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Vergangenheit Eine einzigartige Erfolgsgeschichte
Thema Specials OZ-Jubiläum Vergangenheit Eine einzigartige Erfolgsgeschichte
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00:00 06.05.2017
Im Jahr 2006 wurde eine neue Rotationsdruckmaschine in Rostock montiert. Stündlich konnten nun bis zu 50 000 Zeitungen gedruckt werden. Quelle: Foto: Hartmut Klonowski
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Rostock

Die OZ-Redakteure hatten gerade die Silvesterausgabe 1989 produziert, als sie mit Dr. Günter Semmerow, damals Geschäftsführer der Lübecker Nachrichten (LN), überraschenden Besuch erhielt. Der Lübecker Gast wurde von Mitgliedern der Chefredaktion freundlich empfangen. „Entgegen meiner Erwartung spürte ich schnell, dass die OZ-Führung nicht SED-linientreu war, sondern offen für eine freimütige Diskussion“, erinnert sich Semmerow. Die Zeitungskollegen aus Ost und West tauschten sich bei einer Tasse Kaffee fachlich aus: Wie machen Sie Ihre Zeitung? Wie groß ist das Verbreitungsgebiet? Wo sind die Lokalredaktionen? Wie sieht der technische Betrieb aus? Der LN-Geschäftsführer wollte auch in Erfahrung bringen, wo es Engpässe gebe – und ob man der OZ helfen könne. „Da die Zeitung ja überall ähnlich gemacht wird, war es sofort ein offener und interessanter Gedankenaustausch. Betrieb und Druckerei hatte ich nicht besichtigt, aber vom veralteten Zustand mit Bleisatz und Hochdruck erfahren“, sagt Semmerow. Ihm sei dabei sehr deutlich geworden, dass der OZ ein tiefgreifender Wandel bevorstand.

Wenige Tage später klingelte bei Semmerow das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Gerd Spilker, der spätere OZ-Chefredakteur. Er bat um ein rasches Treffen, da sich die Dinge bei der OZ rasant entwickelt hätten. Es kam zum Treffen in Warnemünde – unter vier Augen: Spilker wollte wissen, ob die LN zu einer Zusammenarbeit bereit seien. Sein Partner sagte ihm eine umfassende Kooperation zu, sobald dies politisch und wirtschaftlich möglich sei.

Diese Zeit war gekommen, als auf einer Belegschaftsversammlung der OZ am 20. Januar 1990 Walter Block zum Geschäftsführer und Gerd Spilker zum Chefredakteur gewählt wurden. Das „Joint venture“-Gesetz machte eine Beteiligung bis 50 Prozent zwischen Ost- und West-Firmen möglich. Walter Block als verantwortlicher Geschäftsführer suchte einen Partner aus dem Westen, der in der Nähe lag sowie Know-how und Finanzkraft mitbrachte. Die LN mit dem Springer-Konzern im Hintergrund waren ideal dafür. Die frischgebackenen Partner entwickelten nun eine gemeinsame Idee, wie die OSTSEE-ZEITUNG der Zukunft zu gestalten sei.

Die erste gemeinsame Analyse der Zeitung ergab jedoch Beängstigendes. Die völlig veraltete Druckerei musste vom Bleisatz auf Computersysteme und vom Hoch- auf Offsetdruck mit einer modernen Weiterverarbeitung umgerüstet werden. Dazu war ein Druckerei-Neubau nötig. Auch eine moderne Elektronische Datenverarbeitung für Anzeigen, Vertrieb und die kaufmännischen Bereiche fehlte. Es gab weder einen Anzeigen-Außendienst noch das notwendige Marketing. Die OZ hatte etwa zehn Millionen DDR-Mark Verlust, subventioniert durch die Gewinne des Ostsee-Druck (OD). „Das Unternehmen musste also vom Kopf auf die Füße gestellt werden – das war die einzige Überlebenschance“, resümiert Günter Semmerow.

Innerhalb von nur zwei Jahren sollte der Wandel vollzogen sein. Zuerst wurden daher die Firmen OZ und Ostsee-Druck rechtlich zu einer Einheit fusioniert. Damit konnten Hunderte von OD-Mitarbeitern in den wachsenden Zeitungsbetrieb – Anzeigen, Vertrieb und Setzerei – umgelenkt werden.

Semmerow, der auch auf die große Bindung der Mitarbeiter zu ihrem Unternehmen setzte, lernte die enorme Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter und ihre Fähigkeiten sehr schnell schätzen. Er selbst war Gast von etlichen Wochenendseminaren der Redaktion, erlebte, wie die Rostocker auch nach Feierabend noch Schulungskurse besuchten. „Angesichts eines solchen Enthusiasmus konnte ich meinen Gesellschaftern in Lübeck die Beteiligung an der OZ ruhigen Gewissens empfehlen“, denkt Semmerow zurück.

