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Top-Thema Der Kommissar der kalten Akten
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20:10 08.12.2017
“Es geht darum, neue Ideen zu entwickeln, unvoreingenommen zu sein“: Der Hamburger Kommissar Steven Baack holt die ungelösten Fälle seiner Vorgänger aus dem Archiv. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hamburg

Man kann nur versuchen, sich in den Mann hineinzuversetzen, den Kriminalhauptkommissar Steven Baack an diesem Tag im September anruft. Der Mann selbst will mit niemandem reden. Zu sehr ist er noch damit beschäftigt zu begreifen, was passiert ist. Seine Welt neu zu ordnen. 36 Jahre lang stand dieser Mann unter Verdacht. 36 Jahre galt er vielen als der Mann, der seine Frau getötet hat.

Auch wenn er niemals angeklagt wurde, war die Vermutung mächtig. Eingesperrt wurde der Mann nie. Ein Gefangener war er dennoch. Bis zu diesem Anruf. “Wir wissen jetzt, dass Sie es nicht waren“, sagt Steven Baack zu ihm. “Wir haben den Mörder gefunden.“ Nach 36 Jahren. “Der Mann war zunächst still“, sagt Baack. “Dann hat er geweint.“

Wenn Steven Baack erklären will, was ihn an seiner Arbeit reizt und warum sie wichtig ist, dann erzählt er von Begegnungen wie dieser. Es mag ja sein, soll das heißen, dass die Taten, die er aufklären will, Jahre, meist sogar Jahrzehnte zurückliegen. Aber es heißt nicht, dass sie vergessen sind. “Es heißt nur, dass sie Menschen seit Langem beschäftigen.“ Mord verjährt nicht. Weder nach dem Gesetz noch im Gedächtnis der Menschen.

“Zeit kann Spuren auch wieder freilegen“

Der 37-jährige Steven Baack hat einen für deutsche Polizisten noch immer sehr ungewöhnlichen Job. Er ist Spezialist für Cold Cases, für Mord- und Vermisstenfälle, die die Polizei eigentlich schon zu den Akten gelegt hat. Baack leitet die Ermittlungsgruppe 163 des Hamburger Landeskriminalamts (LKA), ein vierköpfiges Team, das sich mit nichts anderem beschäftigt als solchen lange zurückliegenden, ungeklärten Fällen. Für normale Ermittler ist die Zeit ein Gegner. Je länger eine Tat vergangen ist, desto mehr Spuren verblassen. Steven Baack hat, notgedrungen, einen anderen Blick auf die Zeit. “Zeit“, sagt er, “kann Spuren auch wieder freilegen.“ Das ist seine Hoffnung.

“Ich gehe dann mal wieder hoch“, sagt Beata Sienknecht, als sie sich am Abend des 13. Oktober 1981 von ihrer Freundin verabschiedet. Sie trägt nur einen Slip und ein helles T-Shirt, mehr nicht, aber sie muss ja auch nur durchs Treppenhaus. Die Mutter dreier Kinder war vor ihrem Mann aus der Wohnung im dritten Stock des Hauses im Schreyerring 33 in Hamburg-Steilshoop geflüchtet. Es hatte mal wieder Streit gegeben, auch Schläge. Beata Sienknecht ist Friseurin von Beruf. Auf dem Foto in ihrem Ausweis trägt sie die dunklen Haare schulterlang, Perlenkette, schwarzer Pullover, eine gut aussehende Frau. Sie ist 36, aber die meisten schätzen sie jünger.

Die Auseinandersetzungen gehörten in letzter Zeit in der Ehe von Beata Sienknecht zum Alltag. Ihre Freundin, die im Erdgeschoss desselben Hauses wohnt, warnt sie noch. “Du kannst doch jetzt nicht einfach wieder hingehen, bleib hier.“ Aber Beata Sienknecht hört nicht auf sie. Gegen halb zehn verlässt sie die Wohnung der Freundin, geht hinaus ins Treppenhaus. Es ist das letzte Mal, dass die Freundin Beata Sienknecht sieht.

