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Mein lieber Freund

Männer-Freundschaften Mein lieber Freund

Bromance heißt die tiefe innere Bindung zwischen heterosexuellen Männern. Mehr als Freundschaft, weniger als Liebe – und ohne jede sexuelle Absicht. Auch Kerle bekennen sich zunehmend zu ihrem Bedürfnis nach Nähe. Jetzt spiegelt die Popkultur das Phänomen, das in Wahrheit uralt ist.

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Es muss Liebe sein. So schön zicken nur Liebende. Da liegt der Polizist Martin Riggs (Mel Gibson) schwer angeschossen und blutend im Hafen. „Du atmest, du lebst, du bist nicht tot, hast du das verstanden?? Du bist nicht tot, BIS ICH ES SAGE!“, fleht sein Partner Roger Murtaugh (Danny Glover) und hält ihn im Arm.  – „Hey, Rog“, murmelt Riggs, „in meiner Tasche ...“ – „In deiner Tasche?“ Murtaugh holt Zigaretten aus der Hosentasche. – „Ich will, dass du sie wegwirfst“, murmelt Riggs und grinst, „diese Dinger bringen einen um“. Beide lachen. Hysterische Erleichterung. „Du verdammter Mistkerl!“, ruft Murtaugh und streicht ihm übers Haar. „Ja“, sagt Riggs, breit grinsend. „Ich liebe dich auch. Gib mir einen Kuss, bevor sie kommen.“

„Lethal Weapon“, die legendäre Buddy-Cop-Reihe, die 1987 startete, ist die cineastische Blaupause für Bruderliebe unter Nichtbrüdern. Riggs und Murtaugh flachsen herum, foppen sich und spielen selbst vor dem Hintergrund existenzieller Todesgefahr mit homoerotischen Klischees, immer ironisch abgesichert. Die „stahlharten Profis“ – die gar nicht so stahlhart sind – reihen sich damit ein in die Riege großer männlicher „Double Acts“ des 20. Jahrhunderts, die ihre Gegensätzlichkeit zum Markenkern und zur Basis einer rauen, aber herzlichen Verbindung machten: Stan Laurel & Oliver Hardy, Jerry Lewis & Dean Martin, Jack Lemmon & Walther Matthau – und auch Pierre Brice & Lex Barker, die sich in den Karl-May-Verfilmungen per Bluteid die Treue schworen („Mein Bruder“).

1969 kamen in einem Jahr gleich drei Männerkumpel-Klassiker ins Kino: „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ (Paul Newman und Robert Redford), „Easy Rider“ (Peter Fonda und Dennis Hopper) und „Midnight Cowboy“ (John Voight und Dustin Hoffman) – es war der popkulturelle Urknall für das „Buddy Movie“-Erfolgsgenre, das immer auch als maskuliner Schutzraum vor der feministischen Offensive diente. Bei der reflexhaften Rückversicherung auf die eigene Männlichkeit halfen die kumpeligen, Sprüche klopfenden, sich ständig abklatschenden Lederjacken-Machos wie  „Starsky & Hutch“, Bud Spencer & Terence Hill, Eddie Murphy & Nick Nolte oder Dan Aykroyd & John Belushi als „Blues Brothers“. In jüngster Zeit kamen emotional vielschichtigere „Buddies“ dazu: Ben Affleck & Matt Damon in „Good Will Hunting“,  Jonah Hill & Michael Cera in „Superbad“, Paul Rudd & Jason Segel im Kinofilm „I love you, Man!“, Joey & Chandler in „Friends“, Benedict Cumberbatch & Martin Freeman in den „Sherlock“-Filmen.

Hollywood nahm vorweg, was sich zum „Bromance“-Phänomen entwickelt hat: die enge, vertrauensvolle, aber ganz und gar platonische Langzeitverbindung zweier heterosexueller Männer. Mehr als Freundschaft. Mehr als ein Zweckbündnis. Aber keine Liebesbeziehung. Auch keine aus männerbündlerischem Corpsgeist geborene Kameradenloyalität. Sondern eine tiefe, nichtsexuelle Seelenverwandtschaft, die das männliche Verlangen nach einem komplikationsarmen Ausweg aus der Einsamkeit erfüllt.

Das Wort „Bromance“ – eine Verschmelzung aus „Brother“ und „Romance“ – entstand in den Neunzigern in der Skaterszene, geprägt von Dave Carnie, Redakteur des Skateboard-Magazins „Big Brother“. In der verschworenen Skaterwelt gilt seit jeher der „Bro-Code“, der Ehrenkodex unter „gefühlten Brüdern“, den TV-Helden wie Barney Stinson (Neil Patrick Harris) in „How I Met Your Mother“ dann später in den Mainstream injizierten. MTV zeigte einst gar eine kurzlebige Reality-Show namens „Bromance“, in der Kandidaten um die Freundschaft des Gastgebers buhlten. Wie der „Bachelor“ für Kerle, nur ohne Sex.

