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Sportmix „So habe ich bei der WM nichts zu suchen“
Sportbuzzer Sportmix „So habe ich bei der WM nichts zu suchen“
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00:00 18.07.2013

Rostock — Ein Großer der Leichtathletik nimmt leise Abschied: Bei Kugelstoßer Ralf Bartels (35) landet die Eisenkugel nur noch diesseits der 20-Meter-Marke. Die WM-Teilnahme in seinem letzten Wettkampfjahr ist fast Illusion. Von der Quali-Norm (20,60) ist er weit entfernt. Die OZ sprach mit dem Neubrandenburger.

OSTSEE-ZEITUNG: Sie haben Bronze bei den Deutschen Meisterschaften in Ulm geholt, aber das Ziel sah anders aus. Wie tief sitzt der Frust?

Ralf Bartels: Ich bin total verärgert. Aus der Emotion heraus würde ich sagen: Die Leistung, die ich angeboten habe, ist nicht mal Bronze wert. Es zieht sich schon durch die gesamte Saison, dass ich im Wettkampf nicht das abrufen kann, was ich im Training andeute.

OZ: Ist so ein Abschied nicht besonders schmerzhaft?

Bartels: Natürlich, und deshalb wurmt es mich umso mehr. Man sagt ja immer, viel Erfahrung hilft viel — aber in diesem Fall eben nicht. Es klappt nicht so, wie ich es mir vorstelle.

OZ: Sie sitzen in einem Loch und wissen nicht, wie Sie rauskommen.

Bartels: Aber komischerweise nur im Wettkampf. Ich weiß nicht, woran ich im Training arbeiten soll, wenn da alles funktioniert. Eigentlich muss ich Wettkämpfe machen, um das zu beheben. Aber viele sind es nicht mehr. Vielleicht zermürbt mich mein Problem im Vorfeld schon so sehr, dass ich mich da „festmache“.

OZ: Im Vorjahr sind Sie durch eine Sonderregelung zu Olympia gekommen. Würden Sie für die Teilnahe an der WM im August in Moskau wieder eine in Anspruch nehmen?

Bartels: Nach London bin ich mit einer Leistung gefahren, die der Verband sehen wollte und die gereicht hätte, um durch die Quali zu kommen. Die habe ich leider nicht geschafft, vielleicht auch weil mir ein paar Wettkämpfe gefehlt haben. Jetzt muss ich 20,20 m oder 20,30 m anbieten. Mein Anspruch ist, bei einer internationalen Meisterschaft unter die besten zwölf zu kommen. Das schaffe ich mit meinen bisherigen Leistungen nicht (Saisonbestwert 20,13 m/d.Red.). Auch aus dem Vorjahr habe ich keine gute Weite stehen. Nach diesen Kriterien, die ich selbst bei mir ansetze, kann ich gar nicht erst nach Moskau fahren. Da brauche ich auch keine Sonderregelung.

OZ: Welche Chancen gibt es noch, um die Qualifikationsweite von 20,60 m vielleicht doch noch zu packen?

Bartels: Ich werde erst mal mit dem Bundestrainer sprechen. Er wollte mich nicht vorschlagen, wenn ich in Ulm nicht 20 Meter stoße. Das ist mir nicht gelungen. Stand jetzt ist, muss ich ehrlich sagen, dass ich in Moskau nichts zu suchen habe.

OZ: Hätten Sie nicht lieber schon nach London aufhören sollen?

Bartels: Ich wollte das ursprünglich. Aber es ist mir letztes Jahr gelungen, nach einer schweren Verletzung in kurzer Zeit noch 20,40 Meter zu stoßen. Da habe ich mir gesagt: Wenn du das hinkriegst, dann mach noch ein Jahr. Zumal in diesem Jahr durch den Weltmeister-Bonus für David Storl die Möglichkeit bestand, dass insgesamt vier Deutsche nach Moskau fahren. Aber dass es dann doch so schwer wird, hätte ich nicht gedacht. Wenigstens hab ich‘s probiert.

OZ: Wie wird ohne WM Ihre Abschiedstournee aussehen?

Bartels: Bei den Meetings starte ich ja weiterhin. Meinen letzten großen Stadionwettkampf will ich beim Berliner Istaf bestreiten. Das war ein kleiner Traum von mir, und der Veranstalter hat mir das schon zugesichert. Und schließlich habe ich als Sportsoldat noch eine dienstliche Verpflichtung mit der Militär-EM in Warendorf. Mitte September ist aber wirklich Schluss.

OZ: Wie geht es danach beruflich weiter?

Bartels: Ich bin dabei, meine A-Lizenz als Trainer zu machen. Die muss ich schaffen, um das Trainerstudium an der Akademie in Köln aufnehmen zu können. Die Zusage aus Köln habe ich schon.

OZ: Was bleibt generell bei Ihnen hängen, wenn nach dieser Saison und 15 Jahren Leichtathletik auf Spitzenniveau Schluss ist?

Bartels: Viele schöne Erfolge und Erlebnisse. Es gab auch mal schwere Zeiten, aber die rutschen durch die schönen Eindrücke nach hinten. Wenn man auf dem Treppchen steht und eine Medaille gewonnen hat, dann weiß man, wofür man das alles gemacht hat, und es ist Motivation für Neues. Das habe ich immer wieder hinbekommen.

Interview von Kai Rehberg