Das letzte Bild: Der Mord an Beata Sienknecht konnte erst nach mehr als dreißig Jahren aufgeklärt werden. Quelle: Polizei Hamburg

Bei kaum einem anderen Verbrechen ist die Polizei so erfolgreich wie bei Mord. Gemäß der Kriminalstatistik konnte sie im vergangenen Jahr 93,2 Prozent aller Fälle aufklären. Und das ist einer der niedrigsten Werte der letzten Jahre, 2008 waren es sogar 97,6 Prozent. Die meisten Täter kennen ihre Opfer, sie haben irgendeine Beziehung zueinander, das gibt der Polizei Ansätze für ihre Arbeit.

Meist wird der Täter binnen weniger Tage gefunden. Schwierig wird es immer dann, wenn es diese Beziehung nicht gab. Oder wenn einfach ein letzter, entscheidender Beweis fehlt. Oder die Ermittler einen Fehler machen, auch das gibt es. Zehn bis 20 Morde aber bleiben in Deutschland jedes Jahr unaufgeklärt. Das ist der Stoff für Baack und sein Team.

Eine Lobby für Vermisste und Getötete

Steven Baack erfüllt nicht das Klischee des alternden Kommissars, den der eine ungeklärte Fall nie mehr loslässt, der wie ein Getriebener dem Verdächtigen nachjagt, den er nie hat überführen können, aber von dessen Schuld er überzeugt ist. Die Ärmel seines Hemdes hat er hochgekrempelt, er wirkt sportlich, trainiert, eher dynamisch denn grüblerisch.

Dass er zuvor nicht bei der Mordkommission war, sondern Gruppenführer eines Sondereinsatzkommandos, war bei der Gründung der Cold-Cases-Einheit vor einem Jahr ein Pluspunkt. Keiner aus dem Team hatte vorher mit Morden zu tun. Das war Teil des Plans. “Es geht um den unverstellten Blick auf die Fälle. Darum, neue Ideen zu entwickeln, unvoreingenommen zu sein.“

Mit der Einheit folgt die Hamburger Polizei einem Trend. In den USA gibt es solche Abteilungen schon länger, auch in Deutschland werden sie allmählich häufiger. In Hamburg hat sie LKA-Chef Frank-Martin Heise im Herbst 2016 gegründet, um zu zeigen, “dass Getötete, Vermisste und deren Angehörige in Hamburg eine Lobby haben“. Kiel hat seit Ende 2015 eine ähnliche Einheit, ebenso Frankfurt. Die Idee ist, dass es auch für diese alten Fälle Spezialisten braucht, dass es Erfolg versprechender ist, als wenn sich überlastete Mordkommissionen ihrer periodisch wieder annehmen.

Steven Baack (l.) und Maximilian Wnuck (r.) in einem ihrer Archivräume im Polizeipräsidium Hamburg wo die Akten zu den ungelösten Fällen der letzten Jahrzehnte lagern. Quelle: Tim Schaarschmidt

Für Steven Baack schließt sich damit ein Kreis. Auch sein Vater war bei der Polizei, viele Jahre als leitender Mordermittler. Es kommt vor, dass Steven Baack in alten Akten seiner Unterschrift begegnet. Dass er Fälle auf den Tisch bekommt, die sein Vater einst nicht lösen konnte. Dann muss er die Arbeit vollenden, die der Vater begann. Mordermittlung als Familiensache.

Beata Sienknecht kommt am Abend des 13. Oktober 1981 nie in ihrer Wohnung im dritten Stock an. Jedenfalls sagt das ihr Mann später aus. Fünf Tage wartet er ab. Dann geht er zur Polizei und meldet seine Frau als vermisst. Die Beamten beginnen zu ermitteln. Befragen Freunde, Nachbarn, Bekannte. Der einzige Verdächtige bleibt der Ehemann selbst. Es gab Streitereien, Gewalt, er hätte ein Motiv. Eine Leiche aber wird nie gefunden, auch keine Tatwaffe, keine Spuren. Es gibt andererseits aber auch nie wieder ein Lebenszeichen von ihr. Beata Sienknecht bleibt verschwunden, bis heute.

