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Zuhause im Denkmal

Tag des offenen Denkmals Zuhause im Denkmal

An diesem Sonntag sind allerorten Denkmäler zur Besichtigung geöffnet – und teilweise sind es die Bewohner selbst, die Gäste in ihrem Zuhause willkommen heißen. Besuch bei Menschen, die ein Denkmal bewohnen.

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Traumhaft leben im historischen Bauwerk: Der Wasserturm in Ravensberg ist nur eines von vielen Baudenkmälern, die auch bewohnt sind.

Quelle: Sonja Paar

Hannover.  

Kankelau: Die Kate mit den Kanonenkugeln

Sigrid Schenkenberg mit zwei Kanonenkugeln, die sie in ihrer im Jahr 1651 errichteten Bauernkate in Kankelau gefunden hat

Sigrid Schenkenberg mit zwei Kanonenkugeln, die sie in ihrer im Jahr 1651 errichteten Bauernkate in Kankelau gefunden hat.

Quelle: Lauenburg

Wer auf ihre Kate geschossen hat, weiß Sigrid Schenkenberg nicht, aber die Munition ist noch vorhanden: Drei Kanonenkugeln – und damit wird schon klar, dass der Beschuss vor langer Zeit stattgefunden haben muss. Heute lebt es sich in der 1651 errichteten Bauernkate in Kankelau im Herzogtum Lauenburg sehr ruhig und friedlich. Das Gebäude unter dem dicken Reetdach ist ein Rauchhaus – ein in norddeutschen Dörfern vor Jahrhunderten üblicher Haustyp. Die Besonderheit: Wohnbereich und Stall waren unter einem Dach vereint, einen Schornstein gab es nicht. Im Inneren des Hauses waberte also ständig der Rauch des offenen Herdfeuers.

Die dicke Luft hat Sigrid Schenkenberg längst vertrieben, eine gasbetriebene Zentralheizung wärmt das Haus. Die alten Öfen sind aber noch vorhanden und funktionstüchtig, vor allem der doppelte Schwibbogenherd. Um diesen riesigen Ofen versammelte sich einst die ganze Familie – samt Kuh und Ziege. Die seitlichen Wangen und der gemauerte Bogen über der Feuerstelle schützen Möbel und Menschen gegen Funkenflug. Auch der Lehmboden im Eingangsbereich hinter den schweren Holztüren erinnert an die Bauzeit der Kate. Und nach wie vor genutzt wird das kuschelige Bett in einem Wandschrank.

Sigrid Schenkenberg und ihr Mann zogen 1981 in die damals ziemlich morsche Kate. Eine Grundrestaurierung war angesagt – und viel Historisches war zu erhalten. “Wir hatten keine Ahnung von alten Häusern und mussten viel lernen“, erzählt die Besitzerin. So war das ursprüngliche Haus an beiden Giebelseiten im 18. und im 19. Jahrhundert beachtlich verlängert worden. Im Zuge der Restaurierung entdeckte die heutige Hausbesitzerin übrigens nicht nur die Kanonenkugeln, von denen eine sogar noch in der Wand steckte. Auch ein Steinmesser aus der Jungsteinzeit fand Sigrid Schenkenberg: “Das lag unter der Türschwelle. Der Aberglaube sagt, dass es dort Glück bringt.“

Von Norbert Dreessen

Ricklingen: Ein Rittergut zum Glücklichsein – und Arbeiten

Das Rittergut Edelhof im hannoverschen Stadtteil Ricklingen

Das Rittergut Edelhof im hannoverschen Stadtteil Ricklingen.

