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Lass doch mal bleiben

Von Veränderung und Verunsicherung Lass doch mal bleiben

Wir sollen uns verändern, flexibel sein, an neue Zeiten anpassen. Aber warum eigentlich? Ist neu immer besser? Und warum hat Veränderung einen so hohen Stellenwert? Die Gesellschaft hat verlernt, Istzustände zu tolerieren. Dabei ist die Welt doch schon anstrengend genug.

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Fortschritt ist etwas Gutes. Doch es scheint, als sei Veränderung nicht mehr bloß der Weg vom Problem zur Lösung, sondern als sei sie zum Selbstzweck geworden, völlig losgelöst von ihren Zielen. Die Folge ist gesellschaftliche Verunsicherung.

Quelle: RND / Shutterstock

Aldi hat umgeräumt. Alle Waren stehen anders. Immer stand die H-Milch vorn, am Ausgang. Jetzt steht sie in der Mitte. Verwirrte ältere Damen mit Rollatoren irren durch die Gänge. Plötzlich ist alles falsch. "Das auch noch", sagt eine. Das auch noch. Es ist zu viel. Es geht zu schnell. Zu viele Veränderungen.

Es geht nicht um Milch. Es geht um mehr. Die Milch ist nur ein Symbol. Irgendein Optimierer wird getestet haben, wo die H-Milch am besten steht, damit viel H-Milch gekauft wird. Niemand hat getestet, ob die Kundschaft verwirrt und überfordert ist, wenn wieder eine Gewohnheit wegfällt.

Die Optimierer haben übernommen. Die Andersmacher. Die Milchumsteller. "Change" heißt das Zauberwort der Stunde. Es ist, als hätten sich Legionen smarter Entscheider zum Ziel gesetzt, den Veränderungsunwillen ihrer Mitmenschen permanent auf die Probe zu stellen.

"Change" ist das globale Credo

Veränderung ist ja nichts Schlechtes. Die Welt ist in Bewegung und war es immer. Nichts ist so beständig wie der Wandel, sagte Heraklit. Ohne Veränderung säßen wir noch grunzend auf den Bäumen, ganz ohne H-Milch. Aber es scheint, als sei die Veränderung nicht mehr bloß der im Konsens gefundene Weg vom Problem zur Lösung, sondern als sei sie zum Selbstzweck geworden, zum sozioökonomischen Fetisch, völlig losgelöst von ihren Zielen.

"Change" ist das globale Credo – vom Silicon Valley bis hinein in die südhessische Verwaltungsbehörde. Vertrautes zertrümmern! Neuland betreten! Jetzt! Die moderne Gesellschaft verlangt sich selbst eine radikale Veränderungsbereitschaft ab. Pausenlose Umwälzungen aber, die keine Gewohnheiten mehr zulassen und jede Routine entwerten, widersprechen dem tiefen Sicherheitsbedürfnis des Menschen. Die Einzigen, die Veränderungen mögen, seien Babys in nassen Windeln, lautet ein altes Bonmot.

Die Antwort auf die gewachsene Komplexität der Welt ist derzeit eine Kultur der Unverbindlichkeit, der atemlosen Dauerreform. Die Summe der kleinen Ungewissheiten und großen Umwälzungen sorgt bei vielen für das Gefühl, von den Zeitläufen überfordert zu sein. Globalisierung. Entdemokratisierung. Radikalisierung. Sterbende Branchen. Pflegeroboter. Komplizierte Handytarife. Machtlose Politik. Rente. Videostreaming. Terrorismus. IBAN. Entfesselte Konzerne. Gentrifizierung. Internet. Die Milch ist weg. Die alte Postfiliale macht dicht.

Die Angst, den Anschluss zu verlieren

Großes und Kleines mischen sich zu einem Wust von Unsicherheitsfaktoren. Soziologen glauben, dass allein die digitale Revolution die Fundamentalkraft der industriellen Revolution weit übertreffen und die Spielregeln des Planeten völlig auf den Kopf stellen wird. Die Folge ist eine erwartungsnervöse, neurotische Gesellschaft, deren emotionaler Arbeitsspeicher einfach voll ist. Latente Instabilität. Lange war der Advent als Besinnungsphase nicht mehr so willkommen.

Natürlich schadet es nie, mal seine Komfortzone zu verlassen. Fortschritt bedeutet im Wortsinne, einen Punkt X hinter sich zu lassen. Aber was, wenn es gar keine Komfortzone mehr gibt? Was bleibt, wenn alles wegkann? Dann suchen sich Menschen Ventile für ihren Überdruck, weit jenseits des klassischen Konservativismus. Machen dicht. Resignieren. Verhärten.

Das diffuse Gefühl, dass das Klima rauer wird, der Ton schärfer, die Debatten schriller hat seine Ursachen auch in der verbreiteten Sorge, den Überblick verlieren zu können. Und den Anschluss. Veränderungen begünstigen nur den, der darauf vorbereitet ist, warnte der Mikrobiologe Louis Pasteur.

Jeder Prozess ist optimierbar

In der Arbeitswelt boomt das "Change Management". Eine ganze Branche lebt vom kontinuierlichen Optimieren auf Kosten des Vertrauten. "Eine Veränderung bewirkt stets eine weitere Veränderung", hat Niccolò Machiavelli gesagt. Gut für die Optimierungsbranche. Schlecht für die älteren Damen, die die H-Milch suchen.