“Es gibt keine leichten Fälle mehr“, sagt Steven Baack. Leicht waren die Fälle, in denen die Ermittler alte Beweisstücke aus der Asservatenkammer holen konnten, einen alten Pullover des Opfers, ein Messer, mit dem gemordet wurde, um diese mit neuen technischen Methoden zu untersuchen. “Dank DNA-Spuren: Mord nach 25 Jahren aufgeklärt“: Solche Schlagzeilen gibt es dann. Doch dies sind nicht die Fälle von Steven Baack. Weil die Asservate längst vernichtet sind. Oder weil es keine Spuren daran gibt. Seine Fälle sind die schwierigen.

Ermittlung ohne Handydaten und Internetprotokolle

Auch die Cold-Cases-Ermittler arbeiten mit der Kriminaltechnik zusammen. Lassen analysieren, was da noch zu analysieren ist. Doch meistens hilft ihnen das nicht. Baack und seine Kollegen können sich nicht auf Technik verlassen. Sie müssen Ideen haben. In seinem Büro, Raum 127 im Polizeipräsidium im Hamburger Norden, verschwindet der Schreibtisch unter hohen Aktenbergen. “Das da“, sagt Baack und zeigt auf einen aufgeklappten Umzugskarton voller grauer Ordner, Tausende von Seiten, “ist ein einziger Fall.“

Vor der Wand steht eine gläserne Tafel, darauf ein Zeitstrahl, Fotos von Beata Sienknecht und anderen Männern und Frauen, Freunden und Bekannten des Opfers. Achtzigerjahrefrisuren, Schnurrbärte, verblasste Farben. Ein Personagramm, so nennen die Kriminalisten das. Eine Skizze, die alles darstellt, was man über eine Person weiß, wen sie wann getroffen hat. Ein Klassiker der Ermittlerarbeit. Als ließen sich die Fälle nur mit den Methoden ihrer Zeit lösen. Handydaten, Internetprotokolle, verräterische Dateien auf der Festplatte, für Baack ist das alles noch kein Thema. Er taucht ein in die Zeit seiner Opfer. Und in ihr Leben.

Neue Fragen: 1981 wurden Michael Riesterer (links) und Haluk Kocal ermordet. Quelle: Polizei Hamburg

Zum Beispiel in das von Michael Riesterer und Haluk Kocal, zwei Jungen aus Hamburg, acht und neun Jahre alt, als sie am 15. Juni 1981 verschwanden. Michael, der schmächtige, ängstliche, und Haluk, der kräftige, der Karate lernte und sich zu wehren wusste. Gemeinsam fuhren sie am Nachmittag mit ihren Rädern zum Spielen. Als sie gegen 19 Uhr noch nicht zurück waren, machten sich zunächst ihre Eltern auf die Suche nach ihnen. Später am Abend war ihr halber Stadtteil, halb Mümmelmannsberg, auf den Beinen. Was sie fanden, an einem Parkplatz am Rand der Boberger Dünen, nur ein paar Hundert Meter von ihrem Wohnhaus entfernt, waren die Räder der Jungen. Von ihnen selbst keine Spur.

Die Leichname der beiden wurden sechs Wochen später gefunden, am 29. Juli, zwölf Kilometer entfernt, in einem Naturschutzgebiet namens “Die Reit“. Haluk, das konnten die Ermittler noch feststellen, war mit seinem eigenen Gürtel erdrosselt worden. Michael war bereits zu stark verwest. Nach einer Zeugenaussage ermittelten die Beamten damals einen Verdächtigen. Für die Boulevardmedien stand er bereits als Täter fest. Dann, wegen streitender Gutachter, reichte es nicht mal für eine Anklage.