Quelle: Heidrich

Eingebettet in einen Landschaftspark liegt das Rittergut Edelhof. Zum Stadtzentrum von Hannover sind es nur zehn Minuten, doch hier in Ricklingen ist Alltagshektik weit weg. Vor zwei Jahren ist der letzte Gutsherr gestorben, den die Leute im Stadtteil mit Herr Baron anredeten, auch wenn er schlicht Victor Jürgen von der Osten hieß. Jetzt lebt seine Nichte mit ihrer Familie in dem Gutshof. Und Charlotte von Klitzing sagt frei heraus: “Es ist wundervoll – ich bin einfach nur glücklich, hier wohnen zu dürfen.“

Dabei ist der Erhalt eines Denkmals dieser Dimension nicht einfach. Außer dem Hauptgebäude gehören eine Kapelle aus dem 14. Jahrhundert und sechs weitere Gebäude zu dem Ensemble. Wenn Fenster ausgetauscht oder Dächer neu gedeckt werden müssen, sind das etwas andere Kosten als bei einem Einfamilienhaus. Victor Jürgen von der Osten hat vorausschauend geplant und das Familienerbe in eine Stiftung eingebracht. Von Klitzing ist deren Vorsitzende und sagt: “Die Verwaltung des Gutshofs ist ein Fulltimejob.“ In den Nebengebäuden sind zwölf Wohnungen eingerichtet. Ehemalige Ländereien sind verpachtet, auch dort wurden Häuser gebaut. Die Erträge finanzieren den Erhalt der Anlage.

Hat das Leben auf dem Rittergut etwas mit “Macht und Pracht“ zu tun, dem Titel des diesjährigen Denkmaltags? Charlotte von Klitzing lächelt. Im Gegenteil, sagt sie: eher mit Verantwortung und der Bereitschaft, das Denkmal mit anderen zu teilen. So hat sie jüngst zum Tag der Architektur öffentlich zur Besichtigung auch ihrer Wohnräume eingeladen. Die sind stilvoll und schick, aber nicht prunkvoll. „Wer hier Gold und Brokat erwartet hat, wurde enttäuscht“, sagt sie. “Aber ich war überrascht, wie interessiert die Besucher waren und wie kommunikativ der Tag war.“

Mit ritterlichem Leben habe der Alltag wenig zu tun. Bis auf ein Detail. “Ich habe zwei Prinzen hier“, sagt sie augenzwinkernd. Die Söhne sind sechs und vier Jahre alt.

Von Conrad von Meding

Breitenborn: Gästemühle auf dem Hexentanzplatz

Daniela Stähr (links) und Beate Edelmann in ihrer historischen Mühle

Daniela Stähr (links) und Beate Edelmann in ihrer historischen Mühle.

Quelle: Martin Krauß

In Breitenborn, einem kleinen Dorf im hessischen Main-Kinzig-Kreis, hat in diesem Jahr eine historische Mühle neu eröffnet. Die neuen Eigentümer das Mühlenanwesen leben nicht nur in dem mittelalterlichen Denkmal. Sie teilen auch die fast 300-jährige Geschichte der Mühle mit jedem, der sich dafür interessiert.

“Breyden Born“ ging im 17. Jahrhundert als “Hexentanzplatz“ in die Gerichtsakten des Büdinger Grafen ein. Ein Forsthof, eine Glashütte waren die ersten Betriebe in den frühen Jahren, die Siedlung wuchs, zwischen 1670 und 1680 erbaute der erste Breitenborner Müller seine Mühle. Auch das Geschäft florierte, die Landwirte der Region ließen alle ihr Getreide in Breitenborn mahlen.

Anfang des 20. Jahrhunderts baute die Müllerfamilie Barget ein weiteres Wohnhaus auf dem großen Gelände. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde zum ersten Mal in der Geschichte der Breitenborner Mühle der Betrieb eingestellt, die Nationalsozialisten nutzten das Gebäude als Lager. Doch die Geschwister Siegrid und Horst Barget nahmen in der dritten Generation den Betrieb wieder auf, kümmerten sich um das historische Bauwerk und investierten in moderne Technik. Der Ersatz des alten Mühlrads durch eine Turbine konnte den wirtschaftlichen Verfall aber nicht mehr aufhalten. 1965 stellte die Breitenborner Mühle die Arbeit ein.

