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Gaudi mit den Gutenberg-Jüngern

Rostock Gaudi mit den Gutenberg-Jüngern

Bereits in den sechziger Jahren feierte die OZ Gautschfeste. Tausende Schaulustige verfolgten die stundenlangen Taufen, die feucht-fröhlich über die Bühne gingen.

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9. OZ-Boulevardfest, Sommer 2000: Die Packer Olaf Maaß (l.) und Marko Verchow auf dem Uni-Platz in Aktion.

Quelle: Fotos: Frank Söllner (3), Oz-Archiv (5)

Rostock. Ein sonniger Tag im Juni 1984. Trommelwirbel kündigt das feucht-fröhliche Spektakel an. Die Gutenberg-Jünger sind mit einem Seil zusammengebunden. Mit barschem Ton werden sie in Richtung Bühne getrieben und müssen dort auf dem Boden kauern. Der Gautschmeister wendet sich mit einer launigen Ansprache an seine Helfer, die ebenfalls mittelalterliches Gewand tragen: „Packt an! Lasst seinen Corpus posteriorum fallen auf diesen nassen Schwamm, bis triefen beide Ballen. Der durst’gen Seele ein Sturzbad gebet obendrauf – das ist dem Sohne Gutenbergs die allerbeste Taufe.“

Gautschfest bei der OSTSEE-ZEITUNG. Schriftsetzer- und Druckerlehrlinge wurden schon in den sechziger Jahren nach altem Buchdrucker-Brauch zu Gesellen (Schwarzkünstlern) gekürt. Zunächst auf dem Firmengelände, später im Rahmen des Pressefestes auf dem Kastanienplatz und auf dem Neuen Markt. Die schicken Kostüme waren Leihgaben des Theaters.

Einzeln verliest der Gautschmeister die Namen der Täuflinge. „Ekkehard Freygang!“ Der Genannte ergreift die Flucht. Die Packer eilen hinterher – zur Freude von Tausenden Schaulustigen. Freygang dreht zwei, drei Runden um die Bühne, „dann haben wir ihn am Kittel zu fassen gekriegt“, erinnert sich der heutige OZ-Layouter Marko Verchow (53).

Aufmüpfige wie Freygang durften sich einer Sonderbehandlung sicher sein. Von den Packern auf einen Stuhl mit einem nassen Schwamm gesetzt und mit einem ekelhaft süßen, klebrigen Schaum eingeschmiert, folgt das Bad in einer Tonne. Freygang wird mehrfach ins Wasser getaucht, ehe er seinen Gautschbrief in den Händen hält.

Kirsten Lobitz ergeht es nicht besser. Nach jeder Reinwaschung folgt der bange Blick zu den Zeugen. Daumen runter. Erneut wird die Rostockerin ins Wasser getaucht. „Drei der vier Packer waren Kollegen aus der Mettage. Von daher war klar, dass ich öfter baden gehen muss“, sagt die 51-Jährige, die heute als Anzeigengestalterin für die OZ tätig ist. „Aber ich war nicht die Einzige, die dreimal reingeflogen ist.“

„Wir haben keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern gemacht, aber eine leicht bekleidete Kollegin war für uns natürlich angenehmer als ein schwerer stinkender Kornut“, sagt Marko Verchow und lächelt verschmitzt. Der Täufling habe die Prozedur so lange über sich ergehen lassen müssen, „bis er es wert war, Geselle zu sein“.

Der Täufling hatte es selbst in der Hand, die Packer milde zu stimmen. Er musste eine hochprozentige Opfergabe mitbringen. „Je besser der Schnaps, desto sanfter wurde derjenige angefasst.

Wenn jemand mit einer kleinen Buddel oder einem blauen Würger ankam, war er ganz übel dran“, erzählt Olaf Maaß (60).

Der ehemalige OZ-Geschäftsführer Kurt Sabathil kannte derartige Gepflogenheiten nicht, als er 1992 gegautscht wurde. Erst Minuten vor der Zeremonie bekam er Wind davon. „Er hat dann schnell einen Fotografen zum Tabak-Laden geschickt, um eine Flasche zu holen“, erinnert sich Thilo Beckmann (52). Genützt hat es ihm nur wenig.

Beckmann, der 1983 gegautscht wurde und später als Trommler und Zeuge etliche Gautschfeste miterlebte, kann viele Geschichten erzählen. Von dem heißen Sommertag in den Achtzigern, als Schnaps statt Bier in die Krüge gefüllt wurde, oder von der Kollegin, die nach dem sechsten Bad freiwillig ins Fass kletterte und deren Mann derart sauer war, dass er den Packern an die Wäsche wollte.

Gautschen war Gaudi. „Eine schöne Tradition“, meint Kirsten Lobitz, die ihren Gautschbrief noch heute besitzt. Mitmachen musste jeder. Niemand entging den Häschern. Verchow: „Diejenigen, die gefehlt haben, wurden ein oder mehrere Jahre später gegriffen – ohne dass sie es geahnt haben.“

* Der Autor ist gelernter Schriftsetzer, wurde 1983 gegautscht und arbeitet heute als Sportredakteur bei der OZ

Uralter Buchdruckerbrauch

Gautschen ist ein uralter Buch-

druckerbrauch. Noch heute werden am Ende der Ausbildungszeit

Drucker, Buchbinder und Medien-

gestalter nach erfolgreichem Ende

ihrer Ausbildungszeit durch einen

traditionellen Gautschprozess

(Sitzen auf einem Stuhl mit nassen Schwämmen und Eintauchen in eine Bütte/Bottich) zum Gesellen (Schwarzkünstler) gekürt. Zu dieser feierlichen und feucht-fröhlichen

Zeremonie gehören ein Gautsch-

meister, Schwammhalter und

mehrere Packer. Symbolisch

bedeutet dieser Brauch auch, dass der neue Geselle von allen

schlechten Gewohnheiten seiner

Ausbildungszeit gereinigt wurde.

Dokumentiert wird diese „Los-

sprechung“ durch feierliche Über-

reichung eines Gautschbriefes als

Erinnerung.

Stefan Ehlers

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