“Für mich müssen Personen daraus werden“

Steven Baack war damals gerade mal ein Jahr alt. Jetzt muss er sich diesem Fall wieder nähern. Muss Ideen entwickeln, was geschehen sein könnte. Vielleicht war es gar keine Absicht, die Jungen zu töten. Warum waren es zwei? Warum wirkt es so, als sei alles spontan geschehen, ungeplant? Warum hat der Täter sie dort abgelegt, an diesem Ort? Baack sammelt alles, was er über die Opfer erfahren kann, jedes Detail, er fährt zu dem Fundort, geht umher, sucht nach Antworten.

“Für mich müssen Personen daraus werden, ich muss sie begreifen, fast anfassen können. Versuchen, die Opfer durch die Augen des Täters zu sehen“, sagt Baack. Manchmal, fügt er hinzu, könne das auch schmerzhaft sein.

Als Steven Baack den Fall Sienknecht übernimmt, fährt er zu dem Haus am Schreyerring, in dem sie gewohnt hat, und stellt sich ins Treppenhaus. Er schaut auf die Stufen und stellt sich eine Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass auf diesen wenigen Metern etwas passiert, das sie davon abhält, nach oben in ihre Wohnung zu gelangen? Kann etwas dafür sprechen, dass sie an diesem Abend wirklich nicht oben bei ihrem Mann ankommt? “Ich konnte es mir im Grunde nicht vorstellen“, sagt Baack.

Halb vergessen, aber nicht verjährt: Im Archivraum des Polizeipräsidiums Hamburg reihen sich die Akten zu den ungelösten Fällen, vor allem Mordfällen, vergangener Jahrzehnte. Systematisch werden sie wieder aufgerollt. Quelle: Tim Schaarschmidt

In diesem Sommer, 36 Jahre nach dem Verschwinden, gehen er und seine Kollegen an die Öffentlichkeit. Sie veröffentlichen Fotos von Beata Sienknecht, fragen nach Zeugen. Es scheint, nach all der Zeit, fast aussichtslos, dass sich noch jemand an etwas Neues erinnert. Doch mit einer neuen Methode, einem neuen Weg, haben sie Erfolg. Sie veröffentlichen zwei Videos über Facebook – und nun meldet sich eine Frau. Sie selbst ist zu jung, um damals etwas gesehen zu haben. Aber sie führt die Ermittler zu einem Mann, der damals in dem Block wohnte.

Er habe, erklärt er Baack und seinen Kollegen nun, Beata Sienknecht an jenem Abend des 13. Oktober 1981 gegen 22 Uhr noch auf einer Bank vor dem Haus sitzen sehen. Die Beamten überprüfen die Perspektive, gleichen seine Angaben mit alten Bildern ab – und stellen fest, dass er von seinem Fenster aus tatsächlich die Bank sehen konnte. Es ist der erste Hinweis, dass Beata Sienknecht an jenem Abend doch noch aus dem Haus gegangen war. Dass sie nicht zu ihrem Mann zurückgekehrt war.

Was aber kann dann passiert sein? Eine weitere Nachbarin von damals erwähnt beiläufig, dass ja auch mal ein Mörder in dem Haus gewohnt habe. Klaus-Dieter H., ein Mann, der 1984 eine Familie auf grausame Art tötete. “Schlächter von Steilshoop“, so nannten ihn die Boulevardmedien danach. 1981 war H. den Ermittlern noch nicht aufgefallen. Aber er und Beata Sienknecht kannten sich, das rekonstruiert Baack jetzt. Es gab eine Verbindung.

Entlastung für die Mordkommission

Wann ist die Arbeit der Cold-Case-Ermittler erfolgreich? Wenn ein Täter nach langer, langer Zeit verurteilt wurde? Wenn ein Angehöriger Gewissheit hat? Oder wenn sie einen lange Verdächtigen entlasten können?

