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Usedom Schön anstrengend, anstrengend schön
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11:44 05.12.2017
Kinderdorfhaus „Nordlicht“- Mutter Rita Bohn (57) mit Rico (8) und Nadine (11). Zu den beiden Jüngsten im Haus – wir haben ihre Namen zu deren Schutz verändert – hat Frau Bohn ein besonderes Verhältnis. Sie hat sie von kleinauf betreut. Quelle: Foto: Steffen Adler
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Wolgast

Es ist früher Nachmittag. Rico kommt nach Hause, der Schultag ist gelaufen. Aber, halt! Irgend etwas stimmt da nicht. Ein bisschen druckst er herum. Rita Bohn kennt den Lütten gut, spürt, dass der Achtjährige noch etwas mit sich herum trägt. „Ach, na ja, ich hatte heute die Hausaufgaben vergessen“, gesteht er. „Wie kann das denn sein, wie haben doch gestern nachgeschaut? Na, wir suchen nachher mal gemeinsam, woran das lag“, reagiert Rita Bohn. Rico geht zum Basteln. Als Einziger im Kinderdorfhaus darf er zu ihr „Mama“ sagen.

Spendenkonto

Die Sparkasse Vorpommern führt wieder ein Spendenkonto, auf das ab sofort eingezahlt werden kann.

Zahlungsempfänger: Albert-Schweitzer-

Familienwerk;

IBAN: DE2015050500

0371001145

BIC: NOLADE21GRW

Verwendungszweck:

Spende OZ-Weihnachtsaktion;

Einzahlscheine liegen der Zeitung am 2. und 9. Dezember bei.

Das hat seine lange Geschichte, die Jahre zurück liegt. Doch die kleine Situation vermittelt eine ungefähre Ahnung davon, wie man hier miteinander umgeht.

„Die Kinder brauchen klare Regeln, Rituale, Verlässlichkeit und Stabilität.“ Denn sie kommen aus einem schwierigen sozialen Umfeld, haben viel zu oft vermisst, was eine intakte Familie bedeutet. Aber genau so, ja vielleicht noch mehr benötigen sie Zuwendung, Wärme und offene Arme. Rita Bohn und ihr Team, darunter auch Ehemann und Ricos „Papa“Ronald als Hausmeister und Mann für alle Fälle, geben ihnen das. Und sie haben aus dem Domizil in der Wolgaster Altstadt ein Schmuckkästchen gemacht – in jeder erdenklichen Hinsicht.

Eigentlich in Katschow zu Hause arbeitet das Paar seit fast sieben Jahren beim Albert-Schweitzer-Familienwerk. „Kinderdorfhaus kann nicht jeder, dafür muss man gemacht sein“, sagt die frühere Jugendklubleiterin von Usedom. Ihr Grundsatz: „Ich lebe meine Arbeit und arbeite mein Leben.“ Die gelernte Erzieherin für Heimerziehung fuhr schon 1994 nach Sachsen-Anhalt, um sich das Familienwerk anzusehen. Als sie zurück kam, stand für sie felsenfest: Das gründen wir auch in MV. Und es folgten Aufbauarbeit, Umbrüche, Erfolge und Rückschläge. Heute stehen ihr im Haus „Nordlicht“ zwei Pädagogen und eine Hauswirtschaftskraft zur Seite. Gemeinsam schaffen sie es, ein familienanaloges Leben mit den Mädchen und Jungen zu führen. Und das 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr – eine Mammutaufgabe und Herausforderung, die professionelles Handeln, viel Empathie und Disziplin erfordert. Mal einfach so „mit links“ ist da nix zu machen.

Momentan sitzen mit ihr morgens und abends zwei Mädchen und drei Jungen mit am Tisch. Der Jüngste ist acht Jahre alt, der Älteste 15. Ein Kinderzimmer steht gerade frei und wartet auf seinen neuen Bewohner. Das ist sehr selten der Fall, denn die Jugendämter warten immerzu auf freie Plätze für Kinder, die aus ganz unterschiedlichen Gründen leider nicht zu Hause leben können. Da gibt es alles:

Trennung mit Streit und Hass, Alkohol und Drogen oder einfach nur schlichte Ignoranz der Jüngsten.

Für Familie Bohn ist ihr Haus auf Usedom jener Ort, an dem sie dem Alltag auch mal übers Wochenende „entfliehen“ können. Doch so sehr es beispielsweise Rico gefällt, auch dort mit ihnen zusammenzusein; schnell war klar, dass das Ehepaar immer seltener weg konnte. Denn die Kinder fordern ihr Recht, brauchen reichlich Zeit und Aufmerksamkeit – im „Nordlicht“.

Rita Bohn ist auf Usedom bekannt, denn sie steht auch regelmäßig auf dem Friedhof – als professionelle Trauerrednerin. Das ist ihr „Ausgleich“, sagt sie mit einem kleinen Lächeln. Dadurch kommt sie mit vielen Menschen in Kontakt, erfährt von Schicksalen und hat gelernt, sich einzufühlen. Außerdem ist sie eine „Märchentante“. Märchen sind heilsam, lehrreich, verzaubern uns und regen die Phantasie an. Also liest sie sie vor – gern auch mal im Kostüm.

Geschäftsführerin Inka Peters lobt: „Rita Bohn ist stets bereit, wenn Einsatz gefragt ist. Praktikanten anleiten, Dienstplanung, Kindergeburtstage, Hilfe-Plankonferenzen, Fortbildung, Hausaufgaben, Fachärzte konsultieren, Hausputz, Elternversammlung.“ Kinderdorfhausmütter sind Alleskönner mit Herz und Verstand und Nerven wie Drahtseile. Ihr Leben, sagt die ausgebildete Entspannungspädagogin, sei „schön anstrengend und anstrengend schön.“ Inzwischen ruft Rico nach Mama. Unser Gespräch hat lange, ihm wohl zu lange gedauert.

Steffen Adler und Katja Bär

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