Startseite OZ
Volltextsuche über das Angebot:

Auf der Flucht

Rettung für Afrikas Nashörner Auf der Flucht

In Südafrika schlachtet die internationale Wilderei-Mafia Nashörner ab, ihr Horn ist in Asien ein Vermögen wert. 100 Tiere sollen deshalb ins sichere Botswana umgesiedelt werden. Die ersten Tiere sind schon da.

Voriger Artikel
Freie Fahrt für kleine Sünden
Nächster Artikel
Hofft mal wieder!

Eine Spezies auf der Flucht: Südafrika hat noch die größte Nashorn-Population auf dem afrikanischen Kontinent. Wilderer aber bedrohen sie. Schutz finden die Tiere in Botswana.

Quelle: iStock

Ranger Otsile schaut skeptisch drein: "So einfach wird das nicht, die Nashörner zu finden." Ein Flug mit mehreren Zwischenstopps aus der Provinzstadt Kasane im Nordosten Botswanas liegt hinter uns. Auf einer buckeligen Sandpiste hat uns ein Buschpilot mit seiner Cessna mitten im Okavango-Delta abgesetzt, in einer der artenreichsten Gegenden Afrikas.

Löwen, Elefanten, Büffel und Leoparden sind in diesem Unesco-Welterbe reichlich im Angebot. Wir aber suchen nach Nashörnern, die die "Big Five", die fünf großen der afrikanischen Tierwelt, komplettieren. Mit ihnen verbindet sich eine ganz besondere Geschichte. Sie handelt von einer spektakulären Rettungsaktion über Staatsgrenzen hinweg.

Rettung über Staatsgrenzen hinweg

Im offenen Landcruiser hoppeln wir durch den auch jetzt, am Ende der Trockenzeit, grünen Busch. Wenn sich die Wassermassen aus dem Hochland des benachbarten Angolas hier ergießen, kommt man mit dem Auto kaum mehr voran. Über 20 000 Quadratkilometer breitet sich dann das Überschwemmungsgebiet aus. Momentan aber sind die wenigen verbliebenen Sumpfabschnitte mit Vierradantrieb und einem kundigen Fahrer wie Otsile kein Problem. Neben ihm sitzt Fährtenleser Eric.

"Um diese Tageszeit verstecken sich die Nashörner gerne im Schatten der großen Bäume", sagt Otsile. Er lässt seinen Blick nicht nur in die Ferne schweifen, immer wieder schaut er prüfend auf den Boden neben dem Wagen. Dann bremst er abrupt: Einen enormen Fußabdruck hat er im Sand entdeckt, drei Zehen weisen nach vorn. Kein Zweifel: Hier ist ein Nashorn entlanggestampft.

"Lust auf eine Pirschfahrt?", fragt Otsile. Fährtensucher Eric ist bereits ausgestiegen und hat auf einem Sitz vorne auf der Kühlerhaube Platz genommen. Wir biegen von der sowieso kaum sichtbaren Fahrspur ab. Mit geübten Augen verfolgt Eric die Nashornfährte, dirigiert uns über Stock und Stein, unbeeindruckt von Elefanten, Straußenvögeln und Impalas links und rechts.

Noch gibt es 18 000 Breitmaul- und knapp 2000 Spitzmaulnashörner in Südafrika.

Noch gibt es 18 000 Breitmaul- und knapp 2000 Spitzmaulnashörner in Südafrika.

Quelle: andBeyond

Vor wenigen Jahren noch wäre diese Suchfahrt nicht möglich gewesen. Es gab keine Nashörner im Okavango-Delta mehr. Sie waren ausgerottet. Auch überall sonst auf diesem Planeten gehören die Dickhäuter zu den gefährdeten Arten. Die mit Abstand größten Bestände sind in Südafrika zu finden, 18 000 Breitmaul- und knapp 2000 Spitzmaulnashörner. Jedenfalls noch.

Anfang dieses Jahrtausends schienen sich die Populationen wieder zu erholen, besonders das zwischenzeitlich bis auf wenige Exemplare verschwundene Breitmaulnashorn vermehrte sich prächtig. Dann kam die Wilderermafia mit Schnellfeuerwaffen und Nachtsichtgeräten.

