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Einfach mal klingeln

Nachbarn als Netzwerk Einfach mal klingeln

Die Deutschen tun sich schwer mit ihren Nachbarn. Gut die Hälfte von ihnen will nicht einmal wissen, wer da mit ihnen Tür an Tür wohnt. Doch es ändert sich etwas: In den Städten bilden sich neue Netzwerke. Wir haben erkannt: Wir brauchen einander.

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Unangekündigter Besuch mit Kaffee und Kuchen: Stephanie Quitterer klingelte in ihrem neuen Kiez einfach mal bei unbekannten Nachbarn – und hat über ihre überraschenden Erlebnisse ein Buch geschrieben.

Quelle: Volker Gerling, Knaus Verlag

Es gehört eine Menge Mut dazu, um das zu wagen, was Stephanie Quitterer getan hat. Die Berlinerin packte einen Korb mit Kaffee und Kuchen und klingelte bei den Nachbarn.  Einfach so. An jedem Tag nahm sie sich eine andere Tür vor. Auf diese Weise traf sie an 200 Tagen 200 Menschen. "Ich war fasziniert davon, wie gastfreundlich sie waren und wie sehr man überrascht werden kann", sagt sie.

Aus den unverhofften Einblicken ist inzwischen sogar ein Buch geworden. In "Hausbesuche" (Knaus Verlag) beschreibt die Autorin, wie sie auf der Suche nach Anonymität von der Kleinstadt in die Metropole zog, wie unwohl sie sich dann aber in ihrem neuen Umfeld, dem Prenzlauer Berg, fühlte. Umgehend war ihr das abwertende Etikett "Latte macchiato trinkende Kiezmutter" angeheftet worden. Aus Neugier und auf der Suche nach dem Ursprünglichen und den Nicht-Hipstern in ihrer Nachbarschaft startete Quitterer ihr Projekt.

Ganz nüchtern betrachtet liest sich die Bilanz wie folgt: Auf einen Nachbarn, der sie spontan in seine Wohnung bat, kamen zwölf verschlossene Türen, weil niemand zu Hause war, fünf Nachbarn lehnten ab. Wenn Stephanie Quitterer aber von ihrem Projekt erzählt, liegen Wärme und Begeisterung in ihrer Stimme. Sie unterhielt sich mit den Menschen eigentlich nur anfangs über den Kiez und dann über alles, was sie bewegt: die Familie, den Job, den verlassenen Ehemann. Und sie baute langsam eine Beziehung zu ihnen auf. Aus vielen Nachbarn sind Freunde geworden.

Wir pflegen Distanz

In Deutschland ist das, was Quitterer getan hat, allerdings die große Ausnahme. Man klingelt nicht einfach so nebenan. Viele von uns tun sich schwer mit ihren Nachbarn. Nur etwa ein Drittel der Deutschen wünscht sich einer Studie zufolge einen engeren Kontakt. Jeder Zweite kennt den Bewohner nebenan nicht einmal. Es sei denn wir streiten: In keinem anderen Land der Welt ist Ärger zwischen Nachbarn so häufig. Entertainer Stefan Raab hat ihn mit dem Lied "Maschendrahtzaun" besungen. Der Song wurde nicht zufällig zum Hit.

Die eigens für Nachbarschaftsstreit eingerichteten Schiedsstellen haben viel zu gut zu tun. Mindestens ein Viertel der Deutschen hat sie schon einmal genutzt, im Raum Hamburg oder in Baden-Württemberg hat gar die Hälfte der Einwohner schon mit nebenan gestritten. Die Gesellschaft für Konsumforschung hat jüngst ermittelt, worum es beim Zwist von Zaun zu Zaun eigentlich geht: (Rasenmäher-)Lärm, Dreck im Hausflur, Kinderwagen im Treppenhaus oder falsch geparkte Autos. Überraschend ist das nicht, eher alltäglich.

Wir leben in einem Land, in dem sich viele Menschen sicherer fühlen, wenn sie ihre Hausmitbewohner oder Straßennachbarn nur hinter zugezogenenen Gardinen oder durch den Türspion beobachten. Viele würden ihren Nachbarn während eines Urlaubs zwar den Schlüssel zum Postkasten anvertrauen. Aber die Wohnung? Lieber nicht. Wir pflegen Distanz, einfach aus der Angst heraus, dass zu viel Nähe das eigene Leben stören könnte, oder dass Verpflichtungen entstehen. Dabei hat eine US-Studie schon vor zwei Jahren einen Zusammenhang zwischen harmonischen Nachbarschaftsbeziehungen und einem verringerten Herzinfarktrisiko belegt.