Im ersten Halbjahr 1990 versuchten Großverlage wie Gruner und Jahr, die WAZ-Gruppe und andere, OZ-Geschäftsführer Walter Block auf ihre Seite zu ziehen. Aber der Mecklenburger mit hanseatischen Grundsätzen war nicht umzustimmen. Zumal damals die Kooperation mit den LN bereits weit vorangeschritten war. So gab es einen Vertrag nach dem „Joint venture“-Gesetz.

Nachdem am 1. Juli das Treuhandgesetz in Kraft trat, strebten die LN einen 100-prozentigen Kauf der OZ an. Die Investitionszusagen lagen bei etwa 100 Millionen D-Mark, zuzüglich Kaufpreis. Bis Ende 1990 wurden davon 70 Millionen investiert: in Fotosatz, Textsysteme, EDV, neue Druckerei und die bestellte Rotationsanlage. Finanzierung und Kreditbürgschaften leisteten die LN, denn die ostdeutschen Betriebe waren nicht kreditwürdig.

Doch plötzlich kam Sand ins Getriebe. Nach einer Verhandlungsrunde stoppte die Treuhand das Verfahren. Erst Monate später begann eine neue Ausschreibung. In den folgenden Gesprächen in Berlin kam den LN und der OZ dann jedoch zugute, dass sie gemeinsam in beispielhafter Form das Unternehmen OSTSEE-ZEITUNG sehr dynamisch entwickelt hatten.

Die Treuhand zeigte sich beeindruckt, die gute Kooperation gab letztlich den Ausschlag für den Verkauf der OZ an die LN. Dann wurde es jedoch noch einmal kritisch. Die SPD forderte kategorisch von vielen Ostverlagen, so auch in Rostock, eine 25-prozentige Beteiligung wegen angeblicher alter Besitzansprüche. OZ und LN lehnten dieses Ansinnen kategorisch ab. Nach intensiven Bemühungen durch die Treuhand ist die SPD mit endlich einverstanden. In Rostock erhielt sie von der OZ eine Immobilie in der Doberaner Straße 6 zurück. Der Kaufvertrag mit den LN wurde am 31. August 1991 unterzeichnet. Am 6. Dezember desselben Jahres wurde mit der Einweihung der Offsetdruckerei der Wandel zur modernen Regionalzeitung abgeschlossen. Für diese Leistung erhielt die OZ 1992 in London den „Presse Oscar“ als „Europäische Zeitung des Jahres“.

Das verlegerische Konzept, das auf zehn starke Lokalausgaben setzt, wird längst von den Lesern anerkannt. Daraus resultiert auch, dass die OZ von allen Zeitungen in den neuen Bundesländern seit Jahren die niedrigsten Auflagenverluste hat. Der Wandel der OSTSEE-ZEITUNG zur modernen Regionalzeitung ist nicht nur eine bedeutende berufliche Erfolgsgeschichte für alle Beteiligten: Es ist auch wirtschaftlich ein großer Erfolg, der sich bis heute für die OZ, nun als Mitglied der Madsack- Gruppe, fortsetzt.

OZ in die Marktwirtschaft geführt

Der Mecklenburger Walter Block wurde von den Mitarbeitern am 20. Januar 1990 zum Geschäftsführer der OSTSEE-ZEITUNG gewählt. Als gelernter Buchdrucker kannte er nach vier Jahrzehnten beruflicher Erfahrung in Rostock und Schwerin das Verlagsgeschäft wie kein Zweiter. Block organisierte die Fusion von OZ und Ostsee-Druck und führte das Unternehmen in Kooperation mit den Lübecker Nachrichten erfolgreich in die Marktwirtschaft. Er hat großen Anteil daran, dass Verlag, Druckerei und Redaktion in Rekordtempo modernisiert wurden. 1994 ging er in den Ruhestand. Walter Block starb mit 70

Jahren am 31. Juli 1998.

Diplom-Kaufmann Dr. Günter Semmerow begann seine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Assistent an der Universität und wurde dann Referent beim Alleinvorstand der Axel Springer Verlag AG. Von 1974 bis 1982 war Semmerow als Geschäftsführer der Lübecker Nachrichten GmbH tätig. 1982 wurde er Hauptgeschäftsführer, 2002 ging er in den Ruhestand. Von 1991 bis 1994 gehörte Semmerow auch zur Geschäftsführung der OZ in Rostock. Von 1987 bis 2003 war er zudem Vorsitzender des Verbandes der Zeitungsverlage Norddeutschland und gehörte zum erweiterten Präsidium des Bundesverbandes.

Bernhard Schmidtbauer und Werner Geske

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