Vor zwei Jahren kauften Beate Edelmann (im Bild oben rechts) und Daniela Stähr (links) das gesamte Ensemble. Warum? “Wir haben die Mühle immer bewundert“, sagt Beate Edelmann einfach. Und sie hatten eine Idee: Zuerst wurde das Nebengebäude als Gästehaus eingerichtet. Später soll ein Mehr-Generationen-Haus daraus werden. Mit den Einnahmen – hier lassen sich auch wunderbare Feste feiern – wollen sich die Besitzerinnen einen großen Traum erfüllen: “Unser Ziel ist es, die Mühle in drei Jahren wieder in Betrieb zu nehmen.“ Mit historischem Mühlrad und allem, was dazugehört.

Von Martin Krauß

Göttingen: Studentenleben in Bismarcks Bude

Das Bismarckhäuschen in Göttingen wird an Geschichtsstudenten vermietet

Das Bismarckhäuschen in Göttingen wird an Geschichtsstudenten vermietet.

Quelle: fotoworx.de / Jan Vetter

Eigentlich ist es eine ganz normale Wohnung, findet Alexander Leinemann. Allerdings: “Die Abstellkammern sind noch wie im 15. Jahrhundert“, sagt er. Wer Angst vor Spinnen habe, lasse die lieber verschlossen. Ansonsten sei sein Zuhause bestens ausgestattet – mit fließend Wasser und Internetanschluss, überhaupt mit allem, was im 21. Jahrhundert dazugehört.

Eine ganz normale Wohnung ist es aber doch nicht, in der der 29-jährige Kunstgeschichtsstudent lebt. Denn sein Zuhause ist das Bismarckhäuschen, das 1447 als Teil von Göttingens städtischer Befestigungsanlage gebaut wurde. Otto Graf von Bismarck lebte einst dort. Das war allerdings noch mal knapp 400 Jahre später: 1833 nannte der spätere Kanzler des neuen Deutschen Reiches den am Göttinger Wall gelegenen Turm mit den vielen Ecken seine Studentenbude. Ein Semester verbrachte Bismarck dort. Schon am Hauseingang erinnert eine Gedenktafel daran. Wer das Häuschen betritt, gelangt zunächst in eine kleine Ausstellung über Bismarcks Zeit in Göttingen und sein Leben. Gerade trocknet Student Leinemann allerdings ganz profan seine Wäsche dort – an Tagen, an denen die Ausstellung geöffnet sei, versichert er, tue er das natürlich nicht.

“Ich wohne seit Dezember 2016 hier und werde noch ein bisschen bleiben“, sagt Leinemann. An den Master der Kunstgeschichte wolle er eine Promotion anschließen. Sein Studienfach hat ihm überhaupt erst den Einzug ermöglicht: Die Stadt, Eigentümerin des Denkmals, vergibt Stipendien an Geschichtsstudenten, die an die zwei begehrten Wohnungen in dem Häuschen gekoppelt sind. “Dafür muss ich sonnabendnachmittags immer die Ausstellung öffnen und Fragen der Besucher beantworten“, erzählt er. Ein bisschen merkwürdig sei es schon, wenn am Wochenende vor seiner Haustür plötzlich Touristen stünden. Dann muss er womöglich schnell noch die Wäsche wegräumen. Ansonsten: Alles ganz normal.

Von Hannah Scheiwe

Lübeck: Ein Trommelwirbel für das Burgtor

Glücklich im Lübecker Burgtor

Glücklich im Lübecker Burgtor: Familie Zeidler.

Quelle: Maxwitat

Auf diese Stufen ist schon Thomas Mann getreten, als er in den Zwanzigerjahren von der Eingangsdiele hinaufging zum Salon der Schriftstellerin Ida Boy-Ed. Alles im mehr als 500 Jahre alten Burgtor von Lübeck atmet Geschichte, doch für solche Gedanken haben die Neuen hier nur selten Zeit: Marie-Louise Arndt, Max Zeidler und ihre drei Kinder wohnen seit Anfang dieses Jahres in den historischen Gemäuern. Oscar und Carl toben die Treppen rauf, Musikschüler stapfen in den dritten Stock, wo Zeidler in seiner “Drumburg“ Schlagzeugunterricht gibt. Das 1444 erbaute ehemalige Stadttor (neben dem Holstentor das einzige erhaltene) inhaliert gerade jede Menge frische Energie und Lebenslust.