Der Sinn von Baacks Einheit ist es nicht, spektakulären amerikanischen Krimiserien nachzueifern. Sie soll, ähnlich wie ihre Kollegen in Kiel, die regulären Mordkommissionen entlasten. Sämtliche Akten, die die Staatsanwaltschaft zur Wiedervorlage schickt, landen nicht auf deren überfüllten Schreibtischen, sondern bei der Einheit Cold Cases. Welchen Fall sie übernehmen, entscheiden die Kriminalisten anhand eines Punktesystems. Punkte gibt es, wenn etwas darauf hindeutet, dass sich Täter und Opfer kannten. Wenn es noch Beweisstücke gibt. Oder wenn sich inzwischen ein Muster erkennen lässt, das damals noch niemand sehen konnte.

Es ist eine mühsame Arbeit. Langes Lesen. Wie viele Fälle seine Einheit in dem einen Jahr bearbeitet hat, sagt Baack nicht. Aber es gab Erfolge. Den ersten in einem Fall aus dem Jahr 1978, als eine 25-jährige Postangestellte getötet wurde. Der Hauptverdächtige, ein 44-Jähriger namens Walter A., wurde damals durch ein gerichtsmedizinisches Gutachten entlastet. Jetzt stellten die Techniker fest, dass das Gutachten falsch war – und Walter A. der Täter. Nur eine Verurteilung wird es nicht mehr geben: A. starb 1996.

Welchen Fall sie übernehmen, entscheiden die Kriminalisten anhand eines Punktesystems. Punkte gibt es etwa, wenn es noch Beweisstücke gibt, oder sich inzwischen ein Muster erkennen lässt, das damals noch niemand sehen konnte. Quelle: Tim Schaarschmidt

Und dann ist da der Fall Sienknecht, der zweite Erfolg. Als Steven Baack Klaus-Dieter H. mit dem Verdacht konfrontiert, dass er 1981 Beata Sienknecht getötet hat, wirkt dieser unbewegt, weder überrascht noch geschockt. Es dauert einige Stunden. Aber dann gesteht er. H. verrät auch, was er mit der Leiche gemacht hat. Baack verrät es jedoch nicht weiter. “Um die Angehörigen zu schonen“, wie er sagt. Nur so viel: “Es ist jedenfalls erklärlich, dass niemand sie gefunden hat.“

Verhaften musste Baack den Mörder nicht. H. sitzt wegen einer anderen Tat noch immer im Maßregelvollzug. Erledigt ist der Fall aber auch nicht. Jetzt geht es darum, ob es, wie Baack überzeugt ist, Mord war. Ob der Nachbar Beata Sienknecht also aus niederen Beweggründen, aus Mordlust etwa, getötet hat. Dann gäbe es einen neuen Prozess. Oder ob es Totschlag war. Dann wäre die Tat verjährt.

An neuen Fällen aber wird es Steven Baack ohnehin nicht mangeln. Manchmal sind es die Angehörigen, die ihn darauf hinweisen. Vor genau einem Jahr, kurz vor Weihnachten 2016, rief ihn eine Mutter an. Sie hatte in der Zeitung von Baacks Einheit gelesen. Ihre Tochter sei vergewaltigt und ermordet worden. Die Mordkommission habe die Ermittlungen eingestellt. Nun sei er ihre letzte Hoffnung. Baack musste sie damals vertrösten. Aber er versprach ihr, sich zu melden, wenn er sich des Falles annehmen könne. “Bald“, sagt Baack, “kann ich sie anrufen.“ Es klingt, als sei er erleichtert, sein Versprechen halten zu können.

“Andere Bundesländer müssen nachziehen“

Bianca Biwer Quelle: haslauer

Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des Weißen Rings, im Interview.

Frau Biwer, die Polizei leidet unter Personalmangel und hat schon heute Mühe, alle aktuellen Verbrechen aufzuklären. Warum soll sie sich die Mühe machen, sich jahrzehntealte Fälle mit großem Aufwand und ungewissem Ausgang wieder vorzunehmen?

