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Hofft mal wieder!

Positiv denken Hofft mal wieder!

Morgen wird alles gut. Der Traum von einer besseren Zukunft ist bis heute der Treibstoff des Fortschritts. Doch die meisten Deutschen sind verzagt. Obwohl es ihnen privat gut geht. Sie erstarren angesichts der Krisen dieser Welt. Nur: Wer keine Hoffnung hat, verspielt seine Zukunft. Wo finden wir neuen Mut?

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Quelle: Getty Images/iStockphoto

Hannover. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Sagt man. Doch wir erleben gerade das Gegenteil. Unsere Hoffnung ist zuerst gestorben.

Obwohl es vielen von uns gut geht. Die meisten sind mehr oder weniger zufrieden im Job, fühlen sich materiell gut versorgt und fürchten absehbar keine großen wirtschaftlichen Einschnitte. So jedenfalls sagt es der aktuelle Glücksatlas der Demoskopen aus Allensbach. Prima. Lehnen wir uns doch entspannt zurück, genießen wir die Früchte unserer Arbeit. Freuen wir uns, dass unsere Häuschen und unser höchstpersönliches Wohlergehen auf festem Fundament stehen.

Doch hinterm Gartzenzaun ist Schluss mit Hygge, dem derzeit auch in Deutschland so beliebten Gemütlichkeitskult aus Dänemark. Krieg und nacktes Elend in Syrien, islamistische Terroranschläge auch hierzulande, Brexit, Trump, Menschen, die Obdachlose anzünden oder andere aus Jux die Treppe runterstoßen – überall scheinen sich die Anzeichen gesellschaftlicher Verrohung zu mehren.

Man muss all das nicht noch einmal detailliert schildern. Unsere Köpfe sind auch ohnedem noch randvoll von den Schrecken des zurückliegenden Jahres. Die Konflikte und Schieflagen, die diese Horrorphänomene hervorbringen, sitzen tief und sind komplex. Sie werden sich nicht einfach in Luft auflösen. Deshalb steht zu befürchten, dass uns auch das Jahr 2017 manche erschütternde Nachricht überbringen wird.

Nimmt es da Wunder, dass wir aus allen Richtungen tiefgraue Wolken heraufziehen sehen? Es sind Ängste, die da Gestalt annehmen. Verzagte Stimmen, die den heiteren Soundtrack der persönlichen Zufriedenheit zwar noch nicht übertönen, aber doch zunehmend in unsere beschauliche Welt hineinklingen. Je lauter sie werden, desto energischer versuchen wir, den Status quo zu retten. Damit unsere Insel der Glückseligen nicht noch weiter schrumpft.

Wir haben uns in die Rettung des Ist-Zustands verbissen – und dabei ist uns die Zukunft abhanden gekommen. Wenn wir doch mal scheu den Blick nach vorne richten, rechnen wir gleich mit dem Schlimmsten. Vielleicht, weil wir spüren, dass die Herausforderungen diesmal größer sind, dass sie sich nicht in einem konzentrierten Kraftakt und mit einem lässigen „Wird schon!“ beiseite schieben lassen.

„Think Positive“: Vom Mantra der Jahrtausendwende ist womöglich genauso wenig geblieben wie vom Boom der New Economy. Es hat sich überlebt, weil uns bewusst geworden ist, dass der dahinterliegende, allzu hysterische Optimismus nicht mehr trägt. Es wendet sich nicht alles zum Positiven, nur weil wir das so wollen. „Alles wird gut“: Mit diesem unerschütterlich klingenden Versprechen hat sich die Fernsehmoderatorin Nina Ruge in jenen Jahren von den Zuschauern des Boulevardmagazins „Leute heute“ verabschiedet. Würden wir ihr diesen Slogan heute abkaufen?

Mit der Flucht in die Hygge versuchen wir, den Glauben an eine kindlich heile Welt wenigstens in unseren eigenen vier Wänden aufrechtzuerhalten. Doch in der wunden Welt da draußen herrscht keine Gemütlichkeit. Dort brauchen wir eine weitaus stärkere Kraft im Rücken, um wieder mutig nach vorne gehen zu können. Eine Kraft, die sich aus Größerem speist als unserem Streben nach dem kleinen Glück. Wir brauchen echte Hoffnung.

Doch diese Hoffnung haben wir anscheinend beerdigt. Dieselben Demoskopen, die jährlich die Zufriedenheit der Deutschen messen, haben nur wenige Wochen vor dem Glückshoch ein Hoffnungstief vermeldet: Gerade mal ein Drittel von uns geht zuversichtlich in dieses Jahr.