Die neuen Mieter überzeugten die Stadt Lübeck als Eigentümerin des Hauses mit ihrem Konzept, einem Mix aus Wohnen, Arbeiten und öffentlicher Nutzung. Im Turmsaal finden kleine Konzerte und Lesungen statt. Ein Musiker-Flohmarkt zog viele Gäste an. Während der Museumsnacht wurde gewebt, denn im Burgtor lebten und arbeiteten die preisgekrönten Weberinnen Alen Müller-Hellwig und Ruth Löbe. Im Turmraum darüber stehen jede Menge Schlagzeuge und Trommeln, hier unterrichtet Max Zeidler und probt mit seiner Band Deed. Im obersten Stock lagern Hölzer, Muster und Instrumentenkästen des Geigenbaumeisters Haat-Hedlef Uilderks, der das Holz des legendären Geigenbauers Günther Hellwig übernommen hat: Geschichte bis unters Dach.

Freude und Stolz liegen im Ausdruck der neuen Mieter, wenn sie durchs Haus führen. “Vom ersten Tag fühlte es sich richtig und gut an“, sagt Max Zeidler. “Ich fühle mich hier total wohl, auch wenn ich nachts mal alleine bin. Eigentlich mag ich das nicht, aber hier fühle ich mich absolut sicher, das Haus strahlt Geborgenheit aus“, ergänzt seine Frau. Übrigens haben sich die beiden vor 15 Jahren im Jugendzentrum am Burgtor bei einem Konzert verliebt – nun lebt die Familie hier. Was für ein Happy End.

Von Petra Haase

Stralsund: Bürgerstolz in Handwerkerbuden

Hobby-Stadtführer Wolfgang Mazart in seiner Handwerkerstube in Stralsund

Hobby-Stadtführer Wolfgang Mazart in seiner Handwerkerstube in Stralsund.

Quelle: Christian Rödel

Es war nur noch eine Ruine, in der über Jahre Töpfe und Eimer zum Auffangen des Regenwassers standen. Dann hat Wolfgang Mazart das denkmalgeschützte Altstadthaus übernommen, mitten im Unesco-Welterbe gelegen. Das war 1998, kurz nachdem der heute 85-Jährige als Postbeamter seinen Dienst quittiert hatte. Eigentlich wollte er sich nun seinen Traum von einem großen Segelboot erfüllen. Doch es kam anders: Die einstige Handwerkerbude aus dem Jahre 1678 in der idyllisch gelegenen Badstüberstraße auf der Altstadtinsel schien nur auf ihn gewartet zu haben. Und Mazart beschloss, dass er der Nachwelt nicht nur zwei Kinder, sondern auch ein gerettetes Baudenkmal hinterlassen wollte.

Mit einem jungen Stralsunder Architekten machte er sich an das Sanierungsprojekt und entkernte mit Freunden und eigener Muskelkraft das marode Gebäude. “Wir haben das Haus behutsam saniert, um möglichst viele Details dieses tollen Zeugnisses aus der Barockzeit zu erhalten“, so Mazart. Er gehört in seiner Straße mit zu den ersten Bewohnern, die kurz nach der Wende aus einer baufälligen Ruine ein architektonisches Kleinod machten. Prächtig erstrahlt die gesamte Straße mit ihren liebevoll begrünten Denkmalobjekten, in denen Menschen aller Generationen harmonisch miteinander leben. Die Handwerkerstuben der Badstüberstraße gehören auch zum Tag des offenen Denkmals zu den beliebtesten Besuchermagneten, denn alle Budenbewohner laden hier die Gäste an festlich geschmückte Tische ein.

“Ich freue mich schon auf dieses Wochenende“, lacht Wolfgang Mazart verschmitzt. Der Hobby-Stadtführer empfängt seine Gäste in einem Barock-Kostüm und erzählt ihnen die schönsten Anekdoten vom Leben unter den hölzernen Balken und der Geschichte seines einst so bescheidenen Häuschens. Voll Bürgerstolz ist an dessen Außenwand eine bronzene Plakette für hervorragende Sanierung angebracht. 

