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Geht das noch gut?

Das Jahr 2016 im Rückblick Geht das noch gut?

Terror und politische Krisen haben das Jahr 2016 bestimmt. Wir haben gelernt, Ruhe zu bewahren – und flüchten ins Private. Doch die Gewissheit, dass Freiheit und Sicherheit für uns selbstverständlich sind, ist dahin.

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2016 wird der Welt in Erinnerung bleiben. Es wird nicht einfach, aus den Lehren dieses Jahres Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen – doch einfach so weiterzumachen ist keine Lösung.

Quelle: afp / dpa

Gibt es am Ende eines so schwierigen Jahres etwas Versöhnliches, etwas Tröstliches? Die Meinungsforscher, die Mitte Dezember die Stimmung der Deutschen ergründen wollten, fanden eine geteilte Antwort. Ja, das Jahr 2016 war ein Jahr der Kriege, des Terrors und der bösen Überraschungen. Aber nein, persönlich könne man eigentlich nicht von einem schlechten Jahr reden. Fast 80 Prozent der Deutschen sagen, dass 2016 für sie "eher gut" gewesen sei.

Die Demoskopen kennen dieses besonders deutsche Phänomen: Zwischen der allgemeinen Lage und der individuellen Befindlichkeit liegen Welten, schon seit einiger Zeit. Und doch ist Ende 2016 etwas anders: Die Gewissheit, dass es immer so weitergehen wird, lässt nach. Läuft vielleicht bald auch das eigene Leben nicht mehr in so sicheren Bahnen wie bisher? Die Sorgen wachsen, und sie sind am Ende dieses schwierigen Jahres mit seinen vielen schlechten Nachrichten nicht unberechtigt.

Bei kleinen Dingen hat sich das Leben in diesem Jahr schon verändert, nicht zum Besseren. Ein spontaner Städtetrip nach Paris? Lieber nicht. Im Frankreich-Urlaub ein Abstecher an den Strand von Nizza? Nichts mehr für schwache Nerven. Ein aufregendes Wochenende in Istanbul? Um Gottes willen! Im Urlaub haben die Deutschen eine schrumpfende Welt erlebt, die Angst vor dem Terror hat ihre Entscheidungen bestimmt. Es war so voll auf Mallorca wie niemals zuvor. Ja, auch Nord- und Ostsee sind schön. Beim Urlaub in Bayern kann man prima entspannen.

Das Ende der Unbefangenheit?

Aber was ist aus dem Wunsch geworden, die Welt zu entdecken, die dank Billigfliegern und Pauschalpaketen doch allen zu Füßen liegt? Die Angst vor dem Terror begleitet uns nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt, nie zuvor aber ist die Gefahr so nah an Deutschland herangerückt wie 2016. In Istanbul, Brüssel und Nizza gab es Attentate und Massaker, die diese Städte für immer verändert haben. Und die allen Besuchern die Unbefangenheit beim Reisen genommen haben.

Am Ende des Jahres steht die Erfahrung, dass man dem Terror auch in Deutschland nicht entkommen kann. Wenige Tage vor Weihnachten traf es die Hauptstadt. Liegt es daran, dass ein solcher Anschlag für Deutschland von den Sicherheitsexperten immer wieder vorausgesagt worden war? Die Deutschen reagierten geschockt, aber doch gefasst auf das grausame Geschehen auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin.

Nach dem Amoklauf von München, der Axtattacke im Regionalzug bei Würzburg und dem Selbstmordattentat in Ansbach hatte im Sommer ein emotionaler Ausnahmezustand das Land erfasst. Und dennoch führt uns gerade erst der Anschlag in Berlin die Verletzlichkeit des Landes in aller Deutlichkeit vor Augen. "Wir wollen nicht erleben, dass uns die Angst vor dem Bösen in unserem Alltag lähmt", sagte Kanzlerin Angela Merkel. Und es klang schon fast wie eine Beschwörung. Werden sich die Deutschen ihre persönliche Zuversicht bewahren? Verschwindet jetzt die Unbefangenheit aus dem alltäglichen Leben?

Die eine Krise zu viel

Wer in den politischen Texten des Jahres 2016 nach Schlüsselbegriffen sucht, der stößt besonders häufig auf "Verunsicherung" und "Angst". Die Ängste vor dem eigenen Abstieg gelten als die plausibelste Erklärung für das rasante Anwachsen des Populismus in diesem Jahr – auch wenn es bei vielen Menschen vielleicht gar keinen rationalen Grund für das Gefühl gibt, abgehängt zu werden.

Doch es ist paradox: Der von Ängsten ausgelöste Siegeszug des Populismus führt dazu, dass es nun wirklich allen Grund für Abstiegsbefürchtungen gibt. Ganz rational und für alle geltend. Der Brexit, der Aufstieg der AfD und die Wahl von Donald Trump haben die Rahmenbedingungen für die Lösung von politischen Problemen grundlegend verändert. Gestern noch Sicheres zählt heute nichts mehr.

Angeführt von Männern wie Nigel Farage haben sich die Briten im Sommer für einen Ausstieg ihres Landes aus der Europäischen Union entschieden. Farage verabschiedete sich eiligst von der Verantwortung, die Folgen werden die Menschen in Großbritannien jetzt ausbaden müssen. Der Brexit wird – wenn er denn wirklich umgesetzt ist – Folgen für die Wirtschaft in der gesamten EU haben. Die Stabilität Europas ist ein Grundpfeiler unseres Wohlstands, diese Lektion haben die Deutschen in nunmehr einer ganzen Reihe von europäischen Krisen gelernt. Der Brexit könnte nun genau die eine Krise zu viel gewesen sein, um weiterzumachen wie bisher.

Europa allein zu Haus

Die AfD ist in diesem Jahr in fünf Landesparlamente eingezogen. Das allein hat das politische System in Deutschland noch nicht verändert. Ausgerechnet in Zeiten, in denen überzeugende Entscheidungen immer wichtiger werden, gibt es nun aber eine neue Unübersichtlichkeit bei der Mehrheitsfindung in den Parlamenten. So mancher in Berlin (und in München) glaubt, dass man Populisten am besten mit der Übernahme von populistischen Positionen bekämpfen kann. Für eine Politik, die am sachlichen Ausgleich interessiert ist, bedeutet dies nichts Gutes.

Dass Donald Trump die Welt verändern wird, steht außer Zweifel. Von Europa aus betrachtet gibt es nur noch die Frage, wie schlimm es denn wirklich kommen wird. Joschka Fischer, früherer deutscher Außenminister, sagt: "Die westliche Welt, wie wir sie kannten, wird untergehen." Die USA verabschieden sich als ordnende Macht in der Welt, weil sie nur noch ihre eigenen Interessen verfolgen werden. In der Sicherheitspolitik kann das zu bizarren Bündnissen mit Russland führen, in der Wirtschaftspolitik ist Europa plötzlich allein zu Haus. Was bedeutet es für deutsche Autobauer wie VW und BMW, wenn Trump nun US-Herstellern in allen Belangen Vorrang einräumt?

Mehr zuhören, genauer hinsehen

Das Jahr 2016 wird deshalb in Erinnerung bleiben, weil es zu deutlichen Veränderungen geführt hat. Die Experten sprechen von einem "Epochenjahr", weil sich die Stimmung in den westlichen Demokratien in diesem Jahr radikal gewandelt hat. Die gleichen Experten aber waren nicht in der Lage, ebendiesen Wandel auch ansatzweise vorherzusagen. Deutlich wie selten zuvor ist die Welt daher durch demokratische Entscheidungen überrascht worden. Der Brexit und die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten galten praktisch als ausgeschlossen, nicht nur bei den Demoskopen.

Genau hier muss man ansetzen, wenn man Lehren aus diesem Jahr mit seinen schlechten Nachrichten ziehen will. Wer wissen will, wie es den Menschen geht und welche Sorgen sie plagen, muss gründlicher zuhören als bisher. Außerdem reicht es wohl nicht aus, ab und an einen Hinweis zu geben, wie gefährlich Politiker wie Donald Trump sein können. Die viel beschworene Mitte muss jetzt nicht nur zusammenrücken, sie muss bisweilen eben auch deutlich ihre Stimme erheben.

Mit den Folgen der Entscheidungen von 2016 zurechtzukommen, wird in den kommenden Jahren einige Anstrengung kosten. Wer nicht weiter überrascht werden will, wird sich die Mühe machen müssen, künftig genauer hinzusehen. Und wer nicht von den Entwicklungen überrollt werden will, der muss auch bereit sein, sich einmal mit Details zu beschäftigen. Das Jahr 2016 einfach abzuhaken ist sicherlich die schlechteste Lösung, mit den schwierigen Nachrichten umzugehen.

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Von Redakteur Jörg Kallmeyer

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