Am liebsten erledigen die Wilderer ihr blutiges Handwerk in hellen Vollmondnächten. Das Horn eines Rhinozerosses lässt sich mit gezielten Messerschnitten entfernen und in jeder Tragetasche außer Landes schmuggeln. Innerhalb von Stunden sind die Wilderer schon wieder verschwunden

Wilderer im Krüger-Nationalpark

Mehr als 1200 Nashörner wurden allein 2015 in Südafrika niedergemäht, etwa drei pro Tag. Die Bilanz für 2016 dürfte ähnlich erschreckend ausfallen. "Gerade um die Weihnachtszeit schnellen die Zahlen noch einmal in die Höhe", sagt Katharina Trump, die für Afrika zuständige Anti-Wilderei-Referentin vom World Wide Fund for Nature (WWF). Die Wilderer setzen darauf, dass während der Feiertage weniger Schutzpersonal unterwegs ist.

Besonders im Krüger-Nationalpark schlagen sie zu. Es ist ein Kinderspiel, über die nahe Grenze nach Mosambik zu entkommen. Leute, die etwas davon verstehen, sprechen von einem "Krieg ums Horn".
Denn der Grund für das Abschlachten der Kolosse ist das Horn. Es besteht aus Keratin – nicht etwa aus Elfenbein wie bei den Stoßzähnen von Elefanten. Auch Fingernägel oder Haare sind aus Keratin. Trotzdem: "Die Nachfrage in Asien ist explodiert, vor allem in Vietnam und auch in China", sagt Trump.

In gut betuchten Kreisen in Fernost gilt das Horn des Rhinozerosses als Wundermittel. Es soll gegen Epilepsie und Malaria helfen, gegen Abszesse und Vergiftungen, Fieber und Kopfschmerzen. Neuerdings kursiert das Gerücht, Krebszellen seien mit Horn zu bekämpfen. Wissenschaftlich ist das alles Humbug. Man könnte genauso an seinen eigenen Fußnägeln knabbern. Dennoch wird der Keratinstumpf Geschäftspartnern gerne als besondere Gabe überreicht oder als Pulver bei Schickimickipartys in Drinks gemixt.

Mit verbundenen Augen geht’s auf die Reise: Die Umsiedlung der Nashörner erfordert großen logistischen Aufwand.

Mit verbundenen Augen geht's auf die Reise: Die Umsiedlung der Nashörner erfordert großen logistischen Aufwand.

Quelle: andBeyond

Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen, das sowohl Vietnam als auch China unterschrieben haben, hilft nur wenig. Aberglauben und Gier sind größer: Rhinozeros-Horn ist heute teurer als Gold oder Kokain. Mit einem Kilogramm lassen sich in Vietnam 65 000 US-Dollar und mehr verdienen. Auch in europäischen Museen kam es in den vergangenen Jahren zu Horndiebstählen, Safariparks haben den Schutz ihrer schwergewichtigen Bewohner verstärkt.

In privaten südafrikanischen Reservaten laufen inzwischen verzweifelte Rettungsbemühungen: Die Betreiber betäuben die Tiere und schneiden ihnen das Horn ab. So sollen die Nashörner aus der Schusslinie genommen werden. Anderswo wird damit experimentiert, das Horn durch Injektionen mit Parasiten oder durch dauerhafte Färbung wertlos zu machen.

Die Spur der Schmuggler lässt sich verfolgen. Nach Angaben des WWF taucht das Horn schon 48 Stunden nach dem oft quälenden Tod der Tiere auf dem Schwarzmarkt in Hanoi auf. Sogar Angehörige der vietnamesischen Botschaft in Südafrika sind nach Angaben des WWF beim Schmuggeln erwischt worden.

Die Reviere werden geheimgehalten

Der übliche Transportweg führt über das bettelarme Mosambik, in dem Nashörner bereits ausgerottet sind. Im von Bürgerkriegen erschütterten Subsaharaafrika bieten sich ideale Bedingungen für die Jagd auf Elefanten und Nashörner. Nicht selten wird mit dem Gewinn der Nachschub von Waffen finanziert.

Inzwischen nähert sich die Wildereirate gefährlich der Geburtenrate der Nashörner an. Deshalb ist die Initiative "Rhinos without Borders" gegründet worden, und deshalb sitzt Fährtensucher Eric nun auf dem Kühler und verfolgt Nashornspuren im Okavango-Delta.

Der Plan: 100 Tiere sollen nach Botswana umgesiedelt werden. Die ersten 26 sind schon da, verteilt auf verschiedene Orte im schwer zugänglichen Delta. Die Nashornreviere sind nur wenigen Eingeweihten bekannt. Auch die Recherchen für diesen Artikel waren mit der Bitte verbunden, die Aufenthaltsorte der Tiere im Ungefähren zu belassen.

