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Die Grenzen der guten Laune

Übellaunigkeit als Befreiung Die Grenzen der guten Laune

Egal, wie groß die Enttäuschung auch ist – die Maxime lautet: positiv denken. Dann wird’s schon. Tatsächlich? Oder setzt die Aufforderung, immer nur gut gestimmt auf die Welt zu blicken, uns erst recht unter Stress? Schlechte Laune kann manchmal befreiend sein.

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Brillant, aber biestig: Hugh Laurie lässt als “Dr. House“ seinen Frust regelmäßig an Kollegen und gar Patienten aus – und wurde vom Publikum wie kaum eine andere Serienfigur gefeiert.

Quelle: Handout

Hannover. Den Regenschirm in der Bahn liegen gelassen? Gut so, da kann man sich endlich einen neuen kaufen. Schlecht beim neuen Italiener gegessen? Prima, da lernt man das alte Ristorante um die Ecke wieder schätzen. Beim Sport den Fuß verknackst? Kein Problem, immerhin ist nichts gebrochen.

Das kennt fast jeder: Wer von Missgeschicken oder Kümmernissen erzählt, erfährt kurz Mitleid und Zuspruch. Doch dann folgen meist aufmunternde Sprüche – und die Empfehlung, lieber frohgemut nach vorne zu blicken. Wer sich ärgert und aus seinem Groll kein Geheimnis macht, gilt als uncool. In Film und Literatur dagegen wird Grummeln toleriert, wenn nicht gar geschätzt. Die Menge der missmutigen Kommissare jedenfalls ist kaum noch zu überblicken.

Und grimmige Rechthaber wie Jack Nicholson in der Hollywood-Komödie “Besser geht’s nicht“ oder ein herrschsüchtiges Biest wie Shirley MacLaine in “Zu guter Letzt“ erfreuen das Publikum. Weil diese Kauze komisch sind – und der Zuschauer sich ungeniert darüber freuen kann, wenn andere sich so danebenbenehmen, wie er selber es niemals wagte. Zudem kann das Publikum sich sicher sein, dass Hollywood-Griesgrame innerhalb von knapp zwei Kinostunden ihr gutes Herz (wieder)entdecken. Wer in der Realität nicht allzeit sonnig gestimmt ist, nervt eher und gilt als gestrig. Schlechte Laune ist irgendwie altmodisch.

Sinnsprüche für mehr Glück im Leben

Das will kaum jemand sein. Die Deutschen wollen nicht mehr als Nörgler und Meckermänner gesehen werden, sondern Leichtigkeit und Optimismus ausstrahlen. Seit Jahrzehnten mühen sich viele in der vermeintlichen Kunst, ein halb leeres Glas als halb voll zu betrachten. Im Gefolge von Dale Carnegies Bestseller “Sorge dich nicht – lebe!“, der sich allein in Deutschland millionenfach verkauft hat, ist eine schier unüberschaubare Masse an Ratgebern erschienen, die dem Leser – und vor allem: der Leserin – Tipps für einen gelasseneren Blick auf ihr Dasein zu geben versprechen. Abreißkalender verheißen “Positive Gedanken für jeden Tag“ oder “365 x positiv denken“, und die Branche der Lebensberater, die vom seriösen Coach bis zum dubiosen Heiler reicht, verdient blendend an Leuten, die endlich das Gute in ihrem Alltag erkennen und dankbar weiterleben sollen.

Dabei kann eine Portion Missmut manchmal richtig gut tun, vielleicht sogar helfen, meint die Journalistin Andrea Gerk, die über die verpönte Stimmung ein Buch geschrieben hat: In diesen Tagen erscheint ihr “Lob der schlechten Laune“ im Verlag Kein & Aber. Die in Berlin lebende Autorin erzählt im Gespräch, dass sie selbst oft schlechte Laune habe. “Ich habe mich irgendwann gefragt, ob es auch gute Seiten an der schlechten Laune gibt“, sagt Gerk. Sie hat durchaus Aspekte gefunden: etwa, wie produktiv die Missstimmung fürs Kulturleben sei. Ziemlich viele gute Romane und Theaterstücke, Fernsehserien und Songs kreisen um die schlechte Stimmung oder stellen einen grantelnden Helden in den Mittelpunkt. Ohne Thomas Bernhard und “Dr. House“ würde der neueren Kulturgeschichte einiges fehlen.

Miesepetriges Kastenbrot

Miesepetriges Kastenbrot: Bernd das Brot klagt, schimpft, nörgelt – und ist genau damit zum Publikumsliebling geworden.

Quelle: dpa-Zentralbild

Mit ihrer eigenen schlechten Laune versuche sie oft, “sich auf Abstand zu bringen“, in einen „Ruhemodus“ zu kommen und dem “Wohlfühlzwang“ zu entkommen, sagt Gerk. In einer Zeit, in der Geschäftigkeit hoch angesehen ist, kann ein kurzer Ausstieg aus dem allgemeinen Gute-Laune-Gewusel hilfreich sein. Weder ist schlechte Laune eine Entschuldigung für dauerhaft schlechtes Benehmen noch darf man es mit echter Niedergeschlagenheit, mit Depression gar verwechseln. Doch das Freche und Pampige, das mit der miesen Stimmung einhergeht, hat etwas Mobilisierendes. Der schlecht Gelaunte lässt sich nicht alles gefallen und meckert – auch wenn sein Gegenüber den Grund der Missstimmung nicht erkennt – einfach drauflos.

