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In jedem Armen sah sie den hungrigen Christus

Mutter Teresa In jedem Armen sah sie den hungrigen Christus

Der Engel der Armen hatte ein ausgeprägtes Gespür für Symbolik: Als Mutter Teresa 1979 den Friedensnobelpreis erhielt, trat sie im löchrigen, verfilzten Pullover vor die Gäste, die im Smoking warteten.

Der Engel der Armen hatte ein ausgeprägtes Gespür für Symbolik: Als Mutter Teresa 1979 den Friedensnobelpreis erhielt, trat sie im löchrigen, verfilzten Pullover vor die Gäste, die im Smoking warteten. Darunter trug sie ihr Markenzeichen, den Sari, das traditionelle weiße Gewand mit der blauen Borte, an dem die Ärmsten der Armen in Bengalen zu erkennen waren. 1950, als ihre „Missionarinnen der Nächstenliebe“ vom Vatikan anerkannt wurden, hatte Mutter Teresa den Sari zum Ordenskleid gemacht. Zeitlebens besaß sie drei dieser Kutten und sonst nichts.

Mutter Teresas Leben war das fleischgewordene Kontrastprogramm zu einer gottvergessenen, konsumversesessenen Umwelt und ihre immense Popularität war wohl auch dem schlechten Gewissen der westlichen Welt zu verdanken, sich von der Kirche wie der Dritten Welt gleichermaßen abgewandt zu haben.

In Umfragen unter Jugendlichen nach Vorbildern stand die Nonne stets weit oben mit Sport- und Popstars. Sie verkörperte wie niemand in diesem Jahrhundert das christliche Ethos der Nächstenliebe, und damit wurde sie für die katholische Kirche kaum ersetzbar. Deshalb lehnte Papst Johannes Paul II. Anfang der neunziger Jahre ihren Rücktritt ab, um den sie wegen eines Herzleidens gebeten hatte.

Mutter Teresa wurde 1910 im mazedonischen Skopje geboren, als es noch zur Türkei gehörte. Ihr Vater, ein Bauunternehmer, war Albaner, ihre Mutter Italienerin.

Mit 18 zog sie nach Dublin, um bei irischen Schwestern einzutreten, dann ging sie nach Indien. Dort unterrichtete die Nonne höhere Töchter, bis sie 1946 „Gottes zweiten Ruf“ vernahm. Ihre Mission sei es, in die Slums von Kalkutta zu gehen und den Armen zu helfen.

Mutter Teresa gründete ihren eigenen Orden. Eigenhändig sammelte sie leprakranke Obdachlose von der Straße, denen Ratten das halbe Gesicht weggefressen hatten und brachte sie in ihr Asyl, wo sie ihnen die Würmer aus den Wunden holte. „In jedem Armen ist der hungrige nackte Christus zu erkennen“, lehrte sie ihre Schwestern.

Mit fünf Rupien in der Tasche hatte Mutter Teresa angefangen. Als sie im März 1997 den Ordensvorsitz ab-gab, gebot sie über ein Imperium von 3600 Schwestern aus 35 Nationen, die in 579 Heimen in 122 Ländern tätig sind.

Nach der Verleihung des Nobelpreises kam erstmals Kritik an der Arbeit der Nonne auf: Ärzte warfen ihr vor, ihre Krankenheime und Sterbeasyle seien nicht auf dem medizinischen Niveau, auf dem sie nach den Millionenspenden, die der Orden erhielt, sein müssten. Mutter Teresa hielt gegen: „Wir sind keine Sozialarbeiter, keine Lehrer, keine Krankenpfleger, keine Ärzte. Wir sind Nonnen. Alles, was wir tun, ist für Jesus.“ Sie glaubte einfach nicht, dass sich durch technischen Fortschritt die Welt verbessern ließe. Sie glaubte gut katholisch, dass es der Sinn des Lebens sei, nach einem Gott gefälligen Leben seinem Schöpfer vor die Augen zu treten.

Auch die Kritik, sie bekämpfe nur die Symptome, nicht die Ursachen der Armut, traf Mutter Teresa nicht. Warum sie Fische verteile und nicht Angelruten? „Die meisten meiner Schützlinge sind so schwach, dass sie nicht einmal eine Angelrute halten können.“

Als der Engel der Armen im September 1997 starb, richtete die indische Regierung ein pompöses Staatsbegräbnis aus, das ihr wohl kaum gefallen hätte. 20 000 geladene Gäste aus 23 Ländern, darunter Hillary Clinton und Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, erschienen zur Trauerfeier in einem Sportstadium. Aufgebahrt lag die kleine Nonne im Sari, dem Symbol von Armut und Demut, mit dem sie zur Heiligen des 20. Jahrhunderts wurde.



MICHAEL KUHLI

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