Körperlich kompensierten Männer ihre Intimitätsbedürfnisse stets beim halb lockeren Schulterklopfen, beim Faust-an-Faust-Fistbump und in den verschwitzten Jubeltrauben beim Fußball. Wer sich jedoch seelisch öffnete, wer seine Verletzlichkeit zu offensiv offenbarte, geriet schnell unter „Homoverdacht“. Vom Mann verlangte die Gesellschaft Härte, Kontrolle, Potenz, Stoizismus – alles andere: Gedöns. Frauenkram. Die Folge: ein fester emotionaler Schutzpanzer. Und dahinter die tiefe Angst, für einen unmännlichen Stoffel gehalten zu werden. Es blieben die drei großen Tabus der Männerwelt: Gefühle, Gemüse und Geld.

Dabei ist die Not groß. Frauen haben beste Freundinnen, man knutscht, hält Händchen. Männer aber, speziell weiße, mittelalte Exemplare, sind soziologisch gesehen die einsamsten Menschen der Welt. Keine andere Gruppe hat weniger enge Freunde, keine ein weitmaschigeres soziales Netz. Freundschaften sind gesund. Das „Kuschelhormon“ Oxytocin schützt vor Stress, Infektionen, Schmerzen, Herzerkrankungen und seelischen Tiefs. Menschen mit guten Freunden haben gegenüber Einsamen eine um bis zu 60 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, in den nächsten zehn Jahren zu sterben. Und: Die Männer ahnen das.

„Wir dachten lange, wir messen Männer mit Frauenmaßstäben und sie bräuchten einfach nicht so viel Nähe und Rückhalt wie Frauen“, schreibt die US-Autorin und Soziologin Lisa Wade. „Aber das stimmt nicht. Sie sehnen sich genauso nach seelischer Intimität. Sie wissen bloß nicht, wie das geht.“ Denn die Gesellschaft beginnt weiterhin früh, ihnen alles Gefühlige unterschwellig auszutreiben.

Bis zur Pubertät sprechen auch Jungen offen und freimütig über Gefühle, Ängste und die Wichtigkeit von Freundschaften, hat die Psychologin Niobe Way festgestellt. Mit 15 oder 16 Jahren ändert sich das schlagartig – Jungen behaupten dann plötzlich, keine Freunde zu benötigen, allein zurechtzukommen. „Freundschaft – das ist so’n bescheuertes Konzept“, schimpft Paul Rudd in „I Love you, Man!“. Die Einsamer-Wolf-Prägung beginnt. „In dieser Zeit lernen Jungen, was Männlichkeit bedeutet“, schreibt Way. „Und die wichtigste unausgesprochene Regel lautet: Vermeide alles Weibliche.“   

Das erschwert für den Rest des Lebens nicht nur Intimbeziehungen, sondern auch die Freundschaftspflege. Hinzu kommt: Wer immer der Beste, Schnellste, Stärkste sein will, wird keinen Freund auf Augenhöhe finden. Selbst Schimpansen haben innerhalb ihrer Gruppen engste Freunde, die sie vor Stress schützen, haben Forscher in Uganda herausgefunden. Ratten suchen sich Kuschelkumpels, um sich von Belastungen zu erholen. „Wenn Ratten das können, können Männer das auch“, sagt die Forscherin Elizabeth Kirby von der Universität Berkeley trocken.

Männerfreundschaften sind eher Fluchtzonen: In der emotionalen Sicherheit einer frauen- und sexfreien Kumpelbeziehung, wo sich die Kommunikation auf ein paar Grunzlaute beschränkt, blüht mancher Kerl geradezu auf. Hier droht kein Problemgespräch, kein Julia-Roberts-Film, kein Rucolasalat. Es ist eine eskapistische Fantasie mit langer Tradition: Platon im antiken Griechenland hielt die tiefe Freundschaft, die über alles Begehren hinausreicht, für die erfüllendste, wertvollste Beziehung eines Menschen überhaupt. Die Weltliteratur ist voll von derlei platonischer Männerliebe – von James Fenimore Coopers Freundschaft zwischen „Lederstrumpf“ Nathaniel (Natty) Bumppo und dem Indianer Chingachgook über Herman Melvilles Ishmael und Queequeg in „Moby Dick“ bis zu Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Zwei Männer, ein Floß. Mehr braucht es manchmal nicht.

Und trotzdem hat es Jahrhunderte gedauert, bis sich auch das hominide Männchen zu seinem Bedürfnis nach Nähe und Intimität jenseits der Sexualität bekennt. Männer lernten, sich Frauen zu öffnen. Allmählich lernen sie auch, sich einander zu öffnen. Dabei hilft, dass männliche Körperlichkeit nicht mehr automatisch unter homoerotischem Dauerverdacht steht. 98 Prozent aller US-Collegeabsolventen haben schon mal mit einem Mann schlafend das Bett geteilt, 93 Prozent sogar Arm in Arm.

Kuscheln unter Kerlen? Es hat sich herumgesprochen, dass heterosexuelle Männer heterosexuell bleiben. Auch wenn sie gelegentlich dem Knuddelimpuls nach- und ihre Gefühle preisgeben.

Von Imre Grimm

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