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Der Tod steht Ihnen gut

Nachruhm von Popstars Der Tod steht Ihnen gut

Der Tod von Legenden wie David Bowie, Prince und George Michael war für die Musikwelt ein schwerer Verlust. Für die Plattenfirmen dagegen ist er ein gutes Geschäft: Für sie bringt der Nachruhm sogar mehr Geld als noch zu Lebzeiten der Stars.

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Von Kenners Liebling zu Everybody’s Darling: Leonard Cohen.

Quelle: DPA

Berlin. Heute wohnt Bowie im Himmel, doch damals lebte er in Schöneberg, das in den Siebzigern so aussah, als ziehe es sich seine Energie aus täglich einem Päckchen Zigaretten. Es war der fahle, schwindsüchtige Teil von West-Berlin, wo Menschen zwischen Kokain und Kohleofen etwas suchten, das man wohl heute ein prekäres Leben nennt. Spielte Geld in Bowies Leben damals eine Rolle? Kaum. War abzusehen, dass sich die Lieder jener Zeit, die sich wie eine rumpelige U-Bahn-Fahrt entfalteten, nach seinem Tod so gut verkaufen? Nein.

Auf Bowies drei Alben der Berliner Jahre wurde der Kalte Krieg kartografiert. Es ging um Kunst, nur nebenbei um Finanzielles. Man muss sich diesen kreativen Trotz vor Augen halten, wenn man jetzt sieht, ein Jahr nach seinem Tod, wie viele seiner Alben jüngst unter den Weihnachtsbäumen lagen. Kann man im Pop also vor allem Geld verdienen mit den Alten und den Toten? Ist Nachruhm eine Wirtschaftsgröße? Es sieht so aus.

Pop war einst ein Ort der Rebellion, sie begann mit Elvis 1955. „Wir machen’s anders als die Eltern“, hieß es, und wenn der Vater diesen Elvis für obszön hielt, liebten seine Töchter die Art, wie Elvis seine Hüften schwang, nur umso radikaler. Heute funktioniert der Pop ganz anders. Er verkauft sich konservativ, er wird gehandelt wie heute die Klassik, die ehemals das arrivierte Gegenstück zum Abenteuersinn des Rock ‘n‘ Roll gewesen ist. Nur die großen, alten Namen zählen noch, hier wie dort.

In der Klassik macht man Geld mit Bach, Mozart und Beethoven. Besser noch, man verkauft sie mit einer jungen Pianistin auf dem Cover, die Kulleraugen hat wie Annett Louisan. Die lolitahafte Sängerin verkörpert, wie es derzeit um die kommerzielle Strategie des Pop bestellt ist. Sie fing kühn an, hauchte „Ich will doch nur spielen“, ein sexuell elektrisiertes und emanzipatorisches Meisterstück. Heute sitzt sie als Coach im Privatfernsehen bei „Sing meinen Song“ und nahm im letzten Jahr ein Coveralbum mit erprobten Meisterwerken auf, darunter „Helden“ von Bowie. Auch die Chanteuse besinnt sich nun aufs Saturierte. Der Reißzahn ist gezogen, und wenn die Haare wirklich noch verwegen durch die Videos wehen, dann wurde das mit Zeit und Mühe in der Maske arrangiert.

Die Populärmusik war mal ein Feld, wo aufgeregt nach neuem Sound, neuen Ausschweifungen und neuem Lebensstil gesucht wurde. Im 21. Jahrhundert müssen Stars, um sich gut zu verkaufen, alt sein (Rolling Stones, Beatles) oder besser tot (Michael Jackson und Leonard Cohen).

Nur Bowie selbst hat sich, kurz vor dem Tod, noch mal an Avantgarde gewagt. Auf seinem letzten Soloalbum „Blackstar“ klangen seine Stücke nach Anti-Rock ‘n ‘Roll. „Es ist das bestverkaufte Bowie-Werk seit Jahren“, heißt es von Sony, wo der Sänger seit 2004 unter Vertrag stand. „Blackstar“ ist bei den Vinylplatten sogar der Spitzenreiter 2016 in Deutschland. So ein Album im Geiste der Jazz- und Hip-Hop-Vorhut von einem Neuling freilich wäre kommerziell ganz sicher abgesoffen. Zu kühn. Beim toten Bowie aber war das plötzlich furchtbar cool.

Selbst Leonard Cohen, der nie in eine Hitparade passte, stürmt nach seinem Tod die Charts.