Unter Narkose umgesiedelt

Ranger Otsile war dabei, als die ersten sechs Nashörner aus Südafrika vor vier Jahren eintrafen: "Sie waren auf Lastwagen verfrachtet und narkotisiert worden, die mehrtägige Reise aus Südafrika bedeutete enormen Stress." Bei späteren Transporten flogen die Nashörner in einer umgebauten Militärmaschine den größeren Teil der Strecke bis in die Touristenstadt Maun, Ausgangspunkt für Safaris ins Delta.

"Einige Wochen haben wir die Nashörner in einem Gehege gehalten, damit sie sich an ihre neue Umgebung gewöhnen", sagt Otsile. Das Gelände, eine bessere Kuhweide mit Bäumen drin und Maschendraht drum herum, lässt sich noch in Augenschein nehmen. Dann wurden die Nashörner wieder in die Freiheit entlassen – manche versehen mit einem ins Horn implantierten Sender, um sie besser überwachen zu können. Ein Monitoringteam in Maun ist dabei, eine DNA-Datenbank aufzubauen.

Projektleiter Les Carlisle, bei andBeyond für den Naturschutz und Tiertransporte zuständig, mit einem der Nashörner während der Überführung.

Projektleiter Les Carlisle, bei andBeyond für den Naturschutz und Tiertransporte zuständig, mit einem der Nashörner während der Überführung.

Quelle: andBeyond

Hinter "Rhinos without Borders" stehen Safaribetreiber, die sich dem afrikanischen Lebensraum in besonderem Maße verbunden fühlen – und natürlich auch ihren Kunden schwergewichtige Attraktionen bieten wollen. Die erste Nashorntranche hatte der Reiseveranstalter andBeyond aus seinem privaten Reservat in Südafrika spendiert.

Das Unternehmen ist eine treibende Kraft bei der Nashorn-Initiative, es unterhält mehrere exklusive Lodges im Delta. Mit Great Plains Conservation ist eine weitere Firma dabei, die sich dem nachhaltigen Tourismus verschrieben hat. Es gibt noch Projekte anderer Privatunternehmen, "Rhinos without Borders" gehört zu den ambitioniertesten.

"Botswanas Präsident schaute persönlich vorbei, um die sechs neuen Bewohner zu begrüßen", sagt Projektleiter Les Carlisle, der bei andBeyond für den Naturschutz zuständig ist und schon auf mehreren Kontinenten Giraffen, Wildrinder oder anderes Getier hin- und hertransportiert hat. Nach dem Anfangserfolg war dem Südafrikaner klar: "Diese Geschichte muss in größerem Maßstab weitergehen." Die Umsiedlung eines jeden Nashorns kostet 45 000 US-Dollar, insgesamt sind also 4,5 Millionen nötig. Bislang hat Carlisle 2 Millionen Dollar aufgetrieben.

"Der politische Wille ist enorm"

"Dass Privatunternehmen so konstruktiv mit einer Regierung zusammenarbeiten, habe ich in meinen 35 Jahren Berufserfahrung noch nicht erlebt", sagt Carlisle. Korruption wie in Südafrika kenne Botswana nicht. "Der politische Wille, das Überleben des Nashorns zu sichern, ist enorm."

Cecil Riggs kann das bestätigen. Der hagere 73-Jährige mit sonnenfaltiger Haut und sonorer Stimme sieht aus, als sei er soeben einer Hemingway-Geschichte entstiegen. Tatsächlich war Riggs einst als Großwildjäger in halb Afrika unterwegs und verhalf seinen Kunden zu Büffel- und Elefantentrophäen. Bis er die Seiten wechselte: Heute arbeitet Riggs' private Anti-Wilderei-Einheit für andBeyond und hat ihr Hauptquartier in einem Zeltcamp im Delta aufgeschlagen. Hier kann man auf knarzenden Korbstühlen sitzen und Nilpferde im Fluss beobachten.

Für Patrouillen hat Riggs nur ein Dutzend Leute zur Verfügung, aber sein Team ist nicht allein: "Wir bekommen Verstärkung von Soldaten der Botswana Defence Force", sagt er. Deren Auftrag beim Kontakt mit Wilderern, die mit AK-47-Gewehren durch den Busch ziehen, ist klar: zuerst schießen.

