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Lasst die Alten in Ruhe!

Altersdiskriminierung und Jugendwahn Lasst die Alten in Ruhe!

Wir leben in einer Gesellschaft, die sich nicht eingestehen will, dass sie ergraut. Wir verbinden den Lebensherbst mit Niedergang und Krankheit, die Jugend dagegen erscheint als Ideal. Es ist Zeit für eine Neubesinnung auf den Wert des Alters.

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Das Alter gilt als Makel, die Jugend als Ideal: Zeit für eine Neubesinnung auf den Wert des Alters.

Quelle: Getty Images

Hannover. Sprechen wir von den Alten. Nicht von Älteren. Nicht von Rentnern, nicht von Senioren. Verzichten wir auf beschönigende Schleierkonstruktionen wie “Ü-60“, “70plus“ oder das schlimme Modewort “Best Ager“. Sagen wir es, wie es ist: Viele Menschen in diesem Land sind alt. Und es werden mehr. Sehr viel mehr. Sie sind Alte.

Das Wort ist schon fast ein Tabu. Eine Beleidigung. Denn “alt“ wird – anders als in vielen Kulturen der Welt – hierzulande mit Niedergang, Gestrigkeit und Verfall assoziiert. Ein negativer kultureller Code. Jeder will alt werden, aber niemand will alt sein. Man ist “jung geblieben“, “gut erhalten“ – oder tot. Dazwischen ist nichts. Altsein? Gilt als Schönheitsfehler, als zu übertünchender Makel. Eine milliardenschwere Anti-Aging-Industrie hält ein gewaltiges Arsenal an Tarnungsoptionen bereit. Junge Haut! Potenz für immer!

Parallel macht der mediale Kniefall vor Jugend und ewiger Blüte eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit dem Thema unmöglich. Die Folge ist simulierte Adoleszenz bis ins Grab. Mit fast zwanghafter Infantilität demonstriert die wachsende Schar der Alten modisch, visuell und emotional, dass sie nicht zum alten Eisen gehört – und liest mit Freude Selbstvergewisserungsbestseller wie “Nein, ich möchte keinen Seniorenteller!“

Versicherungen kalkulieren “Langlebigkeitsrisiken“

Alter? Eine Zumutung. Das hat etwas mit dem Wunsch nach Teilhabe zu tun. Aber auch mit den unausgesprochenen Erwartungen der Umwelt. Denn jeder, der sichtbar das Klischee eines “Alten“ erfüllt, erinnert die Gesellschaft an eine schmerzhafte Tatsache: dass jeder Einzelne und das Land rapide altern.

Nie zuvor in der Geschichte gab es mehr Alte als Junge. Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der 20- bis 64-Jährigen in Deutschland um mehr als sechs Millionen sinken. Gleichzeitig steigt die Zahl der Über-65-Jährigen um fünf Millionen an. Die westlichen Gesellschaften ahnen, dass sie mitten in ungeheuren kulturellen Umwälzungen stecken. Sie reagieren mit aggressivem Jugendwahn. Schon 45-Jährige gelten als “ältere“ Arbeitnehmer. Versicherungen kalkulieren “Langlebigkeitsrisiken“. Rentner sind – im wahren Wortsinn – nicht mehr gefragt. Werden ausgemustert. Wegsortiert.

Das Elend in den Altersheimen, in denen Tausende pro Jahr an Mangelversorgung sterben, wird ignoriert. Populistische Parteien missbrauchen das Thema Altersarmut nur als sozialpolitische Waffe. Und viele Alte erleben im Alltag offene Ablehnung, werden als halsstarrig gebrandmarkt, belächelt, verlacht. Beim langsamen Einstieg in den Bus. Beim Abzählen von Kleingeld, weil die Augen nun mal schlechter werden. Beim Rätselraten vor Automaten oder Handys. Beim Kontakt mit der Krankenkasse, die ein Arztformular gern per Mail hätte.

Alterung ist ein Stigma

Alterung – einer der am wenigsten verstandenen Prozesse der Biologie – ist ein Stigma. Die Folge ist ein wechselseitig gestörtes Verhältnis der Generationen. Die Alten? Sind doch nur reaktionäre Bremsklötze und senile Kostgänger. Die Jungen? Sind doch nur respektlose Klugscheißer.

In den Neunzigerjahren inszenierten die Medien die Verteilungskämpfe um die knapper werdende Rente als Generationenkonflikt, der bis heute nachwirkt. “Krieg den Alten!“, forderte damals “Die Woche“, “Wie die Alten die Jungen ausplündern“, schäumte der “Focus“. 34 Prozent der Deutschen (aller Altersgruppen) halten Altersdiskriminierung heute für “sehr oder ziemlich verbreitet“.

So alltäglich ist die Gerontophobie, dass sich Komiker Jan Böhmermann in seiner ZDF-Sendung “neoMagazin Royale“ über die grassierende Seniorenfeindlichkeit lustig machte. “Alte Menschen machen unser schönes Deutschland kaputt“, schäumte er ironisch. Sie nähmen “uns jungen Leuten die Trendsportarten weg“, seien “die Sandsäcke unserer Gesellschaft“, “verwesender Sozialballast“. Alte Menschen bestünden “zu 4 Prozent aus grauen Haaren, zu 35 Prozent aus schlaffem Bindegewebe und zu 61 Prozent aus Geschichten von früher“.