Von Christian Rödel

Ravensberg: Der Wasserturm der Tausend Lichter

“Ein großes Privileg"

“Ein großes Privileg": Gesine Richter, Matthias Iwersen und Sohn Torben wollten schon immer im Ravensberger Wasserturm leben.

Quelle: Sonja Paar

Roter Backstein, eine runde Kuppel und viele kleine Fenster: Der Wasserturm im Kieler Stadtteil Ravensberg ist ein beeindruckendes Bauwerk. Deutlich sichtbar ragt der 1896 erbaute Rundbau aus dem Häusermeer im Universitätsviertel. Dass man den Turm aus so ziemlich allen Ecken der Stadt erkennen kann, freut Torben Iwersen am meisten. “Als wir neulich aus dem Urlaub zurückgekommen sind, konnten wir ihn schon von der Fähre aus sehen“, schwärmt der Elfährige. Seit einem Jahr ist der Wasserturm sein Zuhause und das seiner Eltern.

“Ich empfinde es als großes Privileg, dass wir hier leben dürfen. Das ist wirklich ein ganz besonderes Gefühl“, sagt Torbens Mutter Gesine Richter. Schon als Studenten seien ihr Mann und sie immer am Wasserturm vorbeigefahren und hätten gedacht: Wenn man da mal drin wohnen kann, dann ziehen wir ein.

Vor vier Jahren war es dann so weit: Ein Investor kaufte den Turm und baute ihn um. “Als wir davon hörten, haben wir nicht lange überlegt“, erinnert sich Matthias Iwersen. Schnell entschieden sie sich, eine Drei-Zimmer-Wohnung in dem Denkmal zu kaufen. Während der dreijährigen Bauzeit konnten sie auf die Gestaltung der Wohnungen Einfluss nehmen. “Uns war es wichtig, dass man die ursprüngliche Außenmauer noch sieht. Wir wollen den alten Wasserturm ja auch in der Wohnung noch spüren“, erzählt Richter. Im Bad und in der Küche sind die Backsteinmauern nun Teil der Einrichtung.

Insgesamt 34 Wohnungen gibt es im Wasserturm, alle sind unterschiedlich groß. “Jede Wohnung hat etwas Eigenes und in jeder Wohnung herrscht ein anderes und besonderes Licht“, erzählt Iwersen. Schließlich zeige in einem Rundbau kein Fenster in die gleiche Richtung. “Das ist zwar unsere Wohnung hier im Turm. Aber wir wissen, dass der Wasserturm zu Kiel und deshalb eigentlich der ganzen Stadt gehört“, sagt seine Frau.

Von Anne-Kathrin Steinmetz

Beelitz: Ein Kraftwerk mit dem Duft der Kindheit

Technisches Denkmal

Technisches Denkmal: Das Heizkraftwerk Beelitz-Heilstätten.

Quelle: Christel Köster

Das Schmieröl nahm sie wahr wie einen Lockstoff – “als der Geruch in meine Nase stieg, war ich verliebt“, sagt Elke Seidel, und für einen Moment klingt sie fast schwärmerisch. Ihr Vater war Schmied, “der Duft von Schmieröl lag wie ein Odeur über den Jahren meiner Kindheit“. Als sie 1995 in den Maschinensaal des Heizkraftwerkes Beelitz-Heilstätten (Landkreis Potsdam-Mittelmark) trat, hat das lange vergrabene Erinnerungen und Emotionen geweckt. Wie ein Parfüm hat sie das Öl genossen. Im Jahr darauf hat die heute 69-Jährige den Förderverein Heiz-Kraft-Werk Beelitz-Heilstätten e. V. gegründet.

Das technische Denkmal von heute, erbaut 1898, ging 1903 als erstes Fernheizkraftwerk Deutschlands mit Kraftwärmekopplung in Betrieb. Es ermöglichte dem riesigen Krankenhauskomplex auf 200 Hektar im Berliner Umland die Unabhängigkeit von externer Wärmezufuhr. Heute gehört das Kraftwerk dem Landkreis Potsdam-Mittelmark, der die Fassade saniert hat.