Der Staat kann sich nicht damit abfinden, dass es schwerste Verbrechen gibt, die unaufgeklärt bleiben. Wir gehen davon aus, dass es in Deutschland insgesamt mehrere Tausend unaufgeklärte Mordfälle gibt. Dazu kommt eine ähnliche Zahl an Vermisstenfällen, bei denen wir leider oftmals davon ausgehen müssen, dass die Betroffenen ebenfalls Opfer eines Tötungsdelikts wurden. Wenn wir das hinnehmen, akzeptieren wir, dass der Staat als nicht handlungsfähig erscheint, als schwach. Wer Mörder ist, muss wissen, dass der Staat alles dafür tut, um diese Fälle aufzuklären – auch nach Jahrzehnten noch.

Was bedeutet es für die Angehörigen, wenn ein Mord- oder Vermisstenfall unaufgeklärt bleibt?

Es ist eine unerträgliche Situation, wenn so etwas offen bleibt. Für das Weiterleben und die psychische Verarbeitung ist es sehr wichtig zu wissen, was passiert ist. Musste mein Kind oder mein Mann, meine Frau leiden? Was ist genau geschehen? Warum ist das passiert? Ohne die Antworten darauf können sie die Tat nicht verarbeiten. Dazu kommt bei Vermisstenfällen das Gefühl, alles tun zu müssen, um den Angehörigen zu helfen. Habe ich etwas beigetragen? Bin ich mit schuld? Auch das lässt viele Angehörige nicht los ...

...wie wahrscheinlich auch die Hoffnung, dass der oder die Vermisste doch noch gefunden wird.

Das stimmt. Ich habe vor Kurzem mit einer Mutter gesprochen, deren Kind vor 25 Jahren verschwunden ist. Die Ermittler vermuten, dass es getötet wurde, auch wenn keine Leiche gefunden wurde. Dennoch sagte mir die Frau, sie hoffe bei jedem Klingeln an der Tür, dass es ihr Kind ist, das gleich vor ihr steht, wenn sie öffnet.

Welche Rolle spielen Polizei und Staatsanwaltschaft in diesem Prozess?

Eine große. Wenn einem die Ermittlungsbehörde in so einer Situation sagt, wir können nichts mehr tun, für uns ist das erledigt, ist das für die Angehörigen dramatisch. Deswegen ist es ganz wichtig, dass das Opfer bei den Behörden nicht aus dem Blick gerät.

Wie sieht Ihre Lösung aus?

Wir fordern die Ermittlungsbehörden der Bundesländer auf, die ungeklärten Kriminalfälle mehr in den Fokus zu nehmen. Unsere Tagung vor Kurzem auf Initiative des Vorstandsmitglieds unserer Stiftung und früheren Hamburger LKA-Chefs Wolfgang Sielaff hat uns gezeigt, dass es dafür auch ein großes Interesse gibt. Das Hamburger Landeskriminalamt mit seiner Cold-Case-Einheit ist da für uns ein geradezu mustergültiges Beispiel.

Was macht deren Arbeit so besonders?

Es handelt sich hier um vier spezialisierte Ermittler, die sich die Altfälle nicht zusätzlich zu ihrer aktuellen Arbeit vornehmen, sondern die sich ausschließlich und mit neuesten Methoden um Cold Cases kümmern. Das ist wichtig, weil die Arbeit sehr aufwendig ist: Die Fälle müssen von Grund auf neu aufgerollt werden. Ein neuer, unvoreingenommener Blick ist nötig. Außerdem spielen die Angehörigen im Konzept der Hamburger Einheit eine große Rolle. Die Ermittler sind für sie immer ansprechbar und halten sie auf dem Laufenden. Das alles macht sie aus unserer Sicht zum Vorbild dafür, wie sich wirksame Strafverfolgung und die sensible Einbindung von Angehörigen vereinen lassen. Nun sind die Ermittlungsbehörden der anderen Bundesländer am Zug, die gleichen Standards bei sich zu etablieren.

Von Thorsten Fuchs

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