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Abrokat: Ich bin kein Träumer

Rostock Abrokat: Ich bin kein Träumer

Der Aufsichtsratsvorsitzende des FC Hansa Rostock äußert sich zur Öffnung der Südtribüne, zur sportlichen Situation, der Zukunft von Trainer Fascher und zu den Zielen des Vereins.

Rostock.  

OSTSEE-ZEITUNG: Es heißt, der FC Hansa will trotz kritischer sportlicher Situation den Vertrag von Trainer Marc Fascher über das Saisonende hinaus verlängern. Stehen Sie zum Wunsch von Sportvorstand Uwe Vester dazu?

Thomas Abrokat: Ich wünsche mir personelle Kontinuität. Nur dann werden wir sportlich Erfolg haben. Über die nächsten Saisonziele werden wir uns erst auslassen, wenn diese Saison zu Ende ist. Alles andere wäre unseriös, denn wir wissen noch gar nicht, wie der Kader für die kommende Saison aussieht. Ich bin kein Freund davon, den Mund zu voll zu nehmen. Wir werden den Verein konsolidieren und in kleinen Schritten wiederaufbauen. Wem das nicht schnell genug geht, dem kann ich nicht helfen.

OZ: Das Gutachten eines Wirtschaftsprüfers kommt zu der Einschätzung, Hansa müsse bis spätestens 2014 Stadionanteile veräußern, um finanziell handlungsfähig zu bleiben.

Stimmt das?

Abrokat: Der Verein steht noch in der Pflicht, der Bürgerschaft ein Konsolidierungskonzept vorzulegen. Es ist in Arbeit, und wir werden es im April vorlegen. Es hat mich geärgert, dass der Verkauf von Stadionanteilen diskutiert wird, obwohl wir uns damit momentan gar nicht beschäftigen. Langfristig müssen wir uns darüber Gedanken machen, in welcher Struktur Hansa überlebensfähig ist. Die Lizenzierung hängt aber nicht vom Verkauf von Stadionanteilen ab.

OZ: Ist das ein Manöver, um den Druck aus der Diskussion zu nehmen?

Abrokat: Nein, das wäre auch sehr gefährlich. Ich kann doch jetzt nicht taktieren.

OZ: Tatsache ist doch aber, dass Hansa Geld benötigt. Welche Quellen wollen Sie erschließen?

Abrokat: Wir führen gute Gespräche mit unseren Partnern. Ich bin sehr optimistisch, dass wir auch im kommenden Jahr die Lizenz erhalten werden. Wir werden im sportlichen Bereich Einsparungen vornehmen, teilweise auch im Jugendbereich, den Gürtel enger schnallen müssen. Wir wollen den Nachwuchsbereich aber im Verein behalten, da er Fundament für unsere Zukunft ist.

OZ: Besteht die Möglichkeit, mit dem Stadion Geld zu verdienen, beispielsweise mit Konzerten?

Abrokat: Das würden wir machen, wenn es dafür eine Nachfrage gäbe. Die gibt es nicht. Die Künstler gehen lieber nach Berlin oder nach Hamburg, weil hier das Einzugsgebiet fehlt.

Kleine Konzerte machen keinen Sinn, weil die Betriebskosten höher sind als die Erlöse. Nachdenken werden wir darüber, den Businessbereich stärker auszulasten als bisher, beispielsweise für Kongresse.

OZ: Und darüber hinaus?

Abrokat: In der 3. Liga die Erlöse zu steigern, ist schwierig. Wir haben zwei Quellen: Das eine ist der Bereich Sponsoring. Da sind wir sehr gut. Wir müssen attraktiven Fußball spielen, damit die Zuschauer wieder ins Stadion kommen und über den sportlichen Erfolg den Verein mittelfristig sanieren. Einen anderen Weg sehe ich nicht. Deshalb haben wir bereits im Dezember begonnen, Dinge zu verändern. Wir haben mit Uwe Vester einen Sportvorstand eingestellt, um Strukturen zu schaffen, die sich positiv auswirken.

OZ: Die Region freut sich auf das Gastspiel des FC Bayern, bei dem Sie sicher gute Zuschauer-Einnahmen haben werden. Gibt es schon einen Termin und Vorstellungen, was die Karten kosten werden?

Abrokat: Weder — noch. Die Gespräche sind noch im Gange. Wir werden die Karten sicherlich nicht verschleudern. Wir haben Einnahmen aus dem Benefizspiel im Etat mit eingeplant, aber konservativ gerechnet. Eine zusätzliche TV- Übertragung wäre natürlich ein absoluter Glücksfall.

OZ: Muss Hansa nach dieser Saison erneut Mitarbeiter entlassen?

Abrokat: Natürlich müssen wir auch diese Frage stellen. Das werde ich aber nicht mit Ihnen diskutieren. Ein personeller Kahlschlag ist aber keine Option.

OZ: Zusätzlich zu sportlichen und wirtschaftlichen Problemen hat der Verein einen Fall von Unterschlagung aufgedeckt. Was haben Sie gedacht, als Sie davon erfuhren?

Abrokat: Dass uns auch wirklich nichts erspart bleibt. In unserer jetzigen Situation ist das natürlich besonders tragisch. Ich kann verstehen, dass Leute sauer sind und sich fragen, wie so was sein kann. In diesem Fall sind Kontrollmechanismen kontinuierlich unterlaufen worden. Wir alle sind maßlos enttäuscht.