"Wir werden den Kampf gewinnen": Cecil Riggs, Chef der Anti-Wilderei-Einheit, schützt die Nashörner im Delta.

"Wir werden den Kampf gewinnen": Cecil Riggs, Chef der Anti-Wilderei-Einheit, schützt die Nashörner im Delta.

Quelle: Matthias van der Sande

"Pro Jahr verliere ich vier oder fünf Elefanten durch Wilderei, lächerlich wenig im Vergleich zu den Horrorzahlen aus anderen afrikanischen Ländern", sagt Riggs. "Kein einziges unserer Nashörner ist bislang getötet worden." Die einzigen Abgänge: Zwei Bullen starben bei Revierkämpfen. So etwas komme in der Natur immer wieder vor.

Aber wird es auch so ruhig bleiben? "Sie werden kommen", sagt Riggs. Viel zu schnell habe sich das Umsiedlungsprojekt in botswanischen Bars herumgesprochen. Auch eine 15-jährge Gefängnisstrafe, wie sie beim Töten eines Elefanten in Botswana droht, werde die Wilderer nicht abhalten. "Am Ende aber werden wir den Kampf gewinnen", sagt Riggs und scannt mit Blicken die nächste Baumreihe, als hätte er da eben schon eine verdächtige Bewegung bemerkt.

Les Carlisle ist nicht so optimistisch. "Wenn das Abschlachten so fortschreitet, wird es in 50 Jahren keine Rhinozerosse mehr geben", sagt der Experte. Neue Schutzstrategien müssten aufgebaut werden. Nötig seien nicht nur gut ausgebildete Ranger, das Austrocknen von Schmuggelrouten und das Ausheben von Zwischenhändlern. Wichtig sei vor allem eines: "Wir werden nur erfolgreich sein, wenn es uns gelingt zu erklären, dass ein lebendes Nashorn wertvoller ist als ein totes."

Aufklärungskampagnen in Fernost

Das müssten die lokalen Wilderer begreifen, die oft in wirtschaftlicher Not leben und sich deshalb als Handlanger andienen, aber auch die Abnehmer in Vietnam. Bei denen habe sich noch gar nicht herumgesprochen, dass Tiere für ihr Gesundheitspülverchen sterben müssen. "Manche Konsumenten denken, dass das Horn abgeworfen wird wie das Geweih eines Rentiers", so Carlisle. Tatsächlich wächst das Horn wieder nach, aber das dauert.

Aufklärungskampagnen in Fernost laufen. Prominente wie Jackie Chan, Prinz William oder David Beckham werben in Internetspots für den Verzicht aufs Horn. Sie wollen die jüngere Generation erreichen, wenn schon die Eltern unbelehrbar sind. "Erst wenn das Kaufen aufhört, hört auch das Töten auf", lautet ihre Botschaft. Den Handel zu legalisieren, um die Wilderei auszutrocknen, scheint keine Option: Dann würde die Nachfrage nur noch mehr angeheizt werden, sagt WWF-Referentin Trump. "Der Handel wird unkontrollierbar."

Nachwuchs im Okavango-Delta: Ein Nashornkalb trinkt bei seiner Mutter – vier Jungtiere sind dort bislang geboren.

Nachwuchs im Okavango-Delta: Ein Nashornkalb trinkt bei seiner Mutter – vier Jungtiere sind dort bislang geboren.

Quelle: Matthias van der Sande

Die nächste Lieferung Nashörner von Südafrika nach Botswana ist schon für den April gebucht. Dann  werden 41 Tiere durch den Busch trampeln, darunter auch Spitzmaulnashörner. Ein paar Rhinozerosse sind aber schon jetzt im Okavango Delta heimisch geworden. Man muss sie nur finden.

Fährtenleser Eric ist der richtige Mann für diesen Job: Plötzlich stehen eine Nashornkuh und ihr Kalb ein paar Meter vor uns, als seien sie  eben aus dem Boden gewachsen. Unbeeindruckt mampft die massige Mutter Gras, das Kleine äugt neugierig herüber. Scheu vor dem Geländewagen zeigen beide nicht. Dann legt sich das Kalb an die Seite der Mutter, klappt irgendwie sein Minihorn beiseite und beginnt, an Mamas Zitzen zu saugen.

Kaum vorstellbar, dass das größte Landsäugetier nach dem Elefanten bald von der Erde verschwunden sein könnte. Noch besteht Hoffnung: Vier Neuzugänge aus Südafrika vermelden Nachwuchs im Okavango-Delta.

