins Gedächtnis eingebrannt ist als alles, was danach kommt. Vielleicht sind Giersch und viele andere deswegen immer wieder in ihre alte Heimat gefahren, um unter die neuen Schichten zu schauen, die das polnische Schlesien über ihre Jugendjahre gelegt hat.

Ohne ihre Erinnerungen werden die Hügel und Städte bleiben, die Spuren des Krieges, die alten Schlösser und Kirchen. Aber niemand wird mehr wissen, wie in der Rumpelbaude getanzt wurde und wie der Sommer mit Tosca Gundula war.

Von Wruken und Dickköpfen

„Na, Elichen, wollen wir nicht doch noch mal fahren? Wäre vielleicht schön, in der Heimat zu sterben“, sagte sie. Elimar Labusch streift mit den Fingerspitzen über ein vergilbtes Foto seiner Mutter. Elichen nannte sie ihn immer zärtlich. Kurz vor ihrem Tod hatte es sie noch einmal überkommen, dieses Heimweh nach den Wäldern und den Tieren, nach dem See, an dem ihr Haus stand, nach Masuren – nach ihrem Ostpreußen.

“Wie kann man diese Heimat verlieren, ohne dass einem das Herz bricht?“, schrieb der Hamburger Ralph Giordano in seiner Hommage “Ostpreußen ade“. Es war eine Liebes- und Abschiedserklärung an ein “melancholisches Land“, Sehnsuchtsort früher Kindertage, das er nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bereiste.

Lange vor Giordano hatte Siegfried Lenz Ostpreußen im Roman “Heimatmuseum“ ein literarisches Denkmal gesetzt. Wie Elimar Labusch stammte Lenz aus der masurischen Kreisstadt Lyck, die heute Elk heißt. Beide mussten wie Millionen anderer Leidensgenossen im bitterkalten Januar 1945 Richtung Westen fliehen, als die Rote Armee immer näher rückte.

Der Ostpreuße

Der Ostpreuße: Elimar Labusch stammt aus Lyck, heute Elk, der Heimatstadt des Schriftstellers Siegfried Lenz.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

“Bei 20 Grad Frost und Schneetreiben verließen wir unsere Wohnung, Adolf-Hitler-Platz Nr. 8, und begaben uns auf die Flucht“, notierte Elimars Vater mit einem Bleistift auf der ersten Seite seines Fluchttagebuches. Sein Sohn hütet die Kladde bis heute wie einen Schatz. Sie ist eines der wenigen Relikte, das der damals Zehnjährige aus seinem Leben in einer versunkenen Welt retten konnte.

Was wird bleiben von Ostpreußen, wenn in nicht allzu ferner Zeit auch der letzte Zeitzeuge aus unserer Mitte verschwunden sein wird? Wenn die Sprachkraft dieses Dialekts verklingt, mit seinem sanft gerollten “R“, dem weichen “J“ anstelle des harten “G“, dieser Mischung aus melodiösem Singsang, zärtlichen Verkleinerungen und herrlich knorrigen Worten wie dreibastig (frech), jachrig (vergnügt) oder drugglig (klein), angereichert mit Wortbildungen der eingewanderten Flamen, Holländer, Salzburger, Litauer, Masuren, Polen und Franzosen? Wird mehr bleiben als ein paar zwischen Buchdeckel gepresste Zeilen? Wird es noch einer erkennen, dass jemand Wurzeln in der einstmals östlichsten deutschen Provinz haben muss, weil sein Nachname Maxwitat, Simoneit oder Labusch lautet?

Elimar erinnert sich an jedes Detail seines letzten Tages in Masuren. Ein gusseiserner Topf mit Wruken-Eintopf stand auf dem Tisch im Wohnzimmer. Wieder so ein Wort: Wruken. Elimars Vater, Finanzbeamter in Rastenburg und passionierter Jäger, hatte kurz vor dem Aufbruch ein Wildschwein geschossen. Zusammen mit den Wruken, außerhalb Ostpreußens als Steckrüben bekannt, bildete dieses Fleisch die letzte Mahlzeit im vertrauten Heim. “Meine Mutter ließ den Topf mit dem restlichen Essen auf dem Tisch. Sie dachte wohl, wir kommen bald wieder zurück“, sagt Elimar. Doch seine Mutter sollte nie mehr zurückkehren.

Königsberger Klopse, Tilsiter und Sauerampfer

Auch nach mehr als 70 Jahren ist dem jetzt 82-Jährigen alles präsent. Er kann Ostpreußen riechen, hören und schmecken. Ostpreußen ist Königsberger Klopse, Tilsiter Käse, Suppe aus Sauerampfer oder Roter Bete, die eine warm, die andere kalt serviert. Wenn seine Mutter Streuselkuchen vorbereitete, legte sie den Hefeteig zum Aufgehen unter die Bettdecke.

Ostpreußen, das sind dunkle Wälder und tiefblaue Seen. Sein Vater lehrte ihn das Fischen am Lycker See, der dort begann, wo ihr Garten aufhörte. Lachfreudige Leute lebten da, verlässliche Nachbarn, immer bereit zu feiern. Weihnachten dauerte länger als anderswo. “Drittfeiertag“ nannten sie es, wenn sie mit Freunden und Verwandten das Beisammensein verlängerten, weil es draußen “stiemte“ (schneite) und auf den hart gefrorenen Feldern nichts zu tun war.

Elimar beschreibt seine Landsleute als urig, sensibel und dickköpfig. Bat man sie um einen Gefallen, überlegten sie erst, was für sie herausspringen könnte. Ein wenig wundersam und abergläubisch waren sie. Man hörte auf “die innere Stimme“. Elimar erinnert sich: “Mein Vater trug immer die Schuppe eines Karpfens im Portemonnaie. Sie sollte dafür sorgen, dass das Geld nicht ausgeht.“

Erinnerungsfotos an Elimar Labuschs Kindheit in Ostpreußen

Erinnerungsfotos an Elimar Labuschs Kindheit in Ostpreußen.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Als Elimars Familie am 28. März 1945, nach 59 Tagen, im niedersächsischen Lüchow ankam, brachte sie kaum mehr mit als ihre Marotten, ihren Dialekt, Heimweh und zwei Schätze. Elimar zeigt seinen silbernen Taufbecher, der die Odyssee überstanden hat. Patentante Tuta hatte ihm den Becher am 11. März 1934 geschenkt. Auf der Flucht war er als unzerbrechliches Trinkgefäß Gold wert. Überlebt hat auch ein Silberlöffel, den er mit einem Beutel Zucker am Gürtel trug, Wegzehrung, wenn der Hunger zu groß wurde.

Zur Erinnerung gehört auch: Einfach war der Anfang im Westen nicht. Die Vertriebenen galten als sozial minderwertig. Manch einer schämte sich seiner Herkunft und bemühte sich, schnellstens unauffällig zu werden, Arbeit zu finden, ein Haus zu bauen. Vieles von dem, was der Anpassung zum Opfer fiel, kann nicht mehr bewahrt werden.

Elimar Labusch wohnt inzwischen in Lüneburg. Der Bungalow ist voll mit Bildern seiner alten Heimat. An der Wand hängen Landkarten Ostpreußens. Seine 19-jährige Enkelin ist zum Essen gekommen. Es gibt Wruken-Eintopf – mit Wildschwein.

Von Jan Sternberg und Jörg Köpke

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