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Greifswald Leidgeprüfte Familie: Wir waren noch nie im Urlaub
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11:30 05.12.2017
Nicole und Robert Olschewski wohnen mit ihren Töchtern Lara Chantal (Mitte) und Leo Joline Mercedez in Guest. Quelle: CORNELIA MEERKATZ
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Guest

An 365 Tagen im Jahr öffnet Nicole Olschewski morgens 6 Uhr die Tür zum Zimmer ihrer 16-jährigen Tochter Lara Chantal. Sekunden vorher hält sie den Türgriff fest umklammert, atmet tief durch und hofft, dass es ein guter Morgen mit nicht allzuviel Stress wird. Dann weckt die kleine, zierliche Frau Lara in ihrem bis an die Decke gesichertem Bett, um sie für die Martinschule fertig zu machen ...

Die 16-Jährige, der man das Alter nicht ansieht, sitzt im Rollstuhl. Das Mädchen ist geistig und körperlich schwerstbehindert. In der 27. Schwangerschaftswoche kam es als Extremfrühchen mit 950 Gramm Geburtsgewicht auf die Welt. Die Ärzte mühten sich sehr, „aber es war einfach viel zu früh“, sagt die Mutter. Lara bekam schwere Hirnblutungen und einen Wasserkopf, ihr wurde deshalb eine Ableitung gelegt. Sie ist halbseitig gelähmt, muss nachts versorgt werden. Sie sieht auf einem Auge gar nichts, auf dem anderen nur Umrisse. Farben kann sie nicht wahrnehmen. Aber: Lara spielt gern in ihrem großen Sandkasten und schaukelt gern. Ihr Lachen ist umwerfend – und die Liebe der Eltern für ihr Mädchen grenzenlos.

Ein Leuchtturm war die Rettung

Laras kleine Schwester ist sieben Jahre alt und trägt einen außergewöhnlichen Namen: Leo-Joline Mercedez. Die Mutter lacht. „Sie sollte ein Junge werden, daher Leo. Joline hatten wir als Mädchennamen. Und Mercedez ist eine Liebeserklärung an meinen Mann. Er wollte immer mal einen Mercedes fahren, was natürlich unerfüllbar ist“, so Nicole Olschewski. Die Eltern geben sich alle Mühe, damit Leo nicht merkt, wieviel Kraft jeden Tag für Lara gebraucht wird. Aber die Siebenjährige, die in Kemnitz die Grundschule besucht und eine gute Schülerin ist, spürt das ganz genau. „Immer kümmert ihr euch nur um Lara“, hören die Eltern oft – und es bricht ihnen fast das Herz. „Wir spielen nachmittags immer mit unseren Töchtern. Aber Lara braucht einfach mehr Aufmerksamkeit“, sagt die Mutter.

Doch als ob dieses Paket noch nicht genug wäre, gab es riesige Schwierigkeiten, als die Familie vor gut zwei Jahren von Greifswald nach Guest zog und Lara zusätzlich in die Pubertät kam: Sie wurde aggressiv. „Und zwar so, dass sie einfach nicht mehr zu bändigen war. Sie ging auf andere los, auch auf uns. Das war richtig körperliche Gewalt, sogar gegen ihren geliebten Papa“, schildert Nicole Olschewski. An Schule war nicht zu denken.

„Zu Hause hat sie alles zerstört, Türen gingen kaputt. Sie hat das neue Zuhause einfach nicht angenommen“, berichtet Robert Olschewski. Der Vater arbeitet als Transportkoordinator bei den Deutschen Ölwerken in Lubmin. Es musste eine Lösung her, „denn wir waren wirklich am Ende unserer Kräfte. Und Lara war wie eine tickende Zeitbombe, die jeden Moment explodieren konnte“. Die Worte seien drastisch, sagt der Vater, „aber genauso war es. Wir konnten einfach nicht mehr.“ Also haben sich die Eltern schweren Herzens Heime angeschaut ... „Wir sind jedes Mal weinend rausgerannt. Wir konnten das einfach nicht“, so Nicole Olschewski und Tränen glitzern in ihren Augen.

Auf ihrer Arbeit – die 34-Jährige arbeitet täglich vier Stunden beim Diakonie Pflegedienst in Hanshagen – hörte sie vom Kinderhospizverein. „Ich habe mich an jeden Strohhalm geklammert. Deshalb habe ich angerufen und nach Hilfe gefragt“, erzählt die junge Frau. Und der Verein half. Seit zwei Jahren haben die Olschewskis nun zwei Familienbegleiterinnen, Susan Aipperspach und Maika Schwarz, die Nicole und Robert unterstützen. Sie kommen immer am Wochenende, passen auf Lara auf. Die bekommt jetzt neue Medikamente, ist friedlicher geworden. Die Eltern können einkaufen gehen oder anderes erledigen. „Nach Jahren konnten wir dadurch sogar abends mal ins Kino gehen“, berichtet die Mutter lächelnd. Für sie trägt der Verein den Namen „Leuchtturm“ zurecht.

Viele unerfüllbare Träume

Dennoch bleiben viele Dinge für Familie Olschewski unerreichbar. Urlaub zum Beispiel. „Wir haben nie gemeinsam Urlaub, denn wir müssen ja immer organisieren, dass jemand für Lara da ist. Ans Wegfahren ist sowieso nicht zu denken“, sagt Nicole. Drei, vier Tage überlappe sich manchmal der Urlaub, das war’s dann. „Leo leidet darunter, denn Urlaubsreisen wie andere Kinder kennt sie nicht.

Und ja, unsere Zweisamkeit bleibt bei all der Arbeit und der Sorge um Lara schon auf der Strecke“, resümiert Familienvater Robert und streicht dabei seiner Frau liebevoll über die Hand. Während Nicole meist abends 20.30 Uhr schlafen geht – „der Akku ist aufgebraucht“ – schaut er noch einen Moment Fernsehen, versorgt Lara noch einmal und legt sich dann auch bald schlafen. „Wir wissen ja nicht, ob die Nacht ruhig wird“, meint er. Doch oft grübelt er noch ... so viele Fragen, so viele Wünsche.

Einer soll sich für die leidgeprüfte Familie nun bald erfüllen: Zum ersten Mal für eine Woche gemeinsam Urlaub. Die Spenden der OZ-Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“ will der Kinderhospizverein „Leuchtturm“ verwenden, um Familien wie den Olschewskis auf der Insel Usedom die Möglichkeit zum Krafttanken zu geben. „Das wäre so wunderbar“, sagen Robert und Nicole und umarmen ihre Töchter. Und Lara gibt ein großes Versprechen ab: Wie beim Therapieschwimmen werde sie sich die Nase zuhalten und in der Ostsee untertauchen.

Cornelia Meerkatz

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