Mehr über das Projekt:
www.andbeyond.com
www.rhinoswithoutborders.com

Naturschutz ist eine Frage des Geldes

Kurz vor dem Jahreswechsel saßen Regierungsvertreter, Umweltschützer und Wissenschaftler im mexikanischen Badeort Cancún zusammen und zerbrachen sich die Köpfe darüber, wie das weltweite Artensterben gestoppt werden kann. Bis zur letzten Minute haben die Delegierten bei der UN-Artenschutzkonferenz um Formulierungen, konkrete Verpflichtungen und finanzielle Zusagen gestritten.

Die Zahlen sind alarmierend: Jedes Jahr verschwinden mehrere Tausend Tier- und Pflanzenarten. Neben dem natürlichen Verlust von Spezies sind dafür der Klimawandel, Umweltzerstörungen sowie industrielle Landwirtschaft und Fischerei verantwortlich. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) führt derzeit auf ihrer Roten Liste 24 307 vom Aussterben bedrohte Arten. "Viele Arten verschwinden, bevor sie überhaupt beschrieben worden sind", sagte IUCN-Generaldirektorin Inger Andersen in Cancún.

Inger Andersen, Chefin der Weltnaturschutzunion.

"Viele Arten verschwinden, bevor sie überhaupt beschrieben worden sind": Inger Andersen, Chefin der Weltnaturschutzunion.

Quelle: afp

Die Tage von Elefanten, Giraffen, Pandas und Tigern beispielsweise könnten bald gezählt sein. Weniger spektakulär, aber vielleicht noch wichtiger: Auch die für Ökosysteme essenziellen Bienen könnten verschwinden. Ein Großkonflikt zwischen Artenschutz und industrieller Landwirtschaft zeichnet sich ab.

"Die Bestäubung ist unverzichtbar für das Funktionieren von Ökosystemen und zur Produktion von Lebensmitteln in allen Erdteilen", sagt Günter Mitlacher vom World Wide Fund for Nature. In Mexiko sei deshalb eine "Koalition der Willigen für Bestäuber" gegründet worden. Die Gruppe, der auch Deutschland angehört, will Bienen und andere Insekten besser schützen und nach Alternativen zu herkömmlichen Pestiziden suchen.   

Harte Konfliktlinien verlaufen vor allem zwischen Naturschutz und Landwirtschaft. "Die Agrarkonzerne machen massiven Druck, weil sie keine Einschränkungen beispielsweise beim Einsatz von Pestiziden oder der Gentechnik hinnehmen wollen", sagt Konstantin Kreiser vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). "Da geht es um viel Geld." Vor allem Agrarnationen wie Brasilien und Argentinien treten nach Einschätzungen vieler Experten auf die Bremse.  

Es geht zu langsam voran

Bis 2020 wollen die Mitgliedsstaaten 17 Prozent der Land- und 10 Prozent der Meeresflächen unter Schutz stellen. Davon ist man allerdings noch weit entfernt. "Wir werden die Ziele wahrscheinlich verfehlen", sagt Nabu-Experte Kreiser. Vor allem der Schutz der Meeresgebiete ist schwer durchzusetzen, weil dort Territorialinteressen der Staaten betroffen sind. Es gibt zwar durchaus Fortschritte – jüngst lieferte Präsident Barack Obama mit der Ausweisung von Schutzgebieten in der Arktis Schlagzeilen –, aber es geht zu langsam voran.  

Nach der Erklärung von Cancún soll der Naturschutz künftig stärker im Regierungshandeln verankert werden. "Artenschutz muss Chefsache werden", sagt Nabu-Experte Kreiser. Nur dann würden alle an einem Strang ziehen. Während die Umweltministerien der meisten Länder bei dem Thema bereits erfreulich aktiv seien, herrsche in den mindestens ebenso wichtigen Ressorts Landwirtschaft, Tourismus, Verkehr, Bauen und Wohnen oft Gleichgültigkeit gegenüber diesem Überlebensthema.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Top-Thema
MV-jobs.de

Die Jobsuchmaschine MV-jobs.de bietet über 19.000 Stellenangebote und Jobs in und um die Hansestadt Rostock. Ob Ausbildung, Arbeitsplätze für Fachkräfte, Quereinsteiger oder Führungsposition - der MV-Jobmarkt bietet Stellenanzeigen für alle Qualifikationen. mehr