Nachbarschaft gegen Vereinsamung

Man darf die Zurückhaltung nicht falsch verstehen: Nachbarschaftliche Kontakte werden allgemein geschätzt und auch gesucht, das zeigen Umfragen immer wieder. Und wer Glück hat, lebt in einem Umfeld, in dem die Nachbarschaft noch heute eine quirlig-florierende Zweckgemeinschaft ist, wie sie in der ehemaligen DDR und in Westdeutschland über Jahrzehnte besonders im ländlichen Raum gepflegt wurde.

Das Maß von Nähe und Distanz ist aber nicht nur eine Frage der Einstellung, es hängt auch von der Lebensphase ab. Familien und ältere Menschen sind grundsätzlich offener für aus der Nachbarschaft erwachsende Beziehungen. Sie binden sich bewusst an ihrem Wohnort – mangels Alternativen oder weil es sich als nützlich erweisen könnte. Seniorentreffs und Mutter-Kind-Cafés sind der beste Beweis dafür. Junge, ungebundene Menschen indes halten Netzwerke am Wohnort kaum für notwendig.

Die Prognosen von Stadtplanern und Sozialforschern aber sehen eine Umkehr. Sie empfehlen gezielt aufgebaute Nachbarschaftnetzwerke als geeignetes Mittel, um der wachsenden Vereinsamung entgegenzuwirken. Dieser Rat hat wenig mit Gesinnung zu tun. Er ist eine Maßnahme, dem strukturellen Wandel zu begegnen: In den nächsten Jahrzehnten werden unsere Städte wachsen, unsere Dörfer aber schrumpfen oder sich gar ganz auflösen. Es braucht Ideen, den Menschen an beiden Orten das Leben lebenswert zu machen.

Mehr als nur Blumen gießen

In großen Ballungsräumen etwa gelten generationenübergreifende Haus- und Wohngemeinschaften als idealer Ersatz für weit entfernt lebende oder gar nicht erst vorhandene Angehörige. Auf dem Land können sich Nachbarn in Alltagsfragen unterstützen, die in ihrer Summe als Dienstleistung für die meisten Menschen unbezahlbar sind: Einkäufe, Rasenmähen, Fahrdienste, Glühbirnen auswechseln.

Funktionierende Nachbarschaften können etwas von dem bieten, was früher die Kernkompetenz der Familie war: Sie bieten Sicherheit, Unterstützung oder manchmal einfach nur nette Gesellschaft. Nachbarn können viel mehr leisten, als nur die Blumen zu gießen, wenn jemand in den Urlaub fährt. Sie wundern sich, wenn der Briefkasten nebenan überquillt, obwohl niemand verreist ist, und holen im Notfall Hilfe. Oder sie helfen mit einem Paket Mehl aus, wenn der Kuchen für den Kindergeburtstag wieder im letzten Moment gebacken wird. Vielleicht bekommen sie sogar ein Stück ab.

Gegenentwurf zur Globalisierung

"Uns steht heute die ganze Welt offen. Unser Radius ist global", sagt Ina Brunk. "Da wächst irgendwann ganz natürlich das Bedürfnis, den Menschen in nächster Nähe zu begegnen." Die 33-Jährige ist Mitgründerin der Onlineplattform nebenan.de, die Menschen in Straßen und Stadtvierteln digital vernetzt und dann auch im echten Leben zusammenbringt. Es ist nur eines von vielen Internetforen dieser Art, die zurzeit allerorten aufleben. Menschen auf engem Raum zu verbinden ist so etwas wie der Gegenentwurf zu den weltumspannenden Riesen der "social media".

Den Anstoß zur Gründung fanden sie alle im Alltag: Brunken selbst wollte vor einigen Jahren noch dringend ein Paket aufgeben, musste aber im Morgengrauen, noch vor der Öffnung der Postfiliale, eine Flugreise antreten. "Damals hätte ich gern einem meiner Nachbarn die Sendung anvertraut." Aber sie kannte niemanden. Ihr Geschäftspartner empfand ganz ähnlich, als er mit der Familie in ein neues Stadtviertel zog. Auch er klingelte an zahlreichen Türen. Er hat es nicht bereut, im Gegenteil, auch seine Erfahrungen waren positiv.

Stephanie Quitterer hat ihr Projekt abgeschlossen. In Nachbarschaftsfragen aber bezeichnet sie sich als Bekehrte. Eigentlich, sagt sie, möchte sie es jeden Tag aufs Neue in die Welt hinausschreien: "Traut euch. Geht einfach los und klingelt. Zusammen kann es so schön sein."

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