Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Vergangenheit Jubel und Kritik: Marine in der OZ
Thema Specials OZ-Jubiläum Vergangenheit Jubel und Kritik: Marine in der OZ
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 06.05.2017
Anzeige
Rostock

Seit 65 Jahren berichtet die OSTSEE-ZEITUNG über die Marine. Das liegt nahe: Zu DDR-Zeiten lagen sämtliche Standorte der Volksmarine im Bezirk Rostock. Mit der Wende 1989 kam auch hier ein harter Bruch: War es bis dahin die Aufgabe, die DDR-Volksmarine in einem möglichst guten Licht dastehen zu lassen, waren danach durchaus kritische Töne möglich. Bis heute ist die Marine wichtiges Thema der Berichterstattung und Partner der OZ, zumal seit einigen Jahren Rostock auch Sitz der gesamtdeutschen Marine ist.

Johannes Dumrese,

Marinesprecher FOTO: MATTHIAS LETZIN/

BUNDESWEHR

Dieter Flohr, ehemals Volksmarine FOTO: LILIENTHAL

Wie sich die Bedeutung der Pressearbeit bei der Marine geändert hat, zeigt sich schon in der personellen Besetzung: Heute ist Johannes Dumrese Chef des Presseinformationszentrums der Marine mit zeitweise bis zu 70 Mitarbeitern. In den letzten Jahren der Volksmarine war Dieter Flohr der einzige Pressesprecher. „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, sagt Flohr. „Ich war ganz alleine für die Betreuung von Zeitungen, Fernsehen, Rundfunk und ausländischen Journalisten zuständig.“ Seinen Dienstsitz hatte Flohr im Kommando der Volksmarine in Rostock-Gehlsdorf.

„Journalismus war für viele in der Volksmarine ein rotes Tuch“, erinnert sich der heute 79-jährige Flohr. „Man hatte Angst, Geheimnisse zu verraten und dadurch Ärger zu bekommen.“ Andererseits gab es aber auch eine gewisse Eitelkeit, sich in der Zeitung zu sehen. „Die Nationale Volksarmee hat viel dafür getan, in der Öffentlichkeit gut dazustehen“, sagt Dieter Flohr, „und die Marine hatte dabei leichtes Spiel, denn sie war in der Bevölkerung sehr beliebt“.

Das allgegenwärtige Klima von Misstrauen und Bespitzelung betraf allerdings auch die Pressestelle: „Ich war immer im Visier der Stasi wegen der Geheimhaltung“, sagt Flohr. „Aber ich hatte auch schon selber die Schere im Kopf, und an geheime Bereiche kam ich auch gar nicht heran.“

Dennoch gab es mehrfach Ärger: „1979 gaben wir den Bildband ,Volksmarine auf Wacht’ heraus. Darin waren auch Bilder von Kampfschwimmern, die nicht hätten gezeigt werden dürfen.“ In Berlin schlug prompt ein Zensor Alarm und bezichtigte Flohr gar des Hochverrats. Bereits 1964 hatte er Besuch von der Stasi bekommen: „Bilder von der Generalprobe einer Flottenparade in Warnemünde waren im Westen in der Marine-Rundschau erschienen.“ Die Stasi wollte wissen, wie die Bilder in den Westen gelangt waren und durchsuchten sein Büro – ohne Ergebnis.

1989 änderte sich dann alles: „Das war für mich die schönste Zeit überhaupt“, erinnert sich der Pensionär. Zeitungen und Fernsehsender aus der ganzen Welt kamen auf einmal nach Rostock, um über die Volksmarine zu berichten. Plötzlich war möglich, was früher undenkbar war: „Der RIAS Berlin besuchte die Offiziershochschule Stralsund und durfte sogar in die Waffenkammer.“ Als der Kommandeur das erfuhr, wurde er wütend. Als dieser dem Sender dann noch ein Interview geben sollte, bekam er keinen vollständigen Satz heraus. „Das hat er mir bis zum Lebensende nicht verziehen“, sagt Flohr.

Die neuen Freiheiten genossen auch zwei britische Journalisten: Sie durften sogar in Maschinen des sowjetischen Typs SU 22 in Laage mitfliegen.

1991 wurde Flohr dank seiner Erfahrung zum Referenten für Verteidigungspolitik im Bundestag bestellt, danach arbeitete er in der Rostocker Standortverwaltung der Marine, bevor er 1998 in Pension ging und noch weiter als freier Journalist, vor allem für die OZ, schrieb.

Inzwischen hat sich die Pressearbeit der Marine grundlegend verändert. „Wie alle Behörden sind auch wir zur Information der Bevölkerung verpflichtet“, sagt der heutige Pressechef Johannes Dumrese.

„Das ist der entscheidende Unterschied zur Volksmarine: Der Bürger soll in der Lage sein, sich eine eigene Meinung zu bilden.“

Aber die Marine habe auch selbst Interesse daran, zu informieren und zu kommunizieren: „Wir wollen den Menschen deutlich machen, warum wir eine Marine brauchen, welche Schiffe und Boote wir anschaffen und dass es sich lohnt, Geld in die Deutsche Marine zu stecken – gerade jetzt, wo sie wieder wachsen soll“, erklärt Dumrese.

Dabei herrsche weitgehend Offenheit: „Die einzigen Grenzen, die es gibt, sind Fragen der militärischen Taktik, Sicherheit und Geheimhaltung.“ Wenn Journalisten sich auf Standorten bewegen oder an Bord eines Schiffes sind, haben sie immer einen Pressesprecher an ihrer Seite. „Das sind aber keine Aufpasser, sondern sie sollen den Journalisten unterstützen“, betont Dumrese. „In Gespräche mischen wir uns nicht ein – solange keine der oben genannten Geheimnisse verraten werden.“ Auch Texte müssten nicht etwa vorgelegt werden. „Wir bieten das auf freiwilliger Basis an, um sachliche Fehler zu vermeiden.“

Dabei bleibt es nicht aus, dass Dumrese sich auch über die Presse ärgert. „Manchmal wird es so dargestellt, dass alles Schrott ist, womit wir fahren.“ Gerade bei neuen Waffensystemen, die noch Kinderkrankheiten haben, werde der Eindruck erweckt, dass alles perfekt funktionieren müsse. „Diese Probleme werden meist schnell behoben. So war es etwa bei den in Rostock stationierten Korvetten, die am Anfang erhebliche Getriebeprobleme hatten.“ Inzwischen seien die Korvetten ein bewährtes System. „Aber das kommt dann in der Berichterstattung oft zu kurz“, klagt Dumrese.

Axel Büssem

Anzeige