Was ihn nicht unbedingt beliebt macht, am Arbeitsplatz schon mal gar nicht. In einer auf Effizienz getrimmten Welt, in der alles gut gelaunt flutschen soll, wird der Miesgelaunte als anstrengend empfunden. Er stört den Normalbetrieb. Vor allem in solchen Branchen, in denen Menschen sich vermeintlich “selbst verwirklichen“ – also froh und dankbar sein sollen, dass sie für ihre Tätigkeit sogar noch Geld bekommen –, sind Grantler nicht gern gesehen. Es sei denn, sie sind dabei von scharfem Verstand und noch schärferem Witz. Und meist gesteht man Männern miese Laune eher zu als Frauen. Wird eine kapriziöse Schönheit vielleicht noch milde als Diva belächelt, gelten andere unleidliche Frauen eher als Zicken.

Kummer und Zorn sind unerwünscht

Manchmal wirkt der Auslöser fürs Meckern ja auch banal. Zwar gibt es Menschen, denen der Zustand der Welt grundsätzlich schlechte Laune bereitet. Andere hingegen sind mies gestimmt, wenn bei Kleinigkeiten Erwartung und Realität nicht in Deckung zu bringen sind. Sei es die mal wieder enttäuschte Hoffnung auf gutes Wetter oder auf einen pünktlichen ICE. Petitessen? Ja, aber gibt es nicht tatsächlich genug Dinge, über die es sich zu schimpfen lohnt? Die man sich nicht schönreden sollte?

Die amerikanische Autorin Barbara Ehrenreich machte die Erfahrung, dass sie mit ihrem Kummer und Zorn nicht gehört werden wollte, als sie an Brustkrebs erkrankt war. Solche negativen Gedanken störten nur den Heilungsprozess, sagten Menschen ihr, womöglich habe diese Negativität den Krebs erst verursacht. In manchen Selbsthilfegruppen seien schon die Worte “krank“ und “Krankheit“ nicht erwünscht, schreibt Ehrenreich, lieber bezeichnete man Krebs als Herausforderung.

Ihr furioses Buch über diese Erfahrung und den umsatzstarken Markt in Sachen Optimismus und Selbstoptimierung heißt denn auch “Smile or die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt“ (Verlag Antje Kunstmann). Ihre Erkrankung habe sie weder schöner noch stärker noch spiritueller gemacht habe, schreibt Barbara Ehrenreich. Nach wie vor ist die Amerikanerin der festen Überzeugung, dass man der Realität ins Auge blicken muss – auch wenn das schlechte Stimmung macht.

Die Menge der missmutigen Kommissare ist kaum noch zu überblicken

Die Menge der missmutigen Kommissare ist kaum noch zu überblicken: Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser als Wiener “Tatort“-Team.

Quelle: ARD Degeto

Das Unbehagen darüber, dass man sich in unserer individualistischen Gesellschaft in Optimismus zu üben und gute Miene zu jedem Spiel zu machen hat, wächst. In den vergangenen Jahren haben sich mehrere Autoren dazu Gedanken gemacht – in Büchern wie “Miese Stimmung. Eine Streitschrift gegen positives Denken“ oder “Das Wellness-Syndrom. Die Glücksdoktrin und der perfekte Mensch“. Denn irgendetwas scheint grundlegend nicht zu funktionieren: Einerseits hört man auf die Frage “Wie geht’s?“ meist ein flottes “Alles bestens“, andererseits fühlen sich viele Menschen unwohl.

Die Zahl der Arbeitnehmer, die wegen Depressionen oder anderer psychischer Erkrankungen ausfallen, ist in Deutschland in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Das heißt nicht zwangsläufig, dass wir alle immer kränker werden, sondern kann auch bedeuten, dass zum Beispiel Depressionen öfter diagnostiziert und behandelt werden. Doch ist die Kluft zwischen gut gelaunter Außen- und Arbeitswelt und innerem Unwohlsein auffällig.

Vielleicht kann da eine Portion schlechter Laune wohltuend sein – als Ausdruck dafür, dass einem irgendetwas gegen den Strich geht. Es braucht schließlich Zorn, um sich zu wehren. Wenn das Granteln nicht zur Pose erstarrt, kann man die getrübte Stimmung als Indikator nehmen für Fragen: Wer oder was bereitet mir eigentlich miese Stimmung? Wer oder was stört mich jetzt? Wie kann ich das ändern? Und: Will ich das überhaupt ändern?

Mosern als Kunstform

Wobei der Umgang mit Schlechtgelaunten – das unleidliche Kind! der maulfaule Partner! – nicht gerade ein Vergnügen ist. So gut einem selbst das Maulen manchmal tut, so anstrengend kann der Griesgram für seine Nächsten sein. Und natürlich kann man – wie Barbara Ehrenreich es beschreibt – verstehen, dass Mitmenschen sich von den Klagen Kranker überfordert und hilflos fühlen.

Sozial verträglich ist allemal der Schlechtgelaunte, der seine Stimmung geistvoll verpackt. Andrea Gerk lässt nichts auf die Wiener kommen, die es im Mosern zu einer gewissen Kunstfertigkeit gebracht haben. Manch anderer hegt Bewunderung für Arthur Schopenhauer, den “Philosophen der schlechten Laune“. Der bekennende Pessimist hielt nichts davon, die Welt zu optimistisch zu betrachten. Er befand: “Die Menschen sind wesentlich böse, wesentlich unglücklich, wesentlich dumm.“ So unterhaltsam kann schlechte Laune sein.

Von Martina Sulner

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