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Liebe Europäer, rettet uns bitte!

Transatlantische Beziehungen Liebe Europäer, rettet uns bitte!

Die USA haben Europa vom Faschismus befreit. Die Vereinigten Staaten waren 70 Jahre lang der Eckpfeiler des transatlantischen Bündnisses. Nun stellt eine neue Regierung all diese Errungenschaften infrage. Höchste Zeit, dass Europa Stärke zeigt.

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Miss Liberty schwächelt: Viele Amerikaner fürchten um ihre Freiheit.

Quelle: LOJOD

Washington. Liebe Europäer, ihr kennt ja den alten Spruch: Wenn wir Amerikaner nicht gewesen wären, würdet ihr heute alle Deutsch sprechen. Wir kamen euch zu Hilfe, als in Europa im Zweiten Weltkrieg die Demokratie durch die Tyrannei zertrampelt wurde. Wir haben damals die Flammen des Faschismus erstickt, haben den Feind besiegt, haben ein neues Fundament für die Demokratie geschaffen.

Wie es aussieht, müsst ihr diesmal uns helfen. Ihr müsst uns bitte retten.

Fast 70 Jahre lang waren die Vereinigten Staaten der Eckpfeiler der westlichen Allianz. Wir standen an eurer Seite: als Bollwerk gegen jede russische Aggression, als wirtschaftlich und militärisch mächtiger Garant der gemeinsamen Sicherheit des Westens. Wir haben das nicht getan, um euch vorzuschreiben, was ihr tun sollt. Wir haben uns als Partner aufgestellt, die gemeinsam etwas erreichen wollen und die einfach gut zueinanderpassen.

Nun gerät dieses Bündnis in Gefahr. Wir wissen, dass auch ihr populistische Bewegungen habt, die gegen eine atlantische Gemeinschaft beim Handel sind und gegen eine atlantische Gemeinschaft zur Sicherung des Friedens.

Bei uns waren vor der Präsidentschaftswahl im vorigen November auch viele misstrauische, verärgerte Wähler unterwegs. Leute, die ein Zeichen setzen und aus ihrem Wahlzettel einen Denkzettel machen wollten. Heute wissen wir: Wir haben es verbockt.

Ich weiß, ihr sagt jetzt: Ach, die Amerikaner! Die reden viel von gemeinsamen Werten. In Wirklichkeit sind sie dann doch etwas anders. Und es stimmt ja: Wenn man uns Amerikaner allein lässt, kochen wir Spaghetti viel zu weich. Wir mixen Wein mit Sprite. Und greifen beim Fußball plötzlich mit der Hand zum Ball.

Aber nehmt uns doch trotz all dieser Seltsamkeiten bitte ab, dass ihr Europäer nichts Geringeres seid als die Liebe unseres Lebens: Die Beziehung zu euch ist die einzige, von der wir uns eine wirklich langfristige Bindung erhofft hatten.

Jetzt allerdings wollen Wladimir Putin und die von ihm geführten populistischen Marionettenfiguren uns spalten. Und der neue amerikanische Präsident ist der führende Akteur in diesem unseligen Spiel.

Wir gehen jetzt also auf eine Sauftour mit den Russen.

Die ganze Sache ist, völlig klar, unser Fehler. Wir Amerikaner haben unser Land durch eine Wahl eigenhändig in große Schwierigkeiten gebracht. Donald Trump scheint bereit zu sein, nein: er ist sogar scharf darauf, die langjährige Partnerin der USA, die Europäische Union, aufzugeben. Sie einzutauschen wie gegen ein neues Modell, das ihm oben ohne entgegenkommt. Er fällt rein auf stillose Dinge, die blinken und blitzen – nun ja, was soll man, vor allem als Amerikaner, dazu sagen?

Wir gehen jetzt also auf eine Sauftour mit den Russen. Viele von uns allerdings mögen diese neue Beziehung nicht. Viele von uns verdächtigen den neuen Verehrer, er trickse unsere Hirne mit Psychospielen aus. Von euch Europäern kennen viele den neuen Mann an unserer Seite und wissen, wie unangenehm zudringlich er sein kann.

Nun haben wir eine Bitte: Könntet ihr bitte, solange wir auf für uns unbekannten Abwegen unterwegs sind, die Rolle des Bollwerks übernehmen? Einfach mal eine Weile die Fackel der liberalen Demokratie hochhalten?

Ihr seid dazu durchaus imstande, liebe Europäer. Putin unterstützt zwar auch in euren Ländern alle populistischen Parteien. Seine Internet-Trolle werden auch bei euch versuchen, die Stimmung in seinem Sinne zu beeinflussen, etwa vor den Wahlen in Frankreich.

Doch ihr habt noch immer die Chance, solche fremden Einflüsse abzuschütteln und euch ganz eigene, neue Lösungen zu überlegen für die Probleme unserer Zeit. Natürlich gibt es für Teile eurer populistischen Strömungen nachvollziehbare, authentische Gründe. Vor allem stellen sich neue Gerechtigkeitsfragen. Das habt ihr Europäer immer gesagt, und es stimmt ja auch.

Ja, wir haben in unserer globalisierten Wirtschaft viel neuen Reichtum geschaffen – und wenig getan, um den Wohlstand besser zu verteilen. Ja, Politiker in Washington wie in Brüssel scheinen umgeben zu sein von einer undurchdringlichen bürokratischen Blase. Und ja: Vor diesem Hintergrund sah es dann zynisch aus, wenn wieder mal die globalen Eliten in Davos zusammenkamen, um mit teurem Whiskey darauf anzustoßen, wie nett man doch auch zu den Armen dieser Welt sei. Und während dies alles geschah, haben ungezügelte Kriege einen breiten Strom von Migranten in Gang gesetzt, der sich in Richtung Europa bewegt und dort inzwischen sämtliche politischen Systeme unter erheblichen Druck setzt.

Ich weiß, liebe Europäer, dass ihr es derzeit auch nicht leicht habt. Umso mehr wären wir euch dankbar, wenn ihr unser gemeinsames Ziel nicht aus den Augen verlieren würdet: eine offene, moderne und liberale Demokratie. Diese bessere Welt möchten auch wir gern ansteuern, sobald wir zurückkehren können an eure Seite. Bitte tut uns den Gefallen: Rettet uns.

Alex Finley, lebt als Autorin („Politico“) und Satirikerin („Victor in the Rubble“) in den USA. Sie arbeitete zuvor als CIA-Beamtin in Westafrika und Europa.

Von Alex Finley

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