OZ: Es gibt Leute, die meinen, sich nicht ins Stadion trauen zu können, weil Ausschreitungen drohen. Gibt es Ideen, wie Hansas Ruf verbessert werden kann?

Abrokat: Die erste Amtshandlung war, die Südtribüne wieder zu öffnen. Das hat die Sicherheit erhöht. Jetzt kann sich jeder im Stadion einen Platz suchen, ohne Angst haben zu müssen. Ich gehe seit meinem sechsten Lebensjahr ins Stadion und habe noch nie Angst gehabt. Wenn in der Berichterstattung von bürgerkriegsähnlichen Zuständen geschrieben wird, die gar nicht bürgerkriegsähnlich waren, werden Sie Leute abschrecken. Meine Söhne sind 10 und 13 Jahre alt. Die gehen alleine ins Stadion und sitzen im Familienblock. Natürlich hatten wir unschöne Szenen, ein abgeriegeltes Stadion. Aber wir sind im Dialog mit Fans und Polizei. Wir haben den Anspruch, uns zu öffnen und Familien ins Stadion zu bekommen. Am Ende ist es aber wichtig, Spiele zu gewinnen, denn sonst sind diese Aktionen allesamt nichts wert.

OZ: Warum war die Öffnung der Südtribüne aus Ihrer Sicht richtig?

Abrokat: Weil Sie nichts erreichen, wenn Sie Strukturen zerstören, die funktioniert haben. Wenn sich Einzeltäter etwas zuschulden kommen lassen, können Sie nicht einen ganzen Stadionbereich in Sippenhaft nehmen. Damit werden Sie keine positiven Effekte erzielen. Da stehen Leute im Block, die Ausschreitungen nicht gutheißen, darauf aber keinen Einfluss haben. Wir sind nicht dafür, einzelne Fangruppen auszugrenzen. Ich setze auf Integration und darauf, dass wir vernünftig und gemeinsam das Fußballerlebnis teilen können.

OZ: Glauben Sie, dass Sie das Problem mit Fans, die sich nicht an die Regeln im Stadion halten, in den Griff bekommen können?

Abrokat: Ich bin kein Träumer. Das ist noch keinem gelungen. Unser Anspruch ist es, dass wir die Sicherheit im Stadion erhöhen. Ich habe kein Problem damit, dass Leute, die sich nicht an die Spielregeln halten zur Verantwortung gezogen werden. Aber ich habe ein Problem mit Kollektivstrafen.

Nehmen wir das Beispiel mit dem St.-Pauli-Spiel. Der Einzeltäter, der die Rakete gezündet hat, hat ein halbes Jahr auf Bewährung bekommen. Ich will das juristisch nicht bewerten, aber der Verein wurde mit einem Geisterspiel bestraft und die Fans wurden mit einem Geisterspiel bestraft.

OZ: Was muss sich ändern?

Abrokat: Wir sollten alle ein bisschen unaufgeregter werden. Es sollte ein Dialog mit allen Beteiligten geführt werden. Derzeit droht die Politik, Stehplätze abzuschaffen und Kosten für Polizeieinsätze auf die Vereine umzulegen. Wenn das so kommt, melden wir Hansa Rostock ab, denn das können wir nicht finanzieren. Ich halte es nicht für den richtigen Weg, den Verein für das Fehlverhalten Einzelner zu bestrafen. Man sollte vielleicht auch mal darüber nachdenken, Fans mit Stadionverbot die Chance zu geben, sich zu rehabilitieren.

OZ: Gehört Pyrotechnik zum Fußball?

Abrokat: Für mich nicht. Ich zünde nicht mal zu Silvester Raketen an.

Interview von Andreas Ebel, Thomas Pult, Christian

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Rostock
Thomas Abrokat (41).

Thomas Abrokat will den Vertrag mit Marc Fascher beim Rostocker Drittligisten verlängern.

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Eckdaten des Vereins
  • Voller Name: Fußballclub Hansa Rostock e. V.
  • Ort: Rostock, Mecklenburg-Vorpommern
  • Gegründet: 28. Dezember 1965
  • Vereinsfarben: Weiß-Blau
  • Stadion: Ostseestadion
  • Plätze: 29.000
Ostseestadion
  • Frühere Namen
    Ostseestadion (1954–2007)
    DKB-Arena (2007–2015)
  • Ort: Kopernikusstraße 17 18057 Rostock
  • Eigentümer: Ostseestadion GmbH & Co. KG
  • Betreiber: Ostseestadion GmbH & Co. KG
  • Baubeginn: Neues Stadion: 2. April 2000 (Grundsteinlegung)
  • Eröffnung     
    Altes Stadion: 27. Juni 1954
    Neues Stadion: 4. August 2001
  • Erstes Spiel     
    Altes Stadion: 27. Juni 1954 Einheit Schwerin – Chemie Zeitz 1:3
    Neues Stadion: 4. August 2001 Hansa Rostock – Bayer 04 Leverkusen 0:3 (Bundesliga)
  • Oberfläche: Naturrasen
  • Kosten: 55 Mio. DM
  • Spielfläche: 105 x 68 m