Auch George Michael, der zu schön war für die coolen Riffs und sich deshalb im Kerngeschäft auf Weihnachten („Last Christmas“) und Flüstereien („Careless Whisper“) konzentrierte, starb 2016. Mehr als 10 Prozent aller am zweiten Weihnachtstag in Deutschland heruntergeladenen Lieder stammen von ihm. Das ist viel, auch wenn sich Deutschland im weltweiten Vergleich noch sehr auf Greifbares verlässt: Zu 65 Prozent werden CDs gekauft, nur zu 35 Prozent Musik-Downloads.

Selbst Leonard Cohen, ein Mann, der nie in eine Hitparade passte, nur in zerwühlte Betten frisch Verliebter oder leer gesoffene Wodkaflaschen frisch Getrennter, hat nach seinem Tod im letzten Jahr die Charts gestürmt. Sein Album „You Want It Darker“ stieg, als er im November starb, von Platz zwölf auf zwei in Deutschland.

In den subjektiven Bestenlisten der Musikhefte stehen Bowie und Cohen 2016 an der Spitze. Sie waren das Alte Testament. Oft folgte in den Listen ein junger Mann, der aussieht wie ein Holzfäller, doch einer, der mit den Tieren spricht: Bon Iver, ein Jünger aus dem Neuen Testament des Pop. Menschen über 30 wissen nicht, wie man ihn ausspricht. Iver kommt vom französischen „hiver“ (Winter), man sollte keinesfalls „Aiver“ sagen. Kann man mit Bon Iver, dem Nachwuchsmann, Geld verdienen? Mit seinem Album „22, A Million“ kam der Neo-Folk-Sänger in Deutschland zwischenzeitlich auf Platz sieben. Wenig für einen Hoffnungsträger.

Wenn 2016 auch Bob Dylan gestorben wäre, hätte nicht nur das Alte Testament, sondern die Heilige Schrift als Ganzes auf dem Spiel gestanden. Nein, Dylan ist nicht tot, doch er hat den Literaturnobelpreis bekommen. Er hat das mit mürrischem Gleichmut quittiert, weil er weiß: Wer den Anruf aus Stockholm erhält, pfeift auf dem letzten Loch. Oft ist der Preis ein Abgesang. Leider ist das mit dem Pfeifen auf dem letzten Loch nicht völlig falsch. Wer Dylan in den letzten Jahren live gehört hat, weiß, dass seine Mundharmonie inzwischen klingt wie die Berliner U-Bahn zu Bowies Zeiten. Das ändert nichts daran, dass Dylan sich in diesem Jahr glänzend verkauft hat. Der Nobelpreis ist rein kommerziell so stimulierend wie der Tod.

Verdrängen die Alten wirklich die Jungen im Popgeschäft? Schauen wir auf die bestverkauften Alben in Deutschland 2016. Platz fünf: Rolling Stones (alt), Platz vier Helene Fischer (immerhin im Kopf sehr alt), Platz drei Metallica (gemessen an der geistigen Beweglichkeit: uralt). Platz zwei: Andrea Berg (die Frau wirkt alterslos auf eine etwas unheimliche Art) und an der Spitze: Udo Lindenberg (biologisch ein Fossil, doch geistig noch so jung wie Bowie, als der vom „Starman“ sang). Unterm Strich: Alt verkauft sich bestens!

Auch Bowie kommt vor in der Erfolgsgeschichte: Mit der CD „Blackstar“ stand er zeitweise an der Chartspitze, erst zum zweiten Mal in seiner Karriere nach dem Vorgängeralbum „The Next Day“ von 2013. Enorme Zahlen für sein sprödes Alterswerk. Längst aber sind Verkaufszahlen kein Maßstab mehr für Relevanz und Qualität von Popmusik, jeder junge Musiker weiß heute, dass er mit Tonträgern kaum Geld verdient. Denn Pop dient nunmehr der Verlässlichkeit und der Beruhigung in politisch aufgeregten Zeiten. Nur das Vertraute wird gekauft. Früher war es umgekehrt, da brauchte die Musik den Schrei und den Tabubruch, um das aufgeräumte Elternhaus auf Temperatur zu bringen. Leute, die tatsächlich noch das Undressierte schätzen, tummeln sich im Feld der Independent-Musiker. Unabhängige Labels leben von Szene-Stars wie Pete Doherty. Kommerziell ist das nicht weiter interessant.

Die toten Könige regieren weiter. Elvis Presley verdiente mit Lizenzen im vorvergangenen Jahr 55 Millionen Dollar, mehr als jeder lebende Musiker. Auch der Bestverdiener war ein Toter: Michael Jackson mit 140 Millionen Dollar. „I Just Can’t Stop Loving You“, sang Jackson 1987. Seinen Fans geht es genauso. Sie lieben ihn. Sie kaufen ihn. Der Tod ist wie ein Remix, post mortem wird der Pop zur gut bezahlten Heldensaga.

Von Lars Grote

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