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Gute Nachricht 2017 Ein Mensch mit Herz und Klappfahrrad
Thema Specials Gute Nachricht 2017 Ein Mensch mit Herz und Klappfahrrad
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16:58 08.12.2017
Sind gute Freunde geworden und fahren im Januar gemeinsam nach Hamburg – dank eines geliehenen Fahhrades: Kristina Schober (54) und Günter Wenzel (79) am Mollibahnhof von Heiligendamm. Quelle: Foto: Frank Söllner
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Heiligendamm

Der Tag, an dem Günter Wenzel (79) eine Fremde mit seiner Herzensgüte beschenkt, beginnt mit einem Fehltritt: Es ist der 3. Oktober, ein sonniger Herbstmorgen bricht an. Kristina Schober (54) radelt von Bad Doberan in Richtung Kühlungsborn. Sie muss zur Arbeit. Im Hotel Upstalsboom soll die Wellnesstrainerin am Vormittag eine Yogastunde geben.

Auf halber Strecke, in Heiligendamm aber passiert es: Die Fahrradkette springt ab. Kristina Schober tritt ins Leere.

Auch das noch: Die Bahn ist weg

Kein Problem, der Bahnhof ist ja um die Ecke. Dann geht’s eben mit der Bäderbahn Molli weiter. Sie schließt also ihr Fahrrad an und sprintet zum Gleis. „Nur um dort festzustellen, dass die Bahn seit zehn Minuten weg ist und die nächste erst in einer Stunde fährt“, erinnert sich Kristina Schober.

Was nun? Sie muss doch dringend ins Hotel. Den Job dort hat sie erst seit einem Monat. Es ist ihre zweite Yogastunde, die darf sie auf keinen Fall ausfallen lassen. Sie merkt, wie in ihr Panik aufsteigt. „Aber was sollte ich machen? Die Straßen waren menschenleer, kein Auto weit und breit. Ich war mutterseelenallein und die Zeit gegen mich.“

„Haben Sie Werkzeug?“

Als sie schon kurz davor ist, vollends zu verzweifeln, kommt ihr Günter Wenzel mit seinem Klapprad entgegen. „Ich hatte den starken Impuls, ihn anzusprechen“, schildert Kristina Schober. „Plötzlich hörte ich mich sagen: ,Haben Sie Werkzeug?’“ Hatte er nicht. Aber einen guten Tipp: „In fünf Minuten fährt ein Bus. Das schaffen Sie.“

Kristina Schober schöpft Hoffnung. „Ich wollte gerade loslaufen, da rief mich Herr Wenzel zurück.“ Es ist doch Feiertag – da gilt der reguläre Fahrplan nicht. Der Radler gibt sich ritterlich: Ohne zu zögern bietet Günter Wenzel sein Fahrrad an. Dabei kennt er die Frau, die ihm da so mutlos gegenübersteht, gar nicht. Zwar wohnt er, wie Kristina Schober, auch in Bad Doberan, ist nur wegen seines Gartens in Heiligendamm. Gesehen haben sich die Beiden aber noch nie.

„Ich konnte sie doch nicht stehen lassen“

Warum also ist er so gönnerhaft? „Nun ja, man kann doch mal nett sein“, sagt er mit charmanter Unbekümmertheit. „Außerdem sah sie so hilflos aus. Ich konnte sie doch nicht so stehen lassen.“

Kristina Schober kann’s kaum glauben. „Ich dachte, ich hab’ mich verhört als er sagte ,Nehmen Sie meins’.“ Dankbar und tief berührt von soviel Edelmut akzeptiert sie Wenzels unverhofftes Angebot.

Beide verabreden sich für den Nachmittag: Dann will Schober ihrem Retter das Rad in Heiligendamm wiedergeben. Und Wenzel? Keine Angst, dass seine Leihgabe auf Nimmerwiedersehen davonrollt? „Ach was.

Chihuahua als „Kampfhund“

Wenn Frau Schober nicht aufgetaucht wäre, dann wär ich nach Kühlungsborn gefahren, hätte sie gesucht und meinen Kampfhund auf sie losgelassen“, sagt Wenzel und seine Augen funkeln ob des gelungenen Witzes. Sein „Kampfhund“ ist ein Chihuahua, handtellergroß, 13 Jahre alt und so harmlos, „dem müssen Sie die Leberwurst vorkauen“, lacht Wenzel.

Den Fifi muss der Rentner nicht von der Leine lassen. Kristina Schober fährt wie verabredet nach Feierabend vor der Gartenkneipe Mundt vor. Ein Freund holt sie und ihr kettenloses Rad dort mit dem Auto ab. Er bringt zwei Flaschen Wein mit. Als Dankeschön für Schobers Retter. „Ich hatte nämlich am Vormittag im Fahrradkorb von Herrn Wenzel eine leere Flasche Rotwein gesehen“, sagt Schober.

Zusammen in die Elbphilharmonie

Für seine gute Tat wird Günter Wenzel jetzt ein zweites Mal belohnt: Kristina Schober nimmt ihn im Januar mit in die Hamburger Elbphilharmonie – der Preis für die Gewinner dieser Medienaktion. Für Günter Wenzel erfüllt sich damit ein lang gehegter Wunsch. „Mein Sohn lebt in Hamburg, hat es bis jetzt aber leider noch nicht geschafft, einen Besuch der Elbphilharmonie für uns zu organisieren.“

Kristina Schober ist glücklich, dass sie ihrem Helden die vorbehaltlose Herzensgüte vergelten kann. „Ich halte es genau wie Herr Wenzel. Er hat damals zu mir gesagt: Jeden Tag eine gute Tat!“

Antje Bernstein

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