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Vergangenheit Eine Zeitung, zwei Epochen
Thema Specials OZ-Jubiläum Vergangenheit Eine Zeitung, zwei Epochen
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18:40 06.05.2017
OZ-Chefredakteure unterschiedlicher Epochen im modernen Newsroom: Andreas Ebel (seit 2012) mit Dr. Siegbert Schütt (bis 1989). Quelle: Foto: Dietmar Lilienthal
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Rostock

65 Jahre OSTSEE-ZEITUNG, das bedeutet Tageszeitung in zwei gegensätzlichen Epochen: in der DDR bis zur Wende, dann im vereinten Deutschland. Zwei Chefredakteure trafen sich jetzt zum Gespräch über die beiden Zeitalter: Dr. Siegbert Schütt (82), OZ-Chefredakteur 1974-1989, und Andreas Ebel (48), Chefredakteur seit 2012.

Dr. Schütt, Sie haben rückblickend mal geschrieben: „In der Demokratie ist der Journalist fähig, Deformationen eines Systems aufzudecken . . . In der DDR gab es kaum eine Chance, gegen befohlene Schönfärberei, Machtmissbrauch, Demagogie, Bespitzelung und Entwürdigung anzugehen.“ Klingt, als hätten Sie Schwierigkeiten, zu Ihrer Arbeit in der DDR zu stehen.

Dr. Siegbert Schütt: Dazu stehe ich überhaupt nicht mehr. Ich habe mit meinem Leben abgerechnet, habe abgerechnet mit meiner früheren Arbeit. Das war kein Journalismus, das war uns schon damals klar.

Wie sehen Sie heute die Verantwortung dafür? Die OZ war ja Parteizeitung, Organ der SED-Bezirksleitung.

Schütt: Wir haben freiwillig eine Zensur gesetzt, Selbstzensur. Wir haben ja viele Widersprüche selbst gesehen und dachten: Mensch, es muss was Neues kommen, Jüngere müssen ran, Honecker hat ausgewirtschaftet. Aber wir haben uns dennoch gebeugt, weil wir glaubten, im Sinne des Sozialismus die Verhältnisse ändern zu können.

Würden Sie trotzdem auch was Gutes aus Ihrer Zeit bilanzieren, nach dem Motto: Vieles war sehr schlimm, aber manches haben wir geschafft?

Schütt: Na ja, im Lokalen haben wir vieles erreicht. Aber mich bewegen heute die anderen Dinge . . .

Ist das Ihre Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung?

Schütt: Ja, Schuld und Verantwortung von mir – und natürlich auch der Kollegen in der Redaktion. Denn auf mich waren 20 Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit angesetzt, die haben über mich berichtet, seit 1968.

Wen haben Sie denn als IM gefunden?

Schütt: Ich nenne keine Namen.

Sie selbst mussten wohl als Leiter offiziell mit der Stasi kooperieren?

Schütt: Nein, ich habe nicht kooperiert. Das geht eindeutig aus den Akten hervor. Und die wollten mich weghaben. Ich habe gesagt, die Staatssicherheit hat nichts zu suchen in der Partei.

Ein ungeschriebenes Gesetz. Aber sie haben das trotzdem gemacht.

Die 20 IMs, waren die alle aus der OZ-Redaktion?

Schütt: Aus der OZ waren es acht, zwei von den Norddeutschen Neuesten Nachrichten. Hier in diesem Buch sind alle drin, in einem Abschnitt „Die OZ im Blick der Stasi“.

Na, wenn es schon publiziert ist, dann her damit!

Schütt: Nein, das mache ich nicht. Es ist nicht publiziert, das habe ich nur für mich gemacht.

Jetzt ein großer Sprung in die Gegenwart: Wie sieht man heute als Chefredakteur diese Zeitung?

Andreas Ebel: Es ist schon etwas Besonderes, bei einer Zeitung zu arbeiten, die zwei Leben hat. Eben dieses DDR-Leben, über das ich mir aber nie eine Bewertung anmaßen würde – denn ich weiß

ja nicht, wie ich damals in einer solchen Situation gehandelt hätte. Und dann die Gegenwart, in der uns auch unsere Leser geblieben sind – die Zeitung hat ja den System-Wandel zusammen mit unserer Leserschaft vollzogen. Dieser Wandel bestimmt bis heute unsere Berichterstattung. Unsere Leser sind bei allem, was politische Vorgänge, was Demokratie angeht, sehr sensibel. Der Umgang mit Russland wird hier zum Teil anders bewertet als bei anderen Zeitungen unserer Madsack-Mediengruppe. Also, wie bewerten wir Sanktionen gegen Putin? Da ist hier manches anders, aber das macht es so interessant.