Schwärmt für den Geruch von Schmieröl

Schwärmt für den Geruch von Schmieröl: Elke Seidel in “ihrem“ Kraftwerk.

Quelle: Christel Köster

Elke Seidel möchte nun die Maschinen retten. “Wir wollen ein virtuelles Kraftwerk schaffen“, als Teil eines Verbundes von kleinen Kraftwerken, die elektrische Leistungen bereitstellen. “Ein Prinz, der angeritten kommt und Geld gibt, das wäre toll!“ Sie lächelt. Die Firmen Siemens oder Bosch, deren Geräte einst im Kraftwerk eingebaut wurden, möchten nicht investieren. “Keine Aussicht auf Profit“, wurde Elke Seidel beschieden. Vielleicht findet sich ja ein Interessent am Sonntag, wenn das Kraftwerk zum Tag des offen Denkmals geöffnet ist.

“Im Denkmal steckt der technische und ästhetische Stolz des 19. Jahrhunderts“, schwärmt Elke Seidel, “heute werden medizinische Apparaturen nur noch nach Schema F errichtet.“ Früher war sie in Beelitz Ärztin für Lungenkrankheiten. “Wir hatten nicht viel Zeit, auf das Kraftwerk zu gucken.“ Heute schaut sie umso lieber hin. Das Objekt ihrer Zuneigung: die Dampfpumpe. Sie ist groß. Ihr Öl riecht wundervoll.

Von Lars Grote

Interview mit Stararchitekt Peter Kulka

„In jeder Zeit entsteht etwas Gutes“

Peter Kulka tut beides

Peter Kulka tut beides: Der Stararchitekt baut radikal modern – und rekonstruiert Prachtbauten. Zum Tag des offenen Denkmals spricht er über Häuser, die wie Kleider sind, Heimat und Bewegung und Macht im Bau.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Herr Kulka, Sie haben sowohl Schlösser rekonstruiert als auch radikal modern gebaut. Welchen Wert hat für Sie das Alte, welchen das Neue?

Das ist nie einfach zu beantworten. Man muss immer wieder neu denken auf diesem Weg. Immer wieder prüfen, was ist eigentlich geschehen? Was geschieht in der Gesellschaft und mit einem selbst? Die Architekten wollen weiter, die Denkmalschützer wollen bewahren. Beide erfüllen ihre Aufgabe. Dann streiten sie sich. Das ist grundsätzlich nicht schlecht, wenn ein gewisses Niveau gewahrt bleibt.

Wo vermissen Sie dieses Niveau?

Mit 80 Jahren hat man fast alles erlebt. Ich bin heute toleranter geworden. Das heißt nicht, dass ich alles ertrage. Es gibt so viele niveaulose Diskussionen um Architektur, um das Stadtgefüge, wenn Bürger und Politiker mitreden ... Wo hören wir mit der Rekonstruktion auf, wo fangen wir mit der Moderne an? Man muss sich immer wieder klarmachen: Was ist der eigene Standpunkt? Naiv lässt sich so eine Diskussion nicht führen. Jeder weiß es besser, jeder mischt sich ein.

Soll das denn eine Sache der Experten bleiben?

Nein, da bin ich absolut dagegen! Ich bin aber ebenso dagegen, dass es unfair wird. Das wird es leider oft. Ich habe das in Potsdam beim Streit um das Stadtschloss erlebt. Ich habe dort erleben müssen, dass Macht wichtiger ist als Werte. Wenn ich aber nicht das Ganze betrachte und was es mir vermittelt, dann wird das gebaute Denkmal wenig Aussage haben oder es wird in der Rekons­truktion sogar kaputtgehen.

Welche Architektur ist aus Ihrer Sicht erhaltenswert?

