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Infoline Die Esskastanie im Wald von Morgen
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06:03 30.04.2018
Die Esskastanie ist der Baum des Jahres 2018. Quelle: Sebastian Gollnow
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Düsseldorf

Im Wald verändert sich mehr als man denkt. Steigende Temperaturen, heftige Stürme und längere Trockenperioden machen vielen traditionellen Baumarten in Deutschland zu schaffen.

Die Edelkastanie, die in diesem Jahr zum „Baum des Jahres“ gewählt wurde, könnte eine Lösung sein. Weit verbreitet ist sie hierzulande nicht. Das könnte sich aber bald ändern. Auch darauf soll der Tag des Baumes heute hinweisen.

„Die Esskastanie ist eine mediterrane Baumart, der der fortschreitende Klimawandel zugutekommt“, erklärt Bertram Leder, der sich beim Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen hauptsächlich um den Bereich Waldumbau kümmert. Die Unwägbarkeiten des Klimawandels stellen Waldbauern und Forstleute vor die schwierige Aufgabe, den Wald von Morgen zu planen - und die Edelkastanie ist ein Teil der Überlegungen.

Die Lösung für alle Probleme bietet sie aber nicht: Gallwespen mögen Blätter und Knospen der Edelkastanie und schädigen so die Früchte. Zudem gilt der Baum als spätfrostempfindlich. Daran lässt sich erkennen, wie schwer sich uneingeschränkte Empfehlungen für „neue“ Baumarten aussprechen lassen. Deshalb experimentieren Forstleute auf Versuchsflächen mit diversen heimischen sowie fremdländischen Baumarten, mit Laub- und Nadelhölzern. Sie beobachten ihre Anpassungsfähigkeit und ihr ökologisches Zusammenwirken.

„Für den Aufbau klimadynamischer Wälder sind zwei bis drei Hauptbaumarten und vielleicht drei bis fünf Nebenbaumarten notwendig“, berichtet Eberhard Freiherr von Wrede, Vorstandsmitglied des Waldbauernverbandes NRW. „Ein klimastabiler Mischwald sorgt ja auch für Biodiversität und lockt andere Pflanzen und andere Vögel an“, ergänzt er. „Das muss man auch positiv sehen.“

Bertram Leder war Mitte April in Wien bei einem Treffen der „Arbeitsgemeinschaft Gastbaumarten“. In der AG tauschen sich Forstexperten untereinander aus über den Anbau fremdländischer Bäume in Deutschland und Mitteleuropa und teilen ihr Wissen aus Forschung und Praxis. „Bei den Nadelbäumen ist die Küstentanne hoch im Kurs, die Nordmanntanne, Atlaszeder, Thuja oder Mammutbaum“, berichtet Leder. „Bei den Laubbaumarten die Edelkastanie, Hickorynuss als Ersatz für die sterbenden Eschen, Baumhasel und die lindenblättrige Birke.“

Allerdings schieben viele Privatwaldbesitzer den klimabedingten Waldumbau auf die lange Bank. Vor allem Klein-Privatwaldbesitzer seien oft nur schwer davon zu überzeugen, ihren Baumbestand den veränderten Bedingungen anzupassen, sagt Leder. Und von Wrede ergänzt: „Wir arbeiten gerade an einem Waldbaukonzept für NRW, gefühlt aber interessiert es keinen.“

Dass Veränderungen nötig sind, haben 2007 die massiven Schäden durch Orkan „Kyrill“ gezeigt. Fichtenwälder im Wert von mehreren Milliarden Euro waren damals bundesweit zerstört worden. Beim Aufforsten wurde verstärkt auf Bäume gesetzt, die tiefe Wuzeln schlagen. Im thüringischen Staatsforst etwa sind aus reinen Nadelholzbeständen Mischwälder mit 20 Prozent Laubbäumen geworden.

Doch alle Veränderungen wollen gut überlegt sein, damit die Waldbesitzer ihr Holz auch vermarkten können. Die Holzindustrie ist auf einen regelmäßigen Nachschub angewiesen. Dass stellenweise die Nadelholzbestände zurückgehen, beobachtet Lars Schmidt, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Säge- und Holzindustrie, daher mit Sorge. „Es braucht auch künftig einen stabilen Nadelholzanteil.“

Denn Nadelholz ist für die Industrie elementar. Es wird etwa verwendet für den Haus- und Wohnungsbau. Im Moment dominiert in der Verarbeitung die Fichte. Dazu kämen Tanne, Douglasie und Kiefer, berichtet Schmidt. „Nischenbaumarten müssen erst erforscht und etabliert werden. Daher sollte aus unserer Sicht neben der Einbringung neuer Arten, der rasche Ausbau anpassungsfähiger Baumarten wie der Douglasie die unerlässliche Grundlage für die Schaffung klimavitaler Mischwälder bilden.“

Über den Wald der Zukunft wird also auf vielen Ebenen diskutiert, es wird experimentiert und geforscht. Möglichst breit, um angesichts sich verschiebender Vegetationszeiten und aufkommender Wetterextreme die ökologische wie ökonomische Balance langfristig zu halten. Der Prozess wird zwar Jahrzehnte andauern, in den Wäldern aber sukzessive sichtbarer. „Man kann ja Fichte und Buche pflanzen“, erklärt Freiherr von Wrede. „Und wenn die Fichten vom Borkenkäfer befallen werden und die Buche extreme Hitze nicht überlebt, hat man vielleicht noch zwanzig Prozent andere Bäume, aber somit keine Kahlflächen. Man braucht einen Plan B.“

dpa

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