Sehen Sie eine Kontinuität, die beide Zeitungsepochen verbindet?

Ebel: Was beide Epochen eint, ist das Thema Heimatzeitung: dass wir Informationen vor Ort vermitteln, auch Ratgeber vor Ort sind. Die OZ bedeutet auch ein Lebensgefühl. Ich denke, so was machten damals die Pressefeste . . .

Schütt: . . . Das waren die größten Volksfeste in der Region . . .

Ebel: . . . und es zeigt, damals wie heute, dass die OZ nicht nur Informationsträger ist. Unser Erfolgskonzept beruht darauf, dass wir uns auf Heimat besinnen, dabei alle Themenlagen bedienen und dadurch selbst ein Stück Heimat sind.

Schütt: Das gefällt mir auch. Mir gefällt nur nicht an der OZ von heute, dass sie total boulevardisiert wurde.

Das ist sicher auch eine Frage der Definition, was meinen Sie denn mit Boulevardisierung? Herr Ebel hat bestimmt Antworten dazu.

Schütt: Ich denke da vor allem an die sehr großen Fotos . . .

Ebel: Genau. Das ist auch dem Zeitgeist geschuldet. Wir haben beispielsweise für unser Foto zu diesem Interview eine OZ von früher herausgesucht. Und die gefallen mir natürlich auch nicht.

Schütt: Nee, das gefällt mir auch nicht mehr.

Ebel: Wir konsumieren heute anders, auch bei Nachrichten und Informationen. Der Einstieg geht sehr stark über Bilder. Und es geht ja inzwischen noch weiter: In unseren Online-Angeboten arbeiten wir mit bewegten Bildern, also Videos. Die Informationswelt ist bunter geworden, optischer. Und ja: auch lauter. Zum Thema „Boulevardisierung“ gehört wohl auch, dass wir durchaus auffallen wollen und Gesprächsthemen laut setzen.

Vielleicht müssen wir auch lauter sein im Konzert der Medienlandschaft?

Ebel: Ja, natürlich. Um wahrgenommen zu werden, um gekauft zu werden. Um Stadtgespräch zu werden: Die OZ muss zwischen Grevesmühlen und Usedom täglich Stadtgespräch sein. Dafür muss man zum Teil auch laut sein.

Die Zeitung musste sich immer aufs Neue in die Medienlandschaft einordnen. Wie bilanziert man da eine Gesamtentwicklung über 65 Jahre?

Schütt: Sie hat sich damals schon eingeordnet, als wir im Rheinischen Format erschienen und im Offsetdruck. Aber es ist schwer, diese Zeiten zu vergleichen. Es war toll, dass hier nach 1990 eine neue Druckerei errichtet wurde. Ich war froh, dass ich da noch ein paar Jahre mitarbeiten durfte, und habe mich gefreut, dass den Journalisten der OZ die Chance gegeben wurde, selbst eine moderne, unabhängige Tageszeitung zu machen, die dem Leser dient.

Uns wirft man aber heute aus „Pegida“-Kreisen mit dem Stichwort „Lügenpresse“ vor, deutsche oder amerikanische Regierungen würden vorgeben, was wir schreiben . . .

Ebel: Solche Anrufe und Briefe hatten wir auch. Ich habe versucht, ihnen klarzumachen, dass es nicht so ist, aber sie wollten das nicht akzeptieren. Sie glauben wirklich, dass Frau Merkel oder Herr Gabriel hier anrufen und ansagen, was in der Zeitung stehen soll. Das ist natürlich Blödsinn. Aber wir Journalisten müssen unser Tun jeden Tag kritisch überprüfen. Und beim Thema Flüchtlingspolitik, da hat es zeitweise in den Köpfen einiger Journalisten eine Art Selbstzensur gegeben (da will ich mich selbst gar nicht ausnehmen). Es gab ja diese Hilfs-Euphorie vor anderthalb Jahren. Da haben wir erst zu spät auf Probleme hingewiesen. Wir haben als Medien immer eine Mitverantwortung, nicht für oder gegen etwas Partei zu ergreifen. Natürlich dürfen wir Sympathie und Empathie für Flüchtlinge haben und vermitteln. Aber wir müssen immer genau hinschauen, und wenn es Probleme gibt, müssen wir über die Probleme berichten.

Interview: Dietrich Pätzold

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