Zeitschriften wie "Business Punk" feiern die Selbstausbeutung in 24/7-Jobs und das Segeln ohne Kompass und geißeln jedes Innehalten als Stillstand und Verkrustung. Mittelständler wären auch gern coole Start-up-Jungs und werfen in Powerpoint-Präsentationen Wirtschaftskitsch an die Wand ("Gipfelstürmer bauen sich eigene Berge!"), um die Restrukturierung irgendeiner Marketingabteilung zu rechtfertigen. Sie alle suchen den kleinen Steve Jobs in sich. Bei dem hat's doch auch geklappt.

Diese vorsätzliche Unrast hat Folgen. Selbst Beziehungen funktionieren inzwischen nach den Mechanismen der Prozessoptimierung. Passt nicht? Läuft nicht? Bilanz stimmt nicht? Nächster. Alles unterliegt dem Kosten-Nutzen-Prinzip. Macht, Geld, Rechte, Privilegien müssen in der freien Gesellschaft ständig erworben, gesichert und gerechtfertigt werden. Dazu dienen quantifizierbare Parameter wie Effizienz, Quoten, Quartalszahlen.

Künstliche Beschleunigung

"Wir produzieren immer mehr Güter und Dienstleistungen in immer kürzerer Zeit", sagte der Beschleunigungsforscher Hartmut Rosa der "Zeit". "Das verändert den sozialen Erwartungshorizont: Wir erwarten voneinander eine höhere Reaktionsfrequenz. Dazu kommt der soziale Wandel: Wir sind ungeheuer flexibel – und finden immer weniger Verankerung."

Natürlich kann man den Lauf der Welt nicht künstlich bremsen. Aber man kann ihn künstlich beschleunigen. Das geschieht in atemberaubendem Ausmaß. Die Halbwertszeit von Waren, Popkarrieren, Medienskandalen, Geschäftsmodellen und Lebensentwürfen schrumpft rasant. "Neu" ist nicht mehr neu. Neu ist immer.

Beispiel Musik: 80 Jahre lang gab's die Schallplatte, 20 Jahre die CD, zehn Jahre lang den Download, jetzt das Streaming. Die Innovationszyklen schrumpfen exponenziell. Was kommt nächste Woche? Beispiel Dienstleistungen: "Flexibel" – das bedeutet am Ende meistens, dass ein gehetzter Minijobber ein Paket in eine weit entfernte Paketbox stopft und das Ganze "Zustellung" nennt.

Die Frage nach dem Nutzen entfällt

Beispiel Technik: Nervtötende Windows-Updates erinnern uns fast täglich daran, dass Istzustände nicht zu tolerieren sind. Die Begeisterung über technische Visionen überdröhnt jede Frage nach dem Nutzen. Wer außer ein paar überdrehten Automobilmanagern und Google-Nerds glaubt eigentlich ernsthaft an den Erfolg selbstfahrender Autos? Wer setzt sich und seine Kinder in ein 160-Stundenkilometer-Geschoss auf der A 7 und guckt dann eine Netflix-Serie?

Genügt es nicht, dass wir seit 20 Jahren über vernetzte Kühlschränke reden, ohne dass auch nur ein Küchenmöbel jemals einen Liter Milch selbstständig bestellt hätte? War das nicht Warnung genug, dass Menschen Dinge, die ihren Instinkten widersprechen, ablehnen? Gerade wurde ein Kühlschrank mit WLAN-gesteuerter Innenkamera vorgestellt. Eine App zeigt Livebilder aus dem Inneren. Man könne so feststellen, was fehlt. Ja. Oder man macht einfach die Tür auf.

Gegen den Fetisch Veränderung aber kommt kein Einzelner an. "Da müssen alle individuellen Entschleunigungsstrategien fast notwendigerweise scheitern", sagt Rosa. Aber wie kann es sein, dass im Zeitalter von Work-Life-Balance-Beauftragten und Kantinen-Massagen so viele Arbeitnehmer das Gefühl haben, kaum den Kopf heben zu können? Wie kann es sein, dass die Segnungen der Moderne keine Glücksgefühle auslösen, sondern Stress?

Wandel passiert von allein

Eine Erklärung liegt im alten Drei-Phasen-Modell des US-Sozialpsychologen Kurt Lewin. Für ihn beginnen Veränderungsprozesse mit dem "Unfreezing" – dem Aufbrechen der alten Strukturen. Es folgt das "Moving" – die  Umgestaltung selbst. Und am Ende steht dann das "Refreezing" – die Stabilisierung der neuen Routinen.

Diese dritte Phase aber fällt immer öfter aus. Stattdessen mutet sich die Gesellschaft ein permanentes "Unfreezing" zu. Als stehe der Mensch im 21. Jahrhundert unter Dauerverdacht, ohne permanentes Aufgescheuchtwerden sofort zu erstarren.

Aber: "Wer hohe Türme bauen will, muss lange am Fundament verweilen", sagte Anton Bruckner mal, der österreichische Komponist. Die Frage lautet nicht, ob Wandel sein muss. Er passiert. Die Frage lautet, ob Bewährtes über Bord gehört, nur weil es schon ein paar Jahre funktioniert. Was wir brauchen: eine Rückbesinnung auf die Fundamente.

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