Die Angst vor kollektiver Vergreisung

Böhmermanns inszenierter Zorn – der in Wahrheit auf intolerante Altersrassisten abzielte – traf einen Kern. Tatsächlich ist die offene Ablehnung des Alters in der jüngeren Generation weit verbreitet. “Boah, ich hasse Senioren“, heißt es in einem Blog. “Dieser typische, abwertende, griesgrämige, verhärmte, verbitterte Blick, wenn die Musik in den Kopfhörern zu laut ist, man homosexuell ist oder Lebensfreude offen zur Schau stellt“. Brexit, Trump, Finanzkrise, Pegida – an allen Übeln der Welt sollen alte weiße Männer schuld sein, obwohl die Statistiken vielschichtiger sind.

Klickorientierte Netzmedien fragen hämisch, “Warum ältere Menschen aus Deutschland einen Ort von Hass und Missgunst machen“ (“Huffington Post“), lästern über die “Generation Rollator“ (“Spiegel Online“) und zürnen über “Alte-Säcke-Politik“ (“Die Zeit“). Darin schwingt der Zorn einer Gesellschaft mit, die sich dabei ertappt fühlt, kein Mittel gegen die kollektive Vergreisung zu haben. Dabei gäbe es gleich zwei: Akzeptanz. Und Rückbesinnung auf die Qualitäten des Alters.

Auch im christlichen Abendland galt Alter längst nicht immer als Malus. Im vierten Gebot “Du sollst Vater und Mutter ehren“ geht es nicht bloß um Gehorsam und Ehrfurcht, sondern um einen moralischen Grundkonsens: Respekt, Zusammenhalt, Solidarität. In beide Richtungen.

Der Ruhestand ist ein Neuzeitphänomen

Alte Bauern, Handwerker und Kaufleute hatten alles zu vermeiden, was ihr Vermögen zuungunsten der Kinder schmälerte. Adolph Freiherr von Knigge tadelte 1790 “den Greis, der den Stutzer oder lustigen Studenten spielt“. Und in den Jahrhunderten der bäuerlichen Agrar- und Handwerkergesellschaft waren die Alten das Archiv der Überlebenskunst. Erfahrungswissen wurde hoch geschätzt.

Erst die Industrialisierung zerschlug gnadenlos das Althergebrachte. Wer seine Arbeitskraft nicht mehr zu Markte tragen konnte oder wenigstens als Konsument taugte, war nichts mehr wert. In den Nullerjahren des 20. Jahrhunderts wuchs dann der Jugendkult mit Jugendstil, Sportlerverehrung und Naturburschenidyll. Vätersitte und Gewohnheit? War von gestern. Ältere? Kosten bloß Geld. Diese Ressentiments haben bis heute Bestand.

Die letzten Jahre in Freizeit zu verbringen ist ein junger Luxus. In 99,99 Prozent der Geschichte unserer Spezies wurden Menschen im Schnitt 40 Jahre alt. In Deutschland hat sich die Lebenserwartung in den letzten 100 Jahren fast verdoppelt – eine Frucht moderner Medizin, verbesserter Hygiene und erhöhtem Lebenskomforts. Das bürgerliche Bild der Großeltern, die ihre Enkel liebevoll begleiten, entstand erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Ruhestand – quasi die solidarische Restlaufversorgung durch die Gesellschaft – ist ein Phänomen der Neuzeit. Das Deutsche Kaiserreich war 1889 das erste Land der Welt, das eine gesetzliche Rentenversicherung einführte.

Alter ist mehr als ein finanzielles Risiko

“Uns ist aufgegeben, das Altern zu kultivieren“, schrieb Frank Schirrmacher (“Das Methusalem-Komplott“). Und Hermann Hesse meinte: “Das Alter ist nicht bloß ein Abbauen und Hinwelken; es hat, wie jede Lebensstufe, seine eigenen Werte, seinen eigenen Zauber, seine eigene Weisheit“.

Stattdessen tat die Menschheit stets ihr Möglichstes, dagegen zu kämpfen: Aristoteles schwor auf Diät und Mäßigung, Paracelsus sah Alterung als “Selbstvergiftung“. In der Renaissance legte man altersschwachen Greisen Jungfrauen ins Bett, deren “Ausdünstungen“ (ohne Sex) verjüngend wirken sollten.

Wenn die Vergreisung des Landes nicht mit Erstarrung einhergehen soll, müssen wir verstehen lernen, dass Alter – wie Jugend – keine Krankheit ist. Und dass unsere Alten mehr sind als ein anschwellendes Meer graubeigefarbener Bedürftiger. So lange wir beim Stichwort Alter an Krebs, Demenz, Arthrose, Grauen Star, Langsamkeit, Rentenlücken und Inkontinenz denken und nicht an Wissensreichtum, Erfahrungsschätze, Solidität und Reife, wird es unmöglich sein, im demografischen Wandel nicht bloß finanzielle Risiken zu sehen.

Alter als Orientierungshilfe

Die nationale Verehrung kluger Methusalems – wie etwa des verstorbenen Helmut Schmidt – verrät etwas über die heimliche Sehnsucht nach weltentrückten Orientierungshelfern. “Die größte Kulturleistung eines Volkes sind die zufriedenen Alten“, heißt es in Japan, wo man jährlich im September den Tag zur Ehre der Alten (Keiro no hi) feiert.

Wo bleibt der Stolz der Alten auf ihr Alter? Wo der Stolz der Jungen auf ihre Alten? “Graues Haar ist eine prächtige Krone auf dem Weg zur Gerechtigkeit“, heißt es im Alten Testament. Also lasst die Alten in Ruhe. Wir brauchen sie. Oder wie es in einem alten Kalauer ein bisschen böse heißt: “Ehret die Alten, bevor sie erkalten.“

Die Menschen werden immer älter. Es wird Zeit, diese Tatsache nicht bloß als sozialpolitisches Problem zu begreifen, sondern als Chance.

Von Imre Grimm

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