Ich verstehe die Rache an der DDR-Architektur nicht. Ich habe in beiden deutschen Systemen gelebt. Ich möchte nicht die DDR loben und preisen, im Gegenteil. Aber eins muss klar sein: Es kann nicht sein, dass die DDR-Architektur komplett getilgt wird. Diese Geschichte hat stattgefunden, und sie hatte auch Qualitäten, die die andere Seite nicht hatte. Man muss zeigen: So haben die Menschen gedacht, so haben sie gelebt. Das ist Architektur, die unter hohem Geld- und Zeitdruck entstanden ist. Natürlich ist nicht alles davon erhaltenswert.

Warnen Sie vor zu viel Rekonstruktion?

Ja, Häuser sind unsere Kleider, sie können uns stützen. Mit ihnen verbindet sich vieles, Heimatgefühle, Identitäten, Sentimentalitäten. Aber was passiert mit einem Denkmal, das sich nicht angepasst hat, das leer steht, das zur Ruine wird? Da muss der Architekt doch eingreifen können und ihm eine neue Geschichte geben. Es ist ganz tödlich, wenn man die Städte zu solchen Gebilden macht, in denen man sich in Seligkeit rückwärtswendend suhlt.

Aber Sie haben selbst rekonstruiert, das Dresdner Residenzschloss, das Potsdamer Stadtschloss ...

In Dresden bin ich nach wie vor weniger Rekonstrukteur als moderner Architekt. In Potsdam habe ich einen Entwurf gemacht und damit die Weichen gestellt. Es gibt innen nichts Rekonstruiertes, das war mir wichtig. Es gibt einen modernen Plenarsaal und moderne Büros. Es gab auch gar kein Geld für etwas Prächtiges. Haben wollten sie es schon, rekonstruierte Malereien und so weiter, aber da stand ich dagegen.

“Macht und Pracht“ heißt das Motto des diesjährigen Tages des offenen Denkmals. Wie haben Sie es vermieden, zu viel Pracht in Ihre Parlamentsbauten zu packen?

Ich habe zwei Parlamente gebaut, in Potsdam und Dresden. Der Plenarsaal des Dresdner Landtags, 1993 fertiggestellt, ist eine meiner liebsten Arbeiten. Da bewegt sich alles, da ist alles gegeneinander verschoben. Kein Wappentier, sondern die Umrisse des Landes. Ein Plenarsaal völlig ohne Grenzen, hin auf den einzigartigen Ort an der Elbe ausgerichtet. Am Potsdamer Schloss führte kein Weg vorbei, am Berliner Schloss führt jetzt kein Weg vorbei. Wir haben andere Zeiten, die sind viel vorsichtiger und konservativer. Nach der Wende war Wildwest, es war aber auch eine Zeit der Euphorie. Die Politiker, die mir gegenübersaßen, hatten eine andere Power und mehr Mut.

Es wird aber auch viel Furchtbares gebaut, postmoderne Spielereien in den Neunzigern, heute die immergleiche Schießschartenarchitektur. Wird das in 40 Jahren jemand schön und erhaltenswert finden?

Mit Sicherheit. In jeder Zeit entsteht etwas Gutes. Es entsteht viel Schlechtes, das mag sein, aber ich will das nicht bewerten. Die Menschen haben wieder Ängste, da stimmen sie vielleicht für die Rekonstruktion, um etwas Sicherheit zu bekommen. Und andererseits gelingt es den großen modernen Bauten sehr selten, wirklich etwas Neues, Prägendes zu schaffen. Man muss auch bei der Rekonstruktion das Neue, wenn es gut ist, reinbringen dürfen und das Ganze damit in Bewegung setzen.

Wann ist für Sie eine Stadt schön? Wenn sie vollständig restauriert ist?

Eine schöne Stadt entsteht durch viele kleine Einzelmomente. Es muss auch nicht immer alles gut sein. Eine Stadt braucht auch immer normale Gebäude. Keine monochromen Gebiete. Ich lebe in Dresden und Köln. In Dresden ist es gut, dass es nach wie vor verschiedene Stile gibt, die diese Stadt prägen. In Köln sowieso. Da ist vieles chaotisch bis hin zum Hässlichen, aber die Stadt ist sehr lebenswert. Und dass, obwohl sie seit 2000 Jahren auf ihrem historischen Grundriss baut.

Interview von Jan Sternberg

Von RND

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