Es gehört Fantasie, sicher auch Mut dazu, sich das Morgen nicht ausschließlich als die Folge vorangegangener Ereignisse vorzustellen. Wäre die Zukunft lediglich die logische Konsequenz des Dagewesenen – die Welt wäre wohl schon vielfach untergegangen. Jene finstren Propheten, die die großen Pestepidemien des Mittelalters als Vorboten des jüngsten Gerichts deuteten, haben sich – gottlob – geirrt. Die Horrorvision des Kalten Krieges, das atomare Wettrüsten könnte früher oder später in der Auslöschung unseres Planeten gipfeln, hat sich auch nicht bewahrheitet. Und auch die Ökopessimisten der Achtzigerjahre, die davon überzeugt waren, dass am Autobahnrand statt vitaler Wälder bald nur noch staksige Baumgerippe stehen werden, haben eindeutig zu schwarz gemalt. Der saure Regen hat verloren. Deutschlands Wälder wachsen wieder.

Nicht, dass wir uns wegen etlicher nicht stattgefundener Weltuntergänge in Sicherheit wiegen sollten. Das wäre leichtfertig. Aber ein realistischer, weder rosarot noch pechschwarz getönter Blick in die Vergangenheit sollte uns lehren, dass zurückhaltender Optimismus das Mindeste ist, was wir unserer Zukunft schulden.

Denn zum Guten gewendet hat sich manche verfahrene Situation nicht zuletzt, weil es zu jeder Zeit Menschen gab, die sich mit den Defiziten ihrer Zeit nicht abfinden wollten. Die mehr Hoffnung für morgen als Zufriedenheit im Hier und Jetzt verspürten. Der Traum von einer besseren Zukunft, das war der vielleicht mächtigste Treibstoff des Fortschritts – auf technischer, politischer, kultureller und gesellschaftlicher Ebene. Es waren Menschen, die mit unabhängigem Geist voranschritten – und dazu beigetragen haben, dass die Welt für viele besser geworden ist: ohne Robert Koch keine Antibiotika, ohne Thomas Edison keine Kohlefadenlampe, ohne Michael Gorbatschow keine deutsch-deutsche Wiedervereinigung. Nicht zu vergessen die vielen Persönlichkeiten, die zwar keine historischen Umschwünge herbeigeführt, aber durch ihre Hoffnung Licht in finstere Zeiten gebracht haben.

Eine dieser Lichtgestalten war der Pastor und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Seinen letzten erhaltenen theologischen Text schrieb er wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1944 in Gestapo-Haft – seinen nahen Tod womöglich schon ahnend. Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 von den Nazis hingerichtet. In düsterster Zeit, unter bedrückendsten persönlichen Umständen, schickte er seiner Verlobten Maria von Wedemeyer „ein paar Verse, die mir in den letzten Abenden einfielen“. Diese „paar Verse“ sind heute nicht nur Christen geläufig – als eines der ergreifendsten und zugleich kraftvollsten Kirchen- und Hoffnungslieder des 20. Jahrhunderts: „Von guten Mächten treu und still umgeben,/behütet und getröstet wunderbar,/so will ich diese Tage mit euch leben/und mit euch gehen in ein neues Jahr“. So lautet die erste Strophe.

Traurigkeit und Verzweiflung schwingen zwischen den Zeilen durchaus mit, aber eben auch die Gewissheit, dass die Menschheit eine freundlichere Zukunft erwartet. Kein bloßer Zweckoptimismus, der sich in apodiktischen Statements wie „Wir schaffen das!“ äußert. Sondern eine stille, aber unerschütterliche Zuversicht, die gerade deshalb so beeindruckend ist, weil sie sich in einer existenziellen Notlage, in Todesgefahr, zeigt. Die Hoffnung zeigt sich trotz aller Ängste und Zweifel. Oder gerade deshalb. Allein schon, damit das Böse nicht gewinnt.

Haben wir sie wirklich verloren, unsere Hoffnung? Haben die Demoskopen recht? Womöglich nicht ganz. Ein Hoffnungszeichen sind mehr als 14 Millionen Menschen, die sich in Deutschland ehrenamtlich engagieren. Sie geben Geflüchteten Deutschunterricht. Sie lindern Hunger durch ihre Mitarbeit bei Tafeln und in Suppenküchen. Sie stehen Sterbenden in den Hospizen bei. Sie bringen sich ein in Sportvereinen, in Kirchengemeinden, in der Jugendhilfe. Würden sie all das tun, wenn sie keine Hoffnung hätten? Hoffnung, dass ihr Tun hilfreich, womöglich sogar heilsam ist – und ein Beitrag für eine bessere Zukunft?

Trauen wir uns ruhig ein wenig Hoffnung zu. Graben wir doch einfach mal dieses herrlich unmoderne Pfadfindermotto aus: jeden Tag eine gute Tat. Und sei sie noch so klein.Versuchen wir es wenigstens. Dann wird die Zukunft nicht ganz verloren sein